Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Zwischen Star und Sternenstaub
Mehr Welt Kultur Zwischen Star und Sternenstaub
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:24 09.10.2009
Von Stefan Arndt
Die Finalistin Solenne Païdassi.
Die Finalistin Solenne Païdassi. Quelle: Martin Steiner
Anzeige

Dieser Saal ist das Leben. Zwei Wochen lang war die hannoversche Musikhochschule Schauplatz des Internationalen Violinwettbewerbs. Die schmeichelhafte Akustik dort ließ manchmal die Hoffnung reifen, hier tatsächlich einen Meister von morgen zu hören. Doch nun, beim Finale im Funkhaus am Maschsee, ist die Zukunft plötzlich Gegenwart, und mancher potenzielle Star zu Sternenstaub geworden. Der Sendesaal ist groß, und so muss auch der Ton eines Geigers sein, um das Publikum über das Orchester zu erreichen. Gleichzeitig dürfen natürlich auch die zarten Töne nicht fehlen, sie müssen eine Intimität beschwören, die die Größe des Raumes vergessen lässt. Kein Wunder, dass hier sonst nur gestandene Geiger auftreten.

Mit ihnen müssen sich die sechs Finalisten dieses hoch dotierten Wettbewerbs messen lassen, und verglichen mit ihnen kann sich in den Jubel über die tatsächlich bewundernswerte Leistung der Jugend (die durchschnittlich immerhin Anfang zwanzig ist) auch ein wenig Enttäuschung mischen: Sind diese sechs, ausgewählt aus 130 der vielversprechendsten jungen Geiger, wirklich schon die besten der Welt? Oder darf man es mit den Konventionen eines Wettbewerbs entschuldigen, wenn man musikalische Neugier oder gar künstlerischen Wagemut – Privilegien doch gerade der Jugend – bei den meisten von ihnen vergebens suchte? Vielleicht muss, wer eine vielköpfige Jury überzeugen will, ja gerade den Kompromiss suchen und das Extrem meiden.

So lässt die kleinste Abweichung vom Durchschnitt umso mehr aufhorchen. Der 24-jährige Französin Solenne Païdassi, die wie ihr Finalkonkurrent Hyuk Joo Kwun in Hannover beim (nicht abstimmenden) Juryvorsitzenden Krzysztof Wegrzyn studiert, gelang das vor allem in den Solopassagen ihres Beethoven-Konzertes: Sie spielte statt der gängigen Kadenzen von Fritz Kreisler (die auch Clara-Jumi Kang für ihren Finalvortrag wählte) die ungleich exotischeren von Ferruccio Busoni. Der italienische Komponist hat der Soloüberleitung im ersten Satz sogar ein paar Takte Orchesterbegleitung hinzugefügt: So klingt Beethoven schon einmal ganz anders, als man es gewohnt ist.

In den eher liedhaft als virtuos angelegten Kadenzen kommt auch der silbrig-schlanke (fast ist man versucht zu sagen: französische) Ton von Païdassi schön zur Geltung. Mit ihm hatte sie Publikum und Jury bereits in der ersten Runde mit Joseph Joachims gefährlich schlichter „Romanze“ betört. Dass sie später im Wettbewerb auch Nervosität und damit verbunden kleine technische Probleme offenbarte, war im Finale dagegen wieder vergessen: Ihr Beethoven klang so abgezirkelt, dass es schon wieder zu viel des Guten war. Vor allem ihrer rhythmischen Gestaltung haftete etwas Eingeübtes und Unnatürliches an.

Das lässt sich auch vom ansonsten ganz unterschiedlichen Beethoven-Spiel der 22-jährigen Deutschkoreanerin Clara-Jumi Kang sagen. Bei ihr kam es sogar zu kleinen rhythmischen Abstimmungsproblemen mit dem Dirigenten Nicholas Milton, der die Musiker der NDR Radiophilharmonie mit zu deutlicher Zeichengebung davon abhielt, der Solistin richtig zuzuhören. Kangs Ton ist angenehm dunkel und erinnert daran, dass ihr Instrument aus kostbarem Holz gefertigt ist – ein klassischer Geigenklang, dem noch eine individuelle Note fehlt. Mehr noch galt das für ihr Spiel, das überdies teilweise wenig zusammenhängend klang: Zu oft ging die Spannung zwischen zwei Noten verloren. Sicher ist das auch ein Preis der hier erstmals sichtbaren Nervosität. Bis zum Finale hatte Kang sehr sicher im Wettbewerb gespielt und sich so den Einzug in die Endrunde gesichert.

Der Südkoreaner Hyuk Joo Kwun dagegen ist einer der auffälligsten Teilnehmer dieses Jahres. Das liegt nicht nur an dem Piercing an der rechten Augenbraue, das ab und an unter dem dichten Haar hervorblitzt. Kwun ist ein sehr kraftvoller Geiger, der immer auf sehr hohem Energieniveau spielt. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich mit Erfolg auch an den empfindlichsten Stücken zu versuchen: Franz Schuberts himmlisch lange C-Dur-Phantasie war sicher der ungewöhnlichste Beitrag des Halbfinales. In der Schlussrunde glänzte Kwun mit dem ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch, das mit seiner Stille unter Hochdruck und den anschließenden wilden Ausbrüchen eigentlich wie gemacht für den 23-Jährigen sein sollte. Ganz gewachsen war er dem umfangreichen Werk dann aber doch nicht: Im Finalsatz fehlte ihm die letzte Reserve, um sich einen triumphalen Sieg zu erspielen.

Stefan Stosch 09.10.2009
Uwe Janssen 08.10.2009