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21:04 18.05.2012
Von Imre Grimm
Im frisch herausgeputzten Baku beginnt die Eurovisions-Woche – und es prallen Welten aufeinander Quelle: ESC
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Baku

Sie haben Demonstranten niedergeprügelt, Blogger ins Gefängnis geworfen, illuminierte Brunnen gebaut und Englisch gelernt. Sie haben drei gigantische „Flammentürme“ errichtet, die die Nächte am Kaspischen Meer in spektakuläres Licht tauchen. Sie haben bis zu 575 Millionen Euro ausgegeben, schätzt das East-West Research Center in Baku. Alles nur, damit 1500 Journalisten und die Popwelt für ein paar Tage glauben, Aserbaidschan sei ein modernes Land und Baku eine pulsierende, pluralistische Metropole. Der aserbaidschanische Staatschef Ilham Alijev und seine weitverzweigte Familie haben wirklich jedes westliche Klischee von einem autoritär regierenden, geltungssüