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Welt Martin Walsers „Spätdienst“: Schöner kann man vom Loslassen kaum schreiben
Mehr Welt Martin Walsers „Spätdienst“: Schöner kann man vom Loslassen kaum schreiben
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11:53 20.11.2018
Im „Spätdienst“: Der 91-jährige Martin Walser stellt sein jüngstes Buch vor. Quelle: Ulf Mauder/dpa
Hannover

Mit seinem vorletzten Buch hat der Schriftsteller Martin Walser noch einmal einen kleinen Skandal ausgelöst. Sein Briefroman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ (März 2018) wurde im Zuge der #MeToo-Debatte diskutiert, dem Autor wurden angesichts von hochrutschenden Röcken Altherrenfantasien unterstellt. Im Interview zeigte er sich amüsiert und beglückt über diesen Zusammenstoß seines Schreibens mit dem Zeitgeist.

Walsers „Lebensstenogramme“

In seinem jüngsten Buch aber wendet sich der 91-Jährige von Tagesaufregungen ab und dem Grundsätzlichen zu: Der Schriftsteller nimmt jenen melancholischen und pointierten Aphorismenstil auf, der dem Leser aus seinen „Meßmer“-Bänden vertraut ist. „Lebensstenogramme“ nennt Walser dieses Genre zwischen Lyrik und Essay.

„Spätdienst“ lautet der Titel dieser Sammlung, ein koketter Verweis auf das fortgeschrittene Alter des Autors, der nach der regulären Schicht einfach weiterschreibt. Der Begriff steht für Walsers Selbstverständnis als Dienstleister an der deutschen Literatur, für den es keinen Ruhestand gibt, nur Spätdienst.

Aus der Nachtschicht des Schriftstellers sehnt sich das lyrische Ich zurück vor den Anfang: „Ich möchte sein wie ein Wunsch, / auf der Schwelle möchte ich stehen, / ein Tag sein vor seinem Anbruch, / noch nicht gewesen sein möchte ich.“ Walser skizziert einen Prozess des Verschwindens, ein Verschmelzen mit dem Muster einer Tapete etwa. Das Ich verliert seinen Platz in der Welt: „Die Tage vergehen von selbst, / Ich mische mich nicht ein, / ich bin ein Fleck, der trocknet, / ich werde gewesen sein.“ Auch die körperlichen Aspekte des Alters spielen eine Rolle: Ein Schmerz, der zu klein zum Darüberreden, aber gerade gut zum Darüberschweigen ist. Das lyrische Ich betrachtet sich selbst wie einen Patienten von außen und verzeichnet nüchtern: „Mein Appetit ist gut.“ Bei aller Schwermut blitzt immer wieder Walsers Schalk auf, wenn er sich etwa wünscht, Gedichte zu waschen – und am Ende sind alle Konjunktive eingelaufen.

Bewegender Einblick in die Gefühlswelt des Spätdienstlers

„Meine Wörter sind schon leer, ich schau dem Krug bis auf den Grund“, schreibt Walser und beweist doch mit „Spätdienst“ das Gegenteil. Es ist ein bewegender Einblick in die Gefühlswelt des Spätdienstlers, der sich bei den Würmern anpreist, ohne larmoyant zu werden.

Mit der eigenen Sterblichkeit hat Walser sich immer wieder auseinandergesetzt, etwa in dem Roman „Ein sterbender Mann“ (2016). In seinem aktuellen Buch findet sich folgendes Abschiedsgedicht: „Übermorgen öffne ich / meine Stirn und lasse / das Brausen heraus, / dann schließe ich meine Stirn / und lege mich schlafen / unter des Traumbaums / entlastete Äste.“ Schöner kann man vom Loslassen kaum schreiben.

Martin Walser: „Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung“. Rowohlt. 208 Seiten, 20 Euro.

Von Nina May / RND

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