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Kultur Zur Plage der Nation
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09:07 26.06.2009
Von Karl-Ludwig Baader

Er ist ein Pfau, der das Rad effektvoll zu schlagen weiß. Mit seiner forcierten, etwas überlauten Sprechweise und geölten Eloquenz tritt der Chef des Textilunternehmens Trigema, Wolfgang Grupp, in seiner Lieblingsrolle auf: als verantwortungsvoller Unternehmer, der hierzulande Arbeitsplätze sichert und die Debatte um Mindestlöhne als Schande empfindet – für die Unternehmer. Natürlich müsse man von seiner Arbeit leben können! Sein Auftritt in einer politischen Talkshow ist eines der vielen filmischen Zeugnisse, mit denen sich das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden ein schillerndes Bild vom Thema „Arbeit. Sinn und Sorge“ macht. Es gehört in die letzte der fünf Abteilungen umfassenden Schau: Hierfür wurden Tausende von Talkshowstunden zusammengeschnitten, in denen die üblichen Verdächtigen über die Arbeitswelt und Wirtschaftsordnung debattierten und die bekannten Argumente für mehr oder weniger Staat austauschten. Als Gegenposition berichten auf mehreren Bildschirmen originell gestaltete Puppen aus der Arbeitswelt der Zukunft.

Freilich ist die politische Dimension des Themas nur ein Randaspekt dieser Ausstellung, die auch keinen historischen Rückblick auf die Geschichte der Arbeit im Sinn hat, wie die beiden Kuratoren Nicola Lepp und Daniel Tyradellis betonen. Sie wollen das vielschichtige Thema eher vom Standpunkt des Einzelnen her entwickeln und das Spannungsfeld zwischen individueller Wahrnehmung und gesellschaftlichen Zusammenhängen aufzeigen. Sie betrachten das Thema aus vielen Perspektiven. Dabei geht es nicht nur um die harte Notwendigkeit der Erwerbsarbeit und die Ängste, die damit verbunden sind, es geht auch um die Frage, wann eine Tätigkeit Arbeit ist oder als solche anerkannt wird. Arbeit eröffnet Teilhabe an einem sozialen Zusammenhang, und sie ermöglicht, für andere „Sorge“ zu tragen. Und sie kann „Sinn“ stiften.

In der ersten Abteilung („Frei-Raum. Die Arbeit und ihr Gegenteil“) geht es deshalb unter anderem um die Angst vor der Langeweile, die zuweilen panisch geflohen wird, wie einige der vielen Befragten in Kurzinterviews deutlich machen. Aber der Mensch kann frei entscheiden, ob ihn das hörbare Bienengesumme anspricht oder ob er sich das träge Faultier, das hier ausgestopft am Ast hängt, zum Vorbild nimmt.

Bunt und lärmig geht es im „Maschinen-Raum“ zu, in dem auf einer Videoinstallation die pulsierende Konsumgesellschaft der vergangenen Jahrzehnte abgebildet ist. Hier werden Massenproduktion und Massenkonsum überreichlich und im wilden Durcheinander präsentiert. Im „Übungs-Raum“ wird gezeigt, wie der Mensch in seiner Kindheit und Jugend auf die Welt der Arbeit vorbereitet wird. Man plädiert hier für eine möglichst offene, Kreativität wie Eigenwillen fördernde Bildung – arbeiten heute doch immer weniger in den Berufen, die sie gelernt haben.

Wie Arbeit den Einzelnen einnimmt, beansprucht, zuweilen auch befriedigt, zeigt die vierte Abteilung, in der der Alltag von acht Berufen in einer multiperspektivischen Videoinstallation dokumentiert wird – das ist der „Werk-Raum“, der das „Gefüge“ der Arbeit zum Thema hat. Die Ausstellungsmacher ziehen, wie schon der heideggernde Begriff der „Sorge“ zeigt, kapriziöses Vokabular der prosaischen Begrifflichkeit der Arbeitssoziologie vor.

Und wer den abschließenden „Welt-Raum“ besichtigt hat, kann den Rückweg mit einem Dominospiel antreten. Mit dessen Hilfe soll er sich mit Definitionen von Grundbegriffen wie „Leiharbeit“ oder „Gewerkschaften“ auseinandersetzen.

Durch die Ausstellung zieht sich ein Statistikband, das jeweils zum Themenschwerpunkt der einzelnen Räume passende Fakten präsentiert und sie mit der Erfahrung von einzelnen Menschen konfrontiert. Wer mag, kann die knappen Interviews auf den Bildschirmen aufrufen. Überhaupt spielt in dieser Ausstellung der Film eine weit größere Rolle als das Objekt. Zwar tauchen immer wieder der Krug, der Schuh, der Hammer, das Papier und die Puppe auf, die eine „Ding-Spur“ durch die Schau bilden, aber sie sprechen eben nicht für sich, sie sind Träger von Bedeutungen. So symbolisiert der Krug, der die Arbeit sammelt und die Zukunft fruchtbar macht, Freizeit und Sicherheit, aber auch soziale Unterschiede, wird er doch von dem einen effektiver und geschickter gefüllt als von einem anderen. In der dritten Abteilung sehen wir ihn in Gestalt eines billigen Massenprodukts, im abschließenden „Welt-Raum“ als einen Wasserkanister, mit dem Frauen in Tansania ihr Wasser holen – hier begegnet das Publikum den extremen globalen Ungerechtigkeiten. Die Ausstellung ist anspielungsreich und ästhetisch wie technisch ambitioniert angelegt, aber zuweilen auch preziös geraten. Die Kuratoren haben sich viele Gedanken gemacht, wie der voluminöse Katalog mit seinen theoretischen Texten dokumentiert. Man sieht hier Textauszüge samt den Unterstreichungen und handschriftlichen Anmerkungen. Offensichtlich soll die „Mühe“ (im mittelalterlichen Sprachgebrauch steht die arebeid auch für „Mühsal“ und „Plage“) gezeigt werden, die sich die Kuratoren gemacht haben, bevor sie „die pädagogische Arbeit am Begriff“ der Arbeit mit überwiegend filmischen Mitteln in Angriff nahmen.

Tatsächlich haben sie eine beeindruckende Fülle von Anschauungsmaterial geliefert, das in seiner Kombination und Verknüpfung Zusammenhänge ahnen lässt, aber vieles bleibt eben doch an der Oberfläche. Es kann nur eine äußerliche Beziehung zwischen dem Individuum und der schillernden Sphäre der Arbeit hergestellt werden, zumal die zahlreichen Interviews in neutraler Studioumgebung und nicht in den konkreten Arbeitszusammenhängen, in denen die Befragten stecken, aufgenommen wurden.

So wird hier eine raffiniert arrangierte, aber auch etwas unverbindliche Ansammlung von Materialien und Gedankensplittern präsentiert, Thesen muss sich der Besucher schon selbst „erarbeiten“. Die Ausstellung ist bis zum 11. April 2010, dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Katalog (422 Seiten) ist im diaphanes Verlag erschienen und kostet 10 Euro im Museum, 20 Euro im Buchhandel. Informationen über das umfängliche Begleitprogramm unter www.dhmd.de. Das Arbeiten der Anderen: Ein Kaleidoskop der Berufe in einer Videoinstallation im Deutschen Hygiene-Museum.Museum

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