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Kultur Wolfsburg zeigt junge Kunst
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13:37 21.06.2009
Bildhafte Einsamkeit: Sabine Hornigs „Large Cube in Forest“. Quelle: Handout

Ein Mann kämpft sich durch eine Schneewüste, die sich auf vier nebeneinander befindlichen Projektionsflächen ausbreitet. Die Unendlichkeit der Landschaft verstärkt sich durch die Vierfach-Projektion, der Mann darin wirkt noch verlorener, als er ohnehin schon ist.

Szenenwechsel. Nun stolpert derselbe Mann durch die grandios gefilmten Welten unserer technischen Zivilisation, durch labyrinthische Architekturen, wissenschaftliche Labore, unterirdische Stollen. Stets wirkt er dabei klein und hilflos gegenüber der Komplexität der vom Menschen geschaffenen Welt, ein eindringliches Sinnbild einer permanenten Überforderung.

Mit seiner im Wolfsburger Kunstmuseum präsentierten Filmarbeit „The Shift“ (2008) findet Julian Rosefeldt eine neue Variation seines Lieblingsthemas, des menschlichen Scheiterns. Ein Scheitern, in dem sich indes ganz im Sinne Becketts - „Scheitern, wieder scheitern, besser scheitern“ - die Würde des Menschen erst recht zu zeigen vermag, glanzvoller vielleicht noch als im Siegen. Ein Beispiel dafür lieferte bereits der sisyphoshafte Kampf des „Stunned Man“, eine Videoarbeit des Künstlers, die bei der Ausstellung „Made in Germany“ 2007 im Kunstverein Hannover zu sehen war.

Unter den sieben jungen Künstlern in Wolfsburg sind drei, deren Werke der Kunstfreund von „Made in Germany“ her kennt. Der virtuose holländische Zeichner Marcel van Eeden ist in Wolfsburg nicht wie üblich mit Zeichnungen, sondern mit Malerei vertreten. Aber auch in diesem Genre bleibt er seiner Strategie treu, in einer gelungenen Mischung aus Fiktion und Fakten nur Inhalte zu thematisieren, die sich auf die Zeit vor seiner Geburt im Jahre 1965 beziehen. In der Bildergalerie „Untitled“ (2008) greift er den im Jahre 1959 durch die damalige Documenta ausgelösten Streit um die Abstraktion als Weltsprache der Kunst auf und enthüllt ihn in lässiger Weise als Scheingefecht.

Fabelhaft sind auch die Werke von Sabine Hornig. Durch die Kunstgriffe der Formatveränderung und Fragmentierung stellt sie in ihren klugen Installationen, zum Beispiel der „Schule“ aus dem Jahre 2004, wie von selbst das ästhetische Vokabular der Moderne infrage. Vor allem kritisiert sie dessen Ideologie und Pathos, in Kunst und Bauen zu ultimativen Formen und Formeln kommen zu können.

Das Misstrauen gegen jede Form von Heroismus und künstlerischer Letztbegründung ist der kleinste gemeinsame Nenner, der alle Werke dieser Ausstellung eint, weshalb sich das Kuratorinnenduo Annelie Lütgens und Esther Barbara Kirschner wohl auch auf die Formel „Leichtigkeit und Enthusiasmus“ geeinigt hat. Mit leichter Hand und heißem Herzen plädiert diese Künstlergeneration für eine Kunst, die eher Fragen stellt als Antworten gibt.

Auch Tatiana Trouvé hebelt in ihren beeindruckenden Werken die Utopien einer Moderne aus, die sich mit den Namen Bauhaus und Suprematismus, De Stijl und Minimal Art verbindet. Ihre Zeichnungen fügen so elegant wie präzise unterschiedliche Gestaltungssprachen zu harmonischen, leicht unheimlichen Ensembles zusammen, während ihre fragile Plastik „Untitled“ (2007) ein technisch puristisches Vokabular in ein surrealistisch erzählendes Bild umwendet.

Ein Lieblingsgegner dieser Generation, das machte schon Marcel van Eedens Bilderwand deutlich, ist der mit den Muskeln spielende, abstrakte Expressionismus á la Jackson Pollock. Dessen stolze Selbstgewissheit und pathetischen Subjektivismus macht Friederike Feldmann den Garaus, indem sie durch die Strategie der Umkehrung dessen Leerstellen akribisch ausmalt.

Ein Vorbild dagegen ist Samuel Beckett, auch für den schottischen Videokünstler Duncan Campbell. Sein Film „O Joan, no ...“ (2006) bezieht sich im Titel erkennbar auf Becketts Fernsehspiel „Eh Joe“, mit dem es indes außer den Bild-Klang-Verschraubungen glücklicherweise nicht viel gemein hat. Und: Anders als bei Beckett finden in Campbells Etüde alle möglichen menschlichen Affekte ein visuelles Echo in der Welt und damit auch einen gewissen Trost.

Die Suche nach Sinn treibt auch den Fotokünstler Sascha Weidner um. Unbekümmert um jede Auseinandersetzung mit geliebten oder gehassten Vorbildern hat er auf Einladung des Museums für zeitgenössische Kunst in Palermo die Arbeit an einem fotografischen Porträt der Stadt in drei Kapiteln aufgenommen. Das erste Kapitel ist jetzt in Wolfsburg zu besichtigen. Es ist subtil und anspielungsreich. Fern aller touristischen Plattitüden sind Weidners Bilder eine faszinierende fotografische Suche nach Licht und Schatten im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Sehenswert!

von Michael Stoeber

Bis zum 25. Oktober im Kunstmuseum Wolfsburg, Katalog 24 Euro.

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