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Kultur Zuschauer fliehen genervt beim „Porcelain Project“
Mehr Welt Kultur Zuschauer fliehen genervt beim „Porcelain Project“
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20:32 07.09.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Drinnen nur Kännchen: Zwei naseweiße Darsteller von Grace Ellen Barkeys „Porcelain Project“.
Drinnen nur Kännchen: Zwei naseweiße Darsteller von Grace Ellen Barkeys „Porcelain Project“. Quelle: Verhasselt
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Tanz ist weich, organisch, fließend. Selbst wenn er mal ruppig und intensiv wird, kann er nicht hart werden, denn auf jeden Sprung, auf jedes Aufstampfen folgt stets ein Nachfedern und Ausschwingen. Tänzer zerbrechen nicht. Jedenfalls nicht ihre Körper.

Insofern könnte es reizvoll sein, Tanz einmal mit etwas sehr Hartem, sehr Sprödem, sehr Zerbrechlichem zu kontrastieren: zum Beispiel Keramik. Grace Ellen Barkey, Mitgründerin der renommierten Needcompany, präsentierte jetzt beim Festival Tanztheater International in der Orangerie Herrenhausen ihr „Porcelain Project“: Tanztheater in der Keramikabteilung. Und sie kontrastiert das Weiche nicht nur mit dem Harten, sie versucht auch Verbindungen herzustellen.

Wundersame Porzellanobjekte stehen auf der hell erleuchteten Bühne. Eine Batterie von Vasen und Kerzenhaltern (alle von Lot Lemm) bildet einen Zaun an der Rampe. Links steht ein Tischchen, auf dem sich Teller und Schalen stapeln. Vorn an der Tischkante sind Scherben aufgeschichtet. Wenn an dem Tischchen gerüttelt wird, fallen sie herunter. Von der Decke baumeln Tassen, Schüsseln, Deckel an vielen Fäden. Wenn Menschen sich hier tanzend bewegen, kommt es zu vielfältigen Zusammenstößen, ein feines Kling, klang ist dann zu hören.

Was durch den Umstand noch verstärkt wird, dass die Darsteller selbst Porzellan am Körper tragen: Die vier Herren haben Nasenvasen aufgesetzt, phallische Objekte, die aber auch irgendwie schnabelartig wirken, die eine Dame, die mittanzt (früher waren es mal zwei, aber eine ist verletzt ausgeschieden), trägt anfangs einen Keramik-BH. Das ist ganz putzig. Und putzig sind anfangs auch die Bewegungen der Tänzer. Vogelgleich storchen die Herren durch die Keramikabteilung, picken mit ihren phallischen Schnäbeln an die vielen hängenden und herumstehenden Gegenstände: kling, klang, klong.

Doch der Friede in Porzellanien währt nicht lange: Ein bösartiger König behauptet sein Recht, Streit bricht aus – und Geilheit. Nun wälzt man sich am Boden, fällt übereinander her, greift der Dame an die Brust. Das mechanische Theater läuft ein bisschen heiß, die liebe Vogelwelt mutiert zur bösen Vögelwelt. Im Laufe der neunzig Minuten wird hier eine ganze Menge Pornozellan feilgeboten – und das ist nicht nach jedermanns Geschmack. Nach etwa einer Stunde hat sich ein reger Strom von Zuschauern gebildet, der sich stetig gen Ausgang der Keramikabteilung bewegt.

Man geht nicht wutschnaubend und türenschlagend, sondern genervt und traurig. Man wurde ja auch nicht richtig provoziert, eher nur gelangweilt. Das Zerschlagen des Porzellans jedenfalls wurde von den Tänzern immer nur angedeutet – leere Drohungen. Das einzige, was zu Bruch ging, waren Scherben.