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Kultur „Wir wollen ein Leibniz-Forum sein“
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21:17 23.07.2009
Alles Leibniz: Direktor Georg Ruppelt mit einer Büste des Philosophen (erstellt von Johann Gottfried Schmidt 1785).
Alles Leibniz: Direktor Georg Ruppelt mit einer Büste des Philosophen (erstellt von Johann Gottfried Schmidt 1785). Quelle: Nico Herzog
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Wie würdigt man auch einen Menschen, der im Grunde sein eigenes Denkmal ist? Einen universalen Gelehrten, bedeutenden Philosophen, herausragenden Mathematiker, großartigen Physiker, Historiker, Bibliothekar und Kirchenrechtler, dessen Werk so umfangreich und komplex ist, dass ein Denkmal – wie das jüngst am Operndreieck aufgestellte – fast zwangsläufig als banale Sockelkunst erscheinen muss? In Hannover gibt es Leibniz-Spaziergänge und Leibniz-Tempel, es gibt Leibniz-Lichtkunst am Leibnizufer, eine Leibniz Universität und gleich mehrere Leibniz-Säle. Und es gibt das weitverbreitete Gefühl, dass die Nachwelt trotz alledem noch keine zeitgemäße Form gefunden hat, um an den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) zu erinnern.

Georg Ruppelt will das jetzt ändern, und er bringt zumindest genügend Selbstbewusstsein mit, um einen großen Wurf zu wagen: „Hannover spielt mit Leibniz in der ersten Liga – und keine Einrichtung in der Welt trägt mit größerem Recht den Namen Leibniz’ als wir“, sagt der Direktor der Leibniz Bibliothek. Schließlich hütet sein Haus den Leibniz-Nachlass, der mittlerweile in Teilen als Unesco-Weltdokumentenerbe firmiert. Jetzt wird die Bibliothek umgebaut – und soll dabei endlich zu einem Ort werden, der etwas vom Geist des Gelehrten spürbar macht.

„Wir wollen ein Leibniz-Forum sein, ein Marktplatz also, der nicht nur Wissenschaftlern vorbehalten ist, sondern viele Besucher anzieht“, sagt Ruppelt. Das Land investiert insgesamt zehn Millionen Euro in die Umgestaltung des Bibliotheksgebäudes aus den siebziger Jahren. In der ersten Bauphase geht es um energetische Sanierung und Brandschutz – Brot geht vor Kunst. Danach jedoch soll im ersten Stock, im jetzigen Katalogsaal, ein Leibniz-Saal entstehen, der diesen Namen verdient. „Auf mehr als 600 Quadratmetern wollen wir hier vor allem an Leibniz als Bibliothekar und Wissenschaftler erinnern“, sagt Ruppelt.

Hier will die Bibliothek endlich die Schätze zeigen, die sie bislang aus Platzgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verwahrt. Neben Wechselausstellungen mit bibliophilen Kostbarkeiten sollen dauerhaft Leibniz-Exponate zu sehen sein. Wenige Besitztümer des Universalgenies haben sich bis heute erhalten; die meisten davon gehören der Bibliothek – unter anderem ein Reiseklappstuhl, der bislang in einer eher unscheinbaren Ausstellung im Leibniz-Haus versteckt wurde, und Spazierstöcke, die mit Leibniz in Verbindung gebracht werden. Auch ein Fernrohr und zwei große Globen werden dann in der Bibliothek gezeigt, die berühmte Rechenmaschine des Gelehrten und natürlich dessen Schriften.

Einige der Manuskripte waren Anfang des Jahres bei der Wissenswelten-Ausstellung „Bookmarks“ in der Kestnergesellschaft zu sehen – und erwiesen sich als Publikumsmagnet: „Wir stehen in der Pflicht, diese öffentlich zu zeigen“, sagt Ruppelt. Im Leibniz-Saal soll auch die alte Königliche Bibliothek wiedererstehen. Rund 30.000 Bände aus dem Bestand von vor 1866 werden hinter Glas auf zwei Ebenen die Wände zieren und dem bislang eher nüchtern-funktionalen Raum die Aura einer Bibliothek zurückgeben. Die Ausleihe wird dafür ins Erdgeschoss verlegt. Durch eine Glasfront, die entlang den Säulen vor dem Eingang eingezogen wird, soll das Haus deutlich mehr Platz gewinnen.

Für den Leibniz-Saal rekonstruiert die Leibniz Bibliothek derzeit auch die Bibliothek Leibniz’: Die Bücher, die der Gelehrte einst besaß, sind größtenteils noch im Besitz des Hauses. Bereits jetzt ist eine Bibliothekarin allein damit beschäftigt herauszufinden, welche Bände genau dazugehören. In zweijähriger Arbeit, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat sie mittlerweile rund 6000 Exemplare identifiziert, darunter das Buch, das Leibniz vermutlich in der Hand hielt, als er starb. Eine Schrift des schottischen Satirikers John Barclay.

Um reinen Reliquienkult soll es bei der Präsentation der Memorabilia jedoch nicht gehen. So will Ruppelt seinen Amtsvorgänger Leibniz auch ehren, indem er einen Ort für akademische Arbeit schafft: Im derzeitigen Katalogsaal soll auch ein heller Vortragsraum für bis zu 200 Besucher entstehen. Oberhalb der Galerie, von der man in den Saal hinabblickt, sind Arbeitsplätze für Forscher und Seminarräume geplant. Puristen müssen sich nur damit abfinden, dass im Erdgeschoss ein Shop entsteht, der auch Leibniz-Büsten und -Krawatten feilbietet.

Ein Monopol auf Leibniz kann die Bibliothek freilich nicht anmelden. Denn derzeit ist in der Stadt noch ein zweiter Gedenkort für den Gelehrten geplant: Das Historische Museum will in den Seitenflügeln des Herrenhäuser Schlosses nach dessen Wiederaufbau eine Ausstellung einrichten, die unter anderem auch an den Genius erinnert. Eine Konkurrenz sieht zumindest Ruppelt nicht: „Wir sind bereit, einzelne Stücke auszuleihen, doch die meisten werden wir natürlich bei uns zeigen“, sagt er. Schließlich sei das Schloss weit von der Innenstadt entfernt – und damit auch vom authentischen Wohnort Leibniz’.

Schon in wenigen Jahren dürfte die Bibliothek also die zentrale Leibniz-Stätte Hannovers sein; ein Ort, der Leibniz als Aushängeschild und Identitätsstifter der Stadt pflegt und ihn dennoch nicht (oder jedenfalls nicht nur) fürs Marketing einspannt. Der Baubeginn ist fürs kommende Jahr geplant, die Fertigstellung für den 1. Juli 2012. Als Geburtstagsgeschenk sozusagen. Leibniz würde an diesem Tag 366 Jahre alt.