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18:18 12.11.2018
Zwei Schnitte, damit das Fleisch nicht stinkt: kastriertes Ferkel. Quelle: Samantha Franson
Stöckendrebber

Nach fünf Minuten scheint alles vergessen zu sein. Die 13 Ferkel liegen eng aneinandergekuschelt in ihrer Bucht neben der massigen Muttersau im Kastenstand. Viele schlafen, manchmal zuckt eines der Tiere im Traum mit dem kupierten Stummelschwänzchen. Man kann überhaupt nicht mehr unterscheiden, welche der Ferkel noch vor Kurzem kopfunter zwischen den Oberschenkeln von Hendrik Voigt eingeklemmt waren, während ihnen der Landwirt mit dem Skalpell zu Leibe rückte.

Es waren vier. Vier der 13 Ferkel, die die Sau in dieser Bucht auf dem Hof von Hendrik Voigt in Neustadt-Stöckendrebber sechs Tage zuvor geworfen hatte, sind Eberferkel. Voigt hat sie hochgehoben, hat sie auf eine Pappe in einen alten Einkaufwagen gesetzt, den er sich für solche Arbeiten präpariert hat, und hat ihnen Metacam in den Nacken injiziert, ein Schmerzmittel mit Entzündungshemmer. Nach zehn Minuten Einwirkzeit hat er sich den ersten der kleinen Eber geschnappt, hat ihn umgedreht und ihm mit der Klinge zwei feine Schnitte zwischen den Hinterbeinen beigebracht. Dann hat er mit seinen latexbehandschuhten Fingern die Hoden einzeln aus dem Hodensack rausgedrückt und sie am Samenleiter abgetrennt.

Etwa eine Minute pro Ferkel dauert diese Prozedur, über die in Deutschland im Allgemeinen und in der landwirtschaftlichen Branche im Besonderen derzeit so ausladend diskutiert wird: die Ferkelkastration. Was Voigt vorgeführt hat, ist das, was eigentlich von Anfang 2019 an verboten sein sollte, jetzt aber doch noch zwei Jahre lang erlaubt bleibt, sehr zum Missfallen der Tierschützer: die betäubungslose Kastration. Das Metacam ist eine freundliche Beigabe des Bauern. Eine richtige Lokalanästhesie oder eine Vollnarkose ersetzt es nicht.

Stinkerhormone im Fleisch

Hendrik Voigt ist ein mutiger Mann. Es ist derzeit nicht leicht, einen Landwirt zu finden, der öffentlich zeigt, was da genau im Stall abläuft, wenn Ferkel kastriert werden. Und er ist noch mal mutiger, wenn man bedenkt, dass er das selbst eigentlich gar nicht mehr macht: Schon seit vier Jahren kastriert er keine Eber mehr. Voigt mästet sie. Und verkauft das Fleisch. Aber er führt vor, wie eine Kastration abläuft, um zu zeigen, was alles dazugehört, wenn die Gesellschaft günstiges Schweinefleisch konsumieren will. Er möchte nichts verschweigen. Er will nicht so tun, als liefe das alles unblutig ab. Doch so schlimm, sagt er, sei eine Kastration nun auch wieder nicht: „Nach zwölf Stunden sind die Schnitte schon zu.“

„Schweine sind mein Leben“, sagt Voigt. Er ist 41, den Hof hat er im Jahr 2009 von seinem Vater übernommen. Die Landwirtschaft der Voigts in Stöckendrebber, einem 330-Einwohner-Dorf am Rand der Region Hannover, fast schon im Heidekreis, gibt es seit 1586. Bereits Hendrik Voigts Großvater hat Schweine gehalten. Heute verfügt der Betrieb über 150 Zuchtsauen, 1500 Mast- und 1100 Ferkelaufzuchtplätze. Voigt arbeitet hier 50 bis 60 Stunden pro Woche.

Warum werden die Eberferkel überhaupt kastriert? Weil sie – manchmal – stinken. Und ihr Fleisch tut das dann auch. Mit der Geschlechtsreife, die mit etwa fünf Monaten beginnt, entwickeln sich in den Hoden der Tiere zwei Stoffe, Androstenon und Skatol, die sich über das Blut im Fleisch einlagern. Androstenon riecht für viele Menschen nach Schweiß und Urin, Skatol nach Fäkalien. Nicht jeder geschlechtsreife Eber stinkt, nicht jeder Mensch findet den Geruch unangenehm. Aber die Mehrzahl schon. Und wenn man das Fleisch der Eber erhitzt, verstärkt sich die Wirkung. „Wenn wir so ein Stück Fleisch auf dem Teller hätten“, sagt Voigt, „würden wir sehr lange kein Schweinefleisch mehr essen.“

Deswegen hat man Abermillionen von Schweinen die Hoden kurzerhand abgeschnitten, denn ohne Hoden gibt es keine Stinkerhormone. Heute verlaufe die Kastration vergleichsweise harmlos, sagt Voigt, früher sei man viel weniger zimperlich gewesen: Selbst wenn der Eber schon 20 Kilogramm wog, hat man noch kastriert. Zwei Mann, ein Messer, fertig.

So was ist schon lange verboten. Die derzeit noch geltende Erlaubnis, Ferkel bis maximal zum siebten Lebenstag ohne Betäubung zu kastrieren, ist im eigentlichen Sinn auch keine Erlaubnis, sondern eine Ausnahme von der Regelung, die schmerzhafte Eingriffe bei Wirbeltieren ohne Betäubung untersagt. Und bei der Tierschutzgesetzesnovelle von 2013 wurde die Zeit der betäubungslosen Ferkelkastration bis zum 31. Dezember 2018 begrenzt.

