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Kultur Willy Brandt und der Kniefall von Warschau
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09:48 07.12.2010
Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Getto in Warschau. Quelle: dpa
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Es war ein heikles Unterfangen, in jener Zeit das Verhältnis zu Polen „normalisieren“ zu wollen. Nach schwierigen Verhandlungen in angespannter Atmosphäre konnte am 7. Dezember 1970 der Warschauer Vertrag, der unseren Nachbarn im Osten die Oder-Neiße-Grenze garantierte, unterschrieben werden. Dabei folgten die polnische und deutsche Regierung der üblichen diplomatischen Routine. So legte auch der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt an diesem Tag am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghetto-Aufstands von 1943 in Warschau einen Kranz nieder. Dann aber trat er einige Schritte zurück – und fiel auf die Knie.

Das Bild vom knienden deutschen Bundeskanzler ging um die Welt und hat auch bald Eingang in die Schulbücher gefunden. Bis heute streiten die Historiker, ob die Geste spontan war oder geplant und welchen politischen Hintersinn sie genau hatte. Brandt selbst hat sich später so geäußert: „Am Abgrund der deutschen Geschichte und der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

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Verstanden wurde die Geste, zumal außerhalb Deutschlands, sofort: als Anerkennung von deutscher Schuld und als Bitte um Vergebung. Es war aber keine Geste der Unterwerfung (kein „Gang nach Canossa“, wie die Gegner der Ostpolitik argwöhnten), sondern die Bekundung eines tiefen Respekts für die Opfer deutscher Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs – eine symbolische Revision des einstigen deutschen Überlegenheitswahns.

Diese Symbolik hatte keine Vorbilder im Verhältnis der Staaten. Zum ersten Mal erinnerte eine Staatsführung an das Leid, das ihr Volk anderen Völkern oder Gruppen zugefügt hatte. Traditionell gedenken Nationen vor allem des eigenen Leids, wenn sie die Erinnerung an vergangene Kriege inszenieren. Zusammen mit der Beschwörung von Heldentum und Patriotismus dienen diese Selbstverständigungsrituale der Bestätigung der eigenen Identität.

Diese Form der Traditionspflege war den Deutschen nach dem Ende des Krieges nicht mehr möglich. Um überhaupt wieder in der Völkergemeinschaft akzeptiert und damit auch politisch handlungsfähig zu werden, konnte sich die deutsche Politik der Schuldfrage nicht entziehen – das Deutsche Reich hatte einen Angriffskrieg geführt. Die Siegermächte, ob in West oder Ost, knüpften dagegen ungebrochen an die alten Traditionen der Heldenverehrung an.

Allerdings gerieten auch ihre Selbstbilder in Gefahr, wie man in den vergangenen Jahrzehnten am Zerbröseln des Resistance-Mythos in Frankreich sehen konnte. Mit der Intensivierung der historischen Forschung geriet auch die beflissene „Judenpolitik“ des Vichy-Regimes in den Blick – der französische Präsident Jacques Chirac hat sich dann auch 1995 dafür entschuldigt. Kann man hier zu Recht noch die Umstände der Besatzung zu eigenen Entlastung anführen, sieht das beim Algerien-Krieg anders aus. Nicht nur Frankreich, auch Großbritannien und Belgien werden zunehmend mit ihrer Vergangenheit als Kolonialherren, mit der Sklaverei oder der brutalen Unterdrückung konfrontiert. Und die klassischen Einwanderungsländer, die Vereinigten Staaten, Australien und Kanada, werden von den Nachkommen der jeweiligen Eingeborenenvölker mit der Vernichtungspolitik der Kolonialzeit konfrontiert – und sie müssen sich auf Forderungen nach Entschuldigungen oder Reparationszahlungen einstellen.

Es wäre schön, wenn die Täter oder ihre Erben ganz von selbst zu selbstkritischen Einsichten kämen – aber weder Verdrängung noch Verharmlosung oder der Wunsch nach einen „Schlussstrich“ sind deutsche Besonderheiten. Erst seit China eine ökonomische Macht ist, die Japan schaden kann, sind auch die Japaner gezwungen, sich mit dem mörderischen Krieg, den sie in den dreißiger Jahre in China geführt haben, auseinanderzusetzen und eine Entschuldigung auszusprechen. Sollte in absehbarer Zeit auch Afrika an ökonomischer Bedeutung gewinnen und dank des chinesischen Engagements mehr Handlungsfreiheit gegenüber Europa entwickeln können, werden die Afrikaner mit wachsendem Selbstbewusstsein auch die ehemaligen Kolonialländer mit den Sünden ihrer Vergangenheit konfrontieren.

Anders als für die Täter ist der Schlussstrich für die Opfergruppen schwer möglich – schon gar nicht ohne Anerkennung des geschehenen Unrechts. Erfahrungen von Unterdrückung, von Demütigung, rassistischer Verachtung lassen sich kaum verdrängen – zudem ist es unstrittig, dass historische Traumata über Generationen vererbt werden.

In einer globalisierten Welt, die wirtschaftlich zusammenwächst und in der zunehmend gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen werden, könnten unerledigte Lasten der Vergangenheit auf Dauer den Umgang miteinander erheblich belasten. Und wie sollen sich die Erben der Täter und Opfer, der Unterdrücker und der Unterdrückten anders einigen als auf die Perspektive der Opfer? Zumal die den Vorzug hat, dass sie in großen Teilen die Fakten auf ihrer Seite hat.

Sicher ist, dass diese Abgleichung der unterschiedlichen Erfahrungs- und Erinnerungswelten ein langwieriger und widersprüchlicher Prozess sein wird – die Arbeit der Schulbuchkomissionen von Deutschland und Polen unterstreicht das, obwohl doch beide Länder längst auf den europäischen Interessenverbund existenziell angewiesen sind. Aber es sind – wie sich auch bei Brandts Entspannungspolitik zeigte – gerade praktische Notwendigkeiten, die die politische Moral und die historische Wahrheit befördern. Eine gemeinsame friedliche Zukunft ist nur möglich, wenn auch ein gewisser Grundkonsens über die Einschätzung der gemeinsamen unfriedlichen Vergangenheit erzielt werden kann.

Am Anfang dieser notwendigen Versöhnungsprozesse stand Brandts große Geste, deren Pathos der Größe des begangenen Unrechts angemessen war.

Karl-Ludwig Baader