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Medien 60 Jahre ARD: Verteidigungsschrift für die Öffentlich-Rechtlichen
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19:58 14.04.2010
Von Imre Grimm
ARD-Ikone: Der Informationsklassiker „tagesschau“, hier 1996 mit Dagmar Berghoff.
ARD-Ikone: Der Informationsklassiker „tagesschau“, hier 1996 mit Dagmar Berghoff. Quelle: ARD
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Versuchen wir für einen Augenblick, den ganzen Mist zu vergessen. Die unsäglichen Freitagsschmonzetten, die peinlichen Anbiederungsversuche an das junge Publikum mit „Bruce“ & Co., die behäbigen Ratgebermagazine, die plüschigen, kein Klischee auslassenden Telenovelas. Die Schleichwerbeskandale, die politischen Affären, die popkulturellen Verweigerungen, die diversen Empörungsanfälle einzelner Anstalten, namentlich des Bayerischen Rundfunks.

Und natürlich die fünf Milliarden Euro Gebührengelder, die Jahr für Jahr in die Töpfe der ARD-Anstalten wandern, und die 20 000 Angestellten zwischen Kiel und Konstanz, die jahrzehntelang im medialen Schlaraffenland lebten.

Versuchen wir, uns daran zu erinnern, was wir da haben: ein öffentlich-rechtliches System, das großes Fernsehen hervorzubringen imstande ist wie „Ein Herz und eine Seele“, „Kir Royal“, „Die Manns“, „Schimanski“, „Die Flucht“. Eine Senderfamilie, die nicht beherrscht wird von Konzerninteressen oder Wünschen von Werbekunden. Ein Non-Profit-Medium, das qua Gesetz zur Vermittlung von Kultur und Bildung verpflichtet ist, mit einem Pool von journalistischen Profis, deren Nachrichtensendungen zu den solidesten und ausgewogensten der Welt gehören.

Die „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ feiert 60. Geburtstag. Ein Grund zum Feiern? Selbstverständlich. Die ARD ist ein Erfolgsmodell. Auch wenn sie seit ihrer Geburt von dem Vorwurf begleitet wird, weit unter ihren Möglichkeiten zu bleiben. Was könnte man für fünf Milliarden Euro alles machen!, heißt es gern. Mehr Mut, mehr Querdenkertum, bitte, mehr Zumutungen für den Zuschauer!

Und es ist ja wahr: Die ARD, das größte deutsche Medienunternehmen nach Bertelsmann, ist (wie Deutschland selbst) ein wirtschaftlicher Riese mit strukturellen Defiziten. Wie eine „etwas immobil gewordene alte Dame“ komme ihm die ARD gelegentlich vor, ätzte kürzlich RTL-Nachrichtenmann Peter Kloeppel im NDR – sie sei „hüftsteif“ und „etwas rund um die Hüften“ geworden. Nun ist Kloeppel nicht frei von Eigeninteressen. Recht hat er dennoch. Die ARD ist ein rumpeliges Muttertier für Hunderte von Produktionsfirmen, Drehbuchautoren, Marketingagenturen, Redaktionen, kontrolliert von doch eher verschorften Gremien, ein „Luxusschiff, auf dessen Sonnendeck ich mich eingemietet habe, weil es mir in der freien Marktwirtschaft doch zu kalt geworden ist“, wie der Acht-Millionen-Euro-Mann Harald Schmidt kürzlich im Medienmagazin „Zapp“ sagte.

Als Geburtsstunde der ARD gilt der 9. Juni 1950, der Tag, an dem der Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, Adolf Grimme, seinen Kollegen von den anderen fünf Anstalten auf einer Sitzung in Bremen vorschlug, eine Dachgemeinschaft zu bilden. Am 5. Juni wurde die ARD gegründet. Doch erst seit dem 31. Oktober 1954 ist das gemeinsame Erste Programm auf Sendung – anfangs aus einem Bunker in Hamburg.

Jahrzehntelang war die ARD der kulturelle Gemischtwarenladen der Bundesrepublik, das berühmte Lagerfeuer der Nation, denn Konkurrenz gab es nicht. Sie hat den Deutschen über die Jahre ein Kaleidoskop von Erinnerungssplittern eingepflanzt, schwarz-weißen zunächst, mit dem frühen Public Viewing 1953 bei der Krönung von Königin Elizabeth II., mit dem WM-Sieg 1954, mit Hans-Joachim Kulenkampff, dem ersten echten ARD-Markenartikel, farbige Splitter dann später mit Rudi Carrell, mit „Bonanza“ und „Dallas“, mit Loriot, „Was bin ich?“, dem „Tatort“ natürlich, der „Lindenstraße“. Auch den medialen Urknall 1984, als die Privaten das Monopol von ARD und ZDF knackten, hat sie mit ihrer ganz speziellen Drei-Stufen-Taktik überlebt: ignorieren, kopieren, akzeptieren.

