Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Yoann Lemoine weckt das Waldkind im Manne
Mehr Welt Kultur Yoann Lemoine weckt das Waldkind im Manne
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:52 18.03.2013
Von Uwe Janssen
Gut Holz: Yoann Lemoine alias Woodkid.
Gut Holz: Yoann Lemoine alias Woodkid. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Eigentlich funktioniert es so herum: Man sieht einen Film, und dabei fällt einem, wenn überhaupt, der Soundtrack auf. Bei Yoann Lemoine war die Sache aber genau andersherum. Als Jugendlicher hat er sich Soundtracks angehört und sich einen Film dazu vorgestellt. So bebildert man seinen Kopf. So gesehen hat der Franzose, Jahrgang 1983, eine fast logische Berufswahl getroffen: Er dreht Videoclips. Sein Kundenstamm wird stetig größer, auch Popstars wie Katy Perry, Taylor Swift und Lana Del Ray gehören dazu.

Als Musiker nennt sich Lemoine Woodkid. Und auch hier kommt es nicht ganz überraschend, dass sein größter Hit ein Video ist. „Iron“ heißt der Song. Für sich genommen ist das ein etwas pompös geratenes Stückchen Pop, das mit orchestraler Wucht eine eher gewöhnliche Melodie aufzubrezeln versucht. Sieht man jedoch den Clip dazu, geht die Sache plötzlich auf, sie vervollständigt sich. In einer sterilen Schwarz-Weiß-Szenerie lässt Lemoine Reiter, Krieger, Trommler, Hunde und Eulen in Zeitlupe fliegen, springen, kämpfen und tanzen. Musikvideo trifft Werbeästhetik. Fans und Schöngeister waren von dem vierminütigen Pathos-Festival begeistert. Kris van Assche, Chefdesigner von Dior Homme, war so aus dem Häuschen, dass er sich für seine neue Kollektion von den „Iron“-Bildern inspirieren und bei der Präsentation den Song im Hintergrund laufen ließ.

Yoann Lemoine nimmt das gern mit. Verhilft es doch dem musikalischen Waldkind in ihm zu einer ungeahnten Öffentlichkeit. Rund 20 Millionen Mal ist der „Iron“-Clip mittlerweile im Internet angeklickt worden. Nun kommt das Album zum Video, es heißt nicht weniger pathetisch „The Golden Age“. Die Erwartungshaltung ist gewaltig. Und nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen hoffen auf Großes.

Mit „Run, Boy, Run“, der aktuellen Auskopplung, bedient er diese Erwartungshaltung. Wieder ein audiovisuelles Märchen in Schwarz-Weiß, ein Kind, verfolgt und beschützt von Fabelwesen auf dem Weg in eine Stadt, wie sie sich J.R.R. Tolkien heute wohl ausdenken würde. Auch hier setzt der Musiker Woodkid auf die Wucht, die ihm die Bilder des Filmers Lemoine vorgeben.

Die beiden Clips reichen eigentlich schon, damit der Woodkid-Trick auch für den Rest des Albums funktioniert. Denn man hört fortan nicht mehr ohne zu sehen, die Lieder spielen sich in Schwarzweiß und verlangsamter Geschwindigkeit vor dem inneren Auge ab. Man tut also genau das, was der junge Yoann damals gemacht hat. Musik hören und den Film dazu im Kopf drehen.

Dabei ist das Songwriting auf „The Golden Age“ gar nicht so spektakulär. Woodkid setzt, wen wundert’s, mehr auf Klangraum und Atmosphäre denn auf ausgefeilte Melodien. Die aufwühlenden Trommelrhythmen und jubilierenden Posaunen aus „Iron“ und „Run, Boy, Run“ sind die eine Seite, oft hören wir Woodkid auch mit melancholischer, manchmal gar weinerlicher Stimme vor sich hinnuscheln, begleitet von Streichern oder Pianoakkorden und ein bisschen Elektronik. Auch textlich läuft dabei ein Film ab - die Songs schildern Gedanken und Erlebnisse eines Heranwachsenden, autobiografische Anspielungen nicht ausgeschlossen. Schon Titel wie „The Great Escape“, „Stabat Mater“ oder „Conquest of Spaces“ lassen ahnen: In Woodkids Welt ist alles irgendwie groß. Warum sollte seine Musik also kleiner ausfallen?

Woodkid: „The Golden Age“

Kultur „Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen“ - Fabian Hinrichs Seelen-Solo in Hamburg uraufgeführt
17.03.2013