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Kultur Erst das Wissen, dann die Moral
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22:18 11.07.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Ingo Pies bei den Hannah-Arendt-Lectures im Neuen Rathaus. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Warum gibt es Hunger auf der Welt? Die Schuld geben viele der Agrarspekulation. Von „Spekulanten des Todes“ spricht Bischof Nikolaus Schneider. Und Bundesagrarminister Christian Schmidt warnt vor „wilden Spekulationen mit dem Hunger“. Der Ökonom Ingo Pies stuft solche Worte indes als wohlfeil ein. „Hunger bekämpfen, aber wie?“, heißt sein Vortrag bei den Hannah-Arendt-Lectures zur „Tischgesellschaft der Zukunft“.

Pies, Wirtschaftsethiker an der Uni Halle, wendet sich zunächst der Realwirtschaft des Agrarsektors zu – und zeigt, dass die Versorgungsprobleme nicht erst an den Börsen beginnen: Fleischverzehr erfordert gegenüber pflanzlicher Ernährung die zehnfache Menge an Agrarrohstoffen. Und global wächst der Fleischkonsum. Die Biokraftstoffproduktion steht in Konkurrenz zu der von Nahrung. Und sie wird, kräftig subventioniert, bis 2020  auf über 20 Milliarden Liter wachsen. Exporthürden von Erzeugerländern führen zu Preissprüngen. Und die klettern durch den dadurch zusätzlich stimulierten Nachfragedruck der Konsumenten weiter, was Auslöser der jüngsten Krisen 2008 und 2011 war. „Der Arabische Frühling hat in Kairo als Hungerrevolte begonnen“, sagt Pies – wie schon die Revolutionen von 1789 und 1848 zuerst Hungeraufstände gewesen seien.

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Klar sind damit für Pies die realwirtschaftlichen Probleme im Agrarsektor, keine so klare Kausalität gebe es dagegen zwischen Preisentwicklung und Agrarspekulation. So werde der Terminmarkt etwa für Reis gar nicht vom Indexhandel erfasst – und doch habe es hier zwischen 2006 und 2008 Preissprünge um 168 Prozent gegeben. Die Preise für Äpfel seien um 68 Prozent, die für Bohnen um 78 Prozent gestiegen, ganz ohne Terminmarkthandel. „Das zeugt von Problemen des Agrarsektors selbst“, sagt Pies. „Es gibt global eine reale Knappheit, es muss also das Angebot wachsen.“ Den dafür nötigen Wissenstransfer könnten in armen Ländern auch Auslandsinvestitionen stützen, die daher nicht einfach als „Landgrabbing“ verteufelt werden sollten. „Wer Pachtverträge auf 99 Jahre abschließt, hat kein kurzfristiges Ausbeutungsinteresse“, sagt Pies – und empfiehlt, Handelshürden ebenso zu beseitigen wie die Subvention von Biokraftstoff oder von Flächenstilllegungen. Statt Hürden für Spekulanten also Freihandel als Heilmittel gegen Hunger? Pies sieht die Engpässe durch fehlgeleitete Politik bedingt. Die reagiere auf eine „suggestive Spekulationskritik“. Und die verzerre wiederum die moralische Wahrnehmung.

Das ist auch nach seinem Vortrag im Neuen Rathaus zu erleben, wo manchen  die Rezepturen dieses Wirtschaftsexperten überhaupt nicht schmecken. Mehr Wachstum, mehr Markt,  mehr Handelsfreiheit – das sei ein Vortrag „aus dem Geist des Neoliberalismus“, lautet eine Klage, da fehle die Kritik an Agrarmonopolisten, Artenzerstörung, Gentechnik. Nun, Ingo Pies hat all das bei seinem Versuch, die Moraldebatte über den Welthunger mit Wissen zu unterfüttern, keineswegs verteidigt.

„Ich wollte, ganz im Geiste von Hannah Arendt, Nachdenken provozieren“, sagt er am Schluss. „Aber manchmal erntet man stattdessen nur Widerspruch.“

Ronald Meyer-Arlt 11.07.2014
11.07.2014