Die ARD feiert ihren Geburtstag mit zwei großen, von Reinhold Beckmann moderierten Shows am heutigen Donnerstag und am Sonnabend jeweils um 20.15 Uhr. „Unvergessliche Abende“ sollen das werden mit den „emotionalsten Momenten“ und „größten Stars“ bei der „ultimativen Geburtstagsshow“ – kein Zweifel: Das Erste hat in Sachen Eigenwerbung von RTL gelernt. Was fehlt zum Fest? Ein Schuss Selbstkritik.

Das Erste im Jahr 2010 – das ist vor allem eine gewaltige Konsensmaschine, darin freilich der Gesellschaft, die es abbilden soll, nicht unähnlich. Vor lauter Gequatsche in Talkshows und Gremien geht es – hier wie da – wenig voran. Die vier größten Baustellen: Jugend, Online, Unterhaltung, Realität. Von den Segnungen der Jugendkultur hat sich die ARD spätestens mit dem „Beat-Club“ verabschiedet – und wundert sich seitdem, dass junge Menschen in Fußgängerzonen regelmäßig zugeben, von dieser „ARD“ noch nie gehört zu haben („Wat? ARD? Kenn ich nicht.“) Erst jüngst musste sich das Erste Popkompetenz bei der PRO7-Konkurrenz einkaufen – für die Reanimation des Eurovision Song Contest. Diagnose: Der wichtigste Fernsehsender Deutschlands hat den Kontakt zur Lebenswirklichkeit der Jugend verloren.

Zweite Baustelle: Online. Mit den privaten Verlegern fetzt sich das Erste um die Zukunft im Netz. Verzerren die Gebührenmilliarden den freien Markt für Onlinenachrichten? In der Debatte wird viel über technische Möglichkeiten, Reichweiten und iPads gesprochen, aber wenig über Markenkerne, publizistische Ausrichtung, Inhalte und Ästhetik. Sicher ist: Ohne starke Präsenz im Netz droht ARD und ZDF die Bedeutungslosigkeit. Umgekehrt ist die Webwelt auch für Verleger überlebenswichtig.

Dritte Baustelle: Unterhaltung. Das bedeutet vor allem: Florian Silbereisen, Andy Borg und billige Best-of-Shows im Dritten. Die dritten Programme halten Kontakt zum Stammpublikum, mit bravem „Wohlfühlfernsehen“, wie der Medienwissenschaftler Volker Lilienthal kritisiert. Sie erzeugten eine „unkritische Heimatidylle“, findet er. „Die kostbaren Diamante verstecken sich unter alltäglichem Geröll.“ „Diamante“ wie Ina Müller oder Kurt Krömer versteckt die ARD gern im Nachtprogramm.

Vierte Baustelle: Realität. Das Zeitalter der welterklärenden älteren Herren in den Wohnstuben ist vorbei. Die komplexeren Lebensmodelle und Unwuchten der Gegenwart finden jedoch zu selten Niederschlag im Ersten. Gern macht man es sich leicht und beruft die immergleichen „Experten“ in Talkshows, die dann über Hartz IV, die Gesundheitsreform oder den Kopftuchstreit referieren. Wo ist die aufwühlende Dokumentation zum Thema? Die investigative Reportage? Das überraschende Interview? „Zwar ist bei der ARD alles irgendwie vorhanden, aber letztlich fehlt es da an Profil, wo es gesellschaftlich besonders brennt“, urteilt Bernd Gäbler bei „stern.de“,

Und dennoch: Die ARD ist ein Solidarkonzept, das zu verteidigen sich lohnt, das duale System ein Modell, das auch im Digitalzeitalter Zukunft hat. Was wir an ihr haben, wird uns sofort bewusst, wenn wir nach Italien, in die USA, nach Japan gucken: Qualität ins Pay-TV ausgelagert, Brot und Spiele für die Massen.

Die ARD wird endlich so alt wie ihre Zuschauer. Wir gratulieren.

14.04.2010
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Imre Grimm 14.04.2010