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Kultur Worpswede entdeckt Heinrich Vogeler neu
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08:30 25.05.2012
Ein Teil der Vogler-Gemälde sind im Worpsweder Barkenhoff zu sehen. Quelle: dpa
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Worpswede

Besonders populär ist der Witz in Bremen nicht. Und doch droht er neuerlich in Mode zu kommen. Fragt der eine den anderen: „Wo liegt eigentlich Bremen?“ Antwort: „Bei Worpswede.“ Zumindest Freunden bildender Kunst dürfte diese Wegbeschreibung derzeit gar nicht abwegig erscheinen. Während nämlich die Kunsthalle Bremen in diesen Wochen Skizzen Heinrich Vogelers ausstellt, stehen parallel dazu die großen, wertvollen Gemälde des Visionärs in Worpswede zur Schau, verteilt auf alle vier Museen der Gemeinde: „Vom Romantiker zum Revolutionär - Worpswede auf den Spuren Heinrich Vogelers“ ist der Titel der Großausstellung, zu der - dies darf zur Ehrenrettung Bremens nicht unerwähnt bleiben - das Focke-Museum sowie die Kunsthalle Bremen als Kooperationspartner ihren Teil beigetragen haben.

Mehr als 300 Exponate, darunter Gemälde und Grafiken ebenso wie Architekturentwürfe Vogelers (1872-1942), haben Matthias Jäger, der Geschäftsführer des Worpsweder Museumsverbunds, und Kuratorin Beate Arnold für diese erste große gemeinsame Sommeraustellung der Worpsweder Museen (der in den kommenden Jahren weitere folgen sollen) zusammengestellt. Einige davon stammen aus privaten Sammlungen und sind, wie Jäger sagt, noch nie öffentlich vorgestellt worden.

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Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Niedersachsens Kulturministerin Johanna Wanka, und auch Ministerpräsident David McAllister gab sich jüngst gleich nebenan in Fischerhude die Ehre, als dort der Erweiterungsbau des Otto-Modersohn-Museums eröffnet wurde: Modersohn, ein Cousin von McAllisters Urgroßvater, ist der Lieblingsmaler des Ministerpräsidenten. Das Land hat die insgesamt 620000 Euro teure Erweiterung kräftig unterstützt.

Um von vornherein dem möglichen Verdacht entgegenzuwirken, die Vogeler-Schau könne eine „Hierarchie“ unter den Worpsweder Museen spiegeln, stellt jedes Haus jeweils eines der unbestritten bedeutendsten Gemälde Vogelers aus. Im „Haus im Schluh“ ist es das Gemälde „Frühling“, das Heinrich Vogelers Frau Martha zeigt. Es steht exemplarisch für das vom Jugendstil geprägte Lebensgefühl des Malers am Ende des 19. Jahrhunderts.

Der Barkenhoff zeigt mit Vogelers „Sommerabend“ das wohl bedeutendste Zeugnis der idealisierten Lebens- und Arbeitswelt des Künstlers zu Zeiten der Worpsweder Künstlerkolonie. Das Werk „Winterkulturkommando“ aus dem Jahr 1924 bildet in der Großen Kunstschau den Ausgangspunkt, um Vogelers beginnende Auseinandersetzung mit der jungen Sowjetunion nachzuvollziehen - wie überhaupt alle Museen sehr geschickt die Verbindung des Menschen Heinrich Vogeler zu seinen Kunstwerken herstellen.

So thematisiert die Worpsweder Kunsthalle den politischen Vogeler, von der Barkenhoff-Kommune bis hin zu seinem vehementen Einsatz gegen den Nationalsozialismus. Zu diesem Zweck zeigt die Ausstellung auch Flugblätter und Plakate, mit denen Vogeler aus dem Untergrund gegen das NS-Regime kämpfte. Als Prunkstück der politischen Vogeler-Schau aber dient der Kunsthalle das Gemälde „Die Leiden der Frau im Kriege“ von 1918. Es steht in der Vogeler-Forschung sinnbildlich für die beginnende Politisierung des Künstlers, ausgelöst durch schreckliche Erfahrungen im Ersten Weltkrieg.

Wie es mit Heinrich Vogeler weiter und schließlich zu Ende ging, kann der Besucher der Ausstellung auf besonders originelle Weise in der Großen Kunstschau nachvollziehen. Sie zeigt die Rekonstruktion eines Diavortrags von Vogeler. Ende der zwanziger Jahre, nach mehreren Reisen in die Sowjetunion, hatte dieser begonnen, mit handkolorierten Dias Vorträge in Deutschland zu halten, in welchen er für die kommunistische Idee warb. Einige dieser Dias sind noch heute erhalten. Die Kunstschau hat sie in eine große Ton-Bild-Installation eingebettet, die dem Besucher einen hochinteressanten Einblick in das politische Wirken des Künstlers vermittelt. Die Bilder werben eher propagandistisch als künstlerisch für die Sowjetunion - ein wichtiger Aspekt zum Verständnis Vogelers, weil dieser spätestens mit Beginn der zwanziger Jahre zusehends erkannte, dass die Kunst schnell an Grenzen stößt, wenn sie politisch Einfluss nehmen will. Der rekonstruierte Diavortrag spiegelt des Künstlers Konsequenz daraus womöglich noch besser wider als Flugblätter wie das berühmte „Two Worlds“, eine Hitler-Karikatur Vogelers mit dem Schriftzug „Die braune Pest“. So bietet die Ausstellung einen umfassenden Einblick in Vogelers Schaffen. Einen Tagesausflug nach Worpswede ist sie allemal wert.

Zu sehen bis zum 30. September. Infos unter www.worpswede-museen.de oder unter (04792) 3968.

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