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Kultur „Wir sind im Mainstream angekommen“
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15:49 15.03.2012
Foto: Der Graf und seine Band Unheilig feiern seit einigen Jahren große Erfolge.
Der Graf und seine Band Unheilig feiern seit einigen Jahren große Erfolge. Quelle: Weiss
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Hannover

Herr Graf, schön, dass Sie anrufen …

… Können wir uns duzen?

Du, Herr Graf?

Einfach nur Du sagen, das wär’ super!

Ja, gern. Also es heißt, zu den Konzerten der kommenden Unheilig-Tour erhalten Kinder und Senioren freien Eintritt. Warum?

Ja, das ist doch toll: Kinder zwischen sechs und zehn Jahren sowie Menschen über 65 bekommen freien Eintritt. Wir brauchen nur eine E-Mail, dass wir wissen, wie viele Leute kommen, damit wir sie in die Gesamtbesucherzahl einrechnen können. Ich geh den Weg mit Unheilig jetzt seit einigen Jahren und habe schon viel erlebt – gerade was Konzerte und Festivals anbelangt: laut, dreckig, du musst duschen oder hast sogar einen Hörsturz, wenn du nach Hause kommt. Ich finde, dass sind Dinge, die man besser machen kann. Wir sind wahrscheinlich die Einzigen, die so etwas anbieten, aber wir tun es einfach: Konzerte für die ganze Familie.

Aber ist es nicht gerade für Kinder direkt vor der Bühne zu eng und zu laut?

Nein, die Kindern sollen bitte nicht in der ersten Reihe stehen. Es gibt einen speziellen Familienbereich, der abgesperrt und etwas von der Bühne entfernt ist. Dort können die Kleinen mit den Eltern oder Großeltern das Konzert sehen. Dieser Bereich wird außerdem separat über Lautsprecher-Cluster beschallt, sodass die Musik nicht so laut, aber trotzdem gut hörbar ist. Ebenso verteilen wir kostenlosen Gehörschutz und gegen Pfand auch diese Mickey-Mouse-Kopfhörer, die man von Baustellen kennt. Zusätzlich haben wir ein "Unheiliges Kinderland": circa 400 Quadratmeter groß. Dort ist pädagogisches Personal anwesend, das sich um die Kinder schon beim Zutritt zum Konzertgelände kümmert. Die spielen und basteln mit den Kleinen, machen mit ihnen Musik, spielen Schlagzeug, Gitarre und Cajons. Es gibt eine Bällebox, Rutschen und Sportangebote.

Du hattest Dir bereits eine treue Fangemeinde in der Gothic-Szene erspielt, bevor Du 2010 mit dem Echo, Bambi und der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurdest. Die aktuelle Single "So wie Du warst" ist auf Platz Zwei in den deutschen Charts eingestiegen. Wie kam es zu dieser Breitenwirkung?

Also ich glaube, nachdem wir schon zehn Jahre Musik gemacht hatten, waren wir 2010 an den Punkt gelangt, an dem wir im Mainstream angekommen sind. Der Weg, den wir beschritten haben, ist ja eigentlich nicht mehr so gängig: Wir sind am Anfang mit Bands auf Tour gegangen, die schon ein größeres Publikum hatten, sind in kleinen Klubs aufgetreten, und die Fangemeinde wuchs nur langsam. Aber wir waren immer der Überzeugung: Wenn du einen langen Atem hast, fleißig bist und das, was du tust, gerne machst, dann stellt sich auch irgendwann der Erfolg ein. 2010 war es dann soweit: Aufgrund von zehn Jahre Arbeit ist "Große Freiheit" auf Platz Eins eingestiegen. Dennoch fragte sich jeder: Wer um Himmels willen ist Unheilig? Dann wurde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit immer größer und wir wurden zu Fernseh- und Radioshows eingeladen. Und plötzlich hatten wir die Möglichkeit, dass auch Menschen außerhalb der Gothic-Szene unsere Musik hören konnten.

Aber auch die Fans in der Schwarzen Szene waren nicht wenige.

Stimmt. 2009 kamen bereits zwei- bis dreitausend Leute zu unseren Konzerten, trotzdem haben wir nicht in der medialen Öffentlichkeit stattgefunden. Und unsere Gothic-Vergangenheit hat es uns auch nicht leicht gemacht: Die Szene ist ziemlich stark mit Vorurteilen behaftet, wie ich bei den ersten Interviews gemerkt habe. Da kamen Fragen wie "Bist du Satanist?", "Warum nennst du dich der Graf?", "Lebst du auf dem Friedhof?, "Bist du ein Vampir?"

Apropos Friedhof – "Geboren um zu leben" zählt zu den beliebtesten Liedern für Beerdigungen.

Ja, das ist aber auch okay, denn das entscheiden ja die Menschen.

Ist denn Trost spenden, das, was Du mit Deiner Musik erreichen willst?