Eine lange Frist. Nur: Wie man die Regelung umsetzt, wurde nicht gleich mit festgelegt. Und gekümmert hat sich auch keiner so richtig, Landwirte nicht, die Politik nicht. So kommt es, dass der Jahreswechsel drohte und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Theoretisch hätte man sagen können: Alle Kastrationen, alle unter Betäubung, nehmen nur noch Tierärzte vor. Das hätte die meisten Ferkelzüchter ruiniert. Deswegen hat der Bund ein Moratorium von zwei Jahren beschlossen. In dieser Zeit soll geklärt werden, wie es weitergeht.

Die Entscheidung, die Kastration seiner eigenen Ferkel bleiben zu lassen, hat Voigt 2014 aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus getroffen: „Eber verwerten das Futter besser.“ Er klopft sich auf seinen Bauch und grinst: „Das ist bei Männern so, sie fressen weniger und nehmen mehr zu.“ Zusammen mit dem eingesparten Arbeitsschritt der Kastration schien sich das zu rechnen. Voigt hat einen Abnahmevertrag mit dem Schlachthof, dort steht dann jemand mit guter Nase und schnuppert, ob Eberfleisch aussortiert werden muss – am Ende sind es 5 bis 8 Prozent. Weggeworfen wird das Eberfleisch nicht. Man verarbeitet es kalt, zu Räucherwurst beispielsweise. „Ich gehe davon aus, dass es stark mit anderem Fleisch vermischt wird“, sagt Voigt. Was aber auch nur funktioniert, wenn es zahlreiche Zulieferer gibt. Hofvermarkter oder Biobauern, sagt Voigt, könnten auf die Ferkelkastration gar nicht verzichten.

Schweinepreise sind gesunken

Das ökonomische Plus der Ebermast von damals ist heute keins mehr. Die Schweinepreise sind gesunken, im Moment erzielt Voigt 40 Euro für ein Ferkel, das liegt unter seinen Kosten. Zudem sind Eber ruppiger als Sauen, was den Krankenstand erhöht, das kostet weiteres Geld. Vielleicht kehrt Hendrik Voigt also irgendwann zur Ferkelkastration zurück.

Er würde dann eine lokale Betäubung der Tiere (per Spritzen in den Hodensack und die Leiste), vorgenommen vom Bauern selbst, bevorzugen – das ist auch die Position des Niedersächsischen Landvolks. Eine Vollnarkose fahre doch das ganze System im Ferkelkörper runter, sagt Voigt, dadurch würde der Eingriff langsamer heilen. Und die Narkose selbst sei auch ein Stressfaktor. „Da wachen nicht alle wieder auf.“

Voigt wendet sich den Ferkeln Nummer zwei bis vier zu. Andere benutzen für die Kastration ein Blechgestell, in das man die Ferkel einspannt, Voigt macht es per Hand, das findet er freundlicher. Hochheben, umdrehen, Skalpell.

Die Tiere quieken zum Gotterbarmen. „Sie quieken ja schon, wenn man sie festhält“, sagt Voigt. Das stimmt. Und sie sind still, sobald sie wieder abgesetzt werden. Aber natürlich haben sie Schmerzen durch die Schnitte. Würde man das, was die Bauern mit den Ferkeln tun, bei Hunden oder Katzen machen, man würde eine Anzeige wegen Tierquälerei riskieren. Voigt hebt die Hände, als wollte er sagen, dass das eben der Unterschied zwischen Haus- und Nutztier sei.

Er setzt die Ferkel zurück in die Bucht zu ihrer Mutter, und nach wenigen Minuten wirkt die Szene wieder völlig friedlich. „Für viele sind das einfach süße Ferkel“, sagt Hendrik Voigt. „Für mich ist es mein Lebensunterhalt.“

Was man tun muss, um Ferkeln nicht wehzutun

Rund 20 Millionen männliche Ferkel werden jedes Jahr in Deutschland kastriert, derzeit noch ohne Narkose. 2019 sollte damit Schluss sein; Bund, Länder und Landwirtschaft sehen aber noch keinen praktikablen und bezahlbaren Weg für die Kastration mit Betäubung, weswegen für weitere zwei Jahre eine Ausnahmeregelung gilt. Der Deutsche Tierschutzbund nennt das einen „Verrat an den Ferkeln und am Staatsziel Tierschutz“. Welche Alternativen existieren derzeit zur Kastration ohne Narkose?

Ebermast: Man kastriert gar nicht, sondern mästet die Eber. Würden das alle machen, könnte der Markt so viel Eberfleisch aber nach Auffassung von Fachleuten nicht aufnehmen.

Immunokastration: Man kann die Produktion der Sexualhormone chemisch unterdrücken, mit einer zweimaligen Impfung. Das kostet 4 bis 6 Euro pro Tier. Die Branche ist skeptisch: Kunden haben Angst vor Stoffen in ihrem Essen, die Sexualhormone ausschalten.

Lokalanästhesie: Der günstigste Weg mit etwa einem Euro pro Tier wäre eine lokale Betäubung per Spritze, vorgenommen nach Schulung durch die Landwirte selbst. Deutsche Tierschützer lehnen das als neuerlichen Schmerzfaktor ab. Dänische und schwedische Tierschützer haben die Einführung dieser Regel als Erfolg gefeiert.

Vollnarkose: 3 bis 5 Euro pro Tier würde eine völlige Betäubung mit einem Mittel namens Isofluran kosten, das bereits in der Schweiz verwendet wird. Der Bund arbeitet an einer Verordnung, nach der Landwirte dieses Medikament, das noch für Deutschland zugelassen werden muss, selbst einsetzen können. Derzeit hat diese Methode die größte Aussicht auf Verwirklichung.

Von Bert Strebe

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