Also die Musik, die ich mache, mache ich in erster Linie für mich selbst, weil ich mit meinem Leben klarkommen will. Alles, was ich schreibe, ist eine Reflexion meines eigenen Lebens, es spiegelt, was erlebe, was ich denke und fühle, woran ich glaube und wenn ich Angst vor etwas habe. Egal mit was ich klarkommen will: Ich schreibe ein Lied darüber. "Geboren um zu leben" entstand als Nachfolger von "An deiner Seite", weil mein Freund 2008 verstorben ist. Und dann habe ich dieses Lied geschrieben, um mir selber zu sagen, dass mein Leben weitergeht und dass ich auch wieder glücklich sein kann - immer in diesen Augenblicken, in denen man ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man das Leben gerade schön findet. Dass das Stück so viel Anklang finden würde, damit konnte ich nicht rechnen. Dennoch ist es für mich als Künstler ein schönes Gefühl, wenn ich Lieder schreibe, durch die es mir selbst besser geht, und ich dann feststelle, dass auch viele andere Menschen daraus Kraft schöpfen.

Ich muss mal nachfragen: War das Dein bester Freund oder dein Lebensgefährte?

Mein bester Freund. Aber ja, die Frage ist berechtigt, man weiß ja nicht viel über mein Privatleben.

Nein, man kennt Dich nur als "Der Graf". Trennst Du diese Kunstfigur überhaupt von der bürgerlichen Person, die dahinter steht?

Also optisch total. Ich versuche in der Öffentlichkeit nur mit meiner Musik dazustehen. Es wird nie eine Homestory über mich geben – für kein Geld der Welt. Ich brauche den Rückzugsort. Wenn ich Zuhause bin, möchte ich gerne für mich sein. Ich möchte auch nicht, dass meine Familienmitglieder in die Öffentlichkeit kommen, ohne dass sie es wollen. Dafür ist dieser Künstlername da. Als Mensch hingegen sehe ich keinen Unterschied. Ob ich mich jetzt mit meinen Freunden zum Grillen treffe oder mit meinen Fans bei den Autogrammstunden unterhalte, da denke und verhalte ich mich gleich.

"Lichter der Stadt" ist nach "Große Freiheit" das zweite Konzeptalbum. Um was geht es auf der neuen Platte?

Mein Leben als Musiker hat sich mit dem Durchbruch 2010 total geändert: Plötzlich berühmt und immer unterwegs, Termine, Termine, Termine. Ich kam mir damals vor wie der kleine Junge vom Land, der in die Großstadt kommt. Und der Erfolg ist die Großstadt. Alles ist neu und ungewohnt, alles dreht sich und bewegt sich. Du weißt eigentlich gar nicht, wie du da zurechtkommen sollst. Das alles ist schon auch ein bisschen bedrohlich, wenn man es nicht kennt. Da war das Konzept von "Lichter der Stadt" für mich klar: Ich habe es genutzt, um den Erfolg zu reflektieren und zu verarbeiten. Dann habe ich mich überall - im Backstagebereich, im Auto oder Hotel - hingesetzt, ein kleines Studio aus Laptop, Lautsprechern und Keyboard aufgebaut und komponiert. Ich bin ein recht sensibler Mensch, der alles, was auf ihn einprasselt, irgendwie verarbeiten muss: Ich habe mir wirklich alles von der Seele geschrieben.

Hast Du deshalb auch auf allen der aktuellen Promo-Fotos ein Notizbuch in der Hand?

Genau! Das ist das Tagebuch, denn "Lichter der Stadt" ist eine Art musikalisches Tagebuch. Und das Exemplar auf den Fotos ist das Sinnbild dafür, dass das, was ich in den Liedern beschreibe, alles passiert ist. Und weil das neue Album ein Tagebuch der letzten zwei Jahre ist, wollte ich auch gerne Künstler dabei haben, die ich in dieser Zeit kennen gelernt habe.

Daher die Duette mit Andreas Bourani und Xavier Naidoo.

Ja, Andreas Bourani habe ich bei der Echo-Verleihung 2011 getroffen, wir sind ins Gespräch gekommen und waren uns sofort sympathisch - was für mich die Grundvoraussetzung für eine musikalische Zusammenarbeit ist. Schnell stand fest, dass wir ihn mit auf die "Lichter der Stadt"-Tour nehmen. Und als ich ihn gefragt habe, ob wir nicht auch ein gemeinsames Lied aufnehmen wollen, hat er ja gesagt. Bei Xavier Naidoo war es ähnlich.

Die Lichter welcher Stadt haben Dich begleitet, als Du von Zuhause ausgezogen bist, um das Glück zu suchen?

Also ich komm ja aus Aachen, lebe immer noch da und bleib auch hier. Es ist wirklich so: Ich möchte gern in der Stadt leben, in der ich geboren bin, das ist für mich wichtig. Ich habe hier meine Familie, meine Erinnerungen - da will ich nicht weg. Und gerade, weil ich als Musiker so viel unterwegs bin, ist mir bewusst geworden, wo und wie gern ich Zuhause bin.

Interview: Jacqueline Moschkau.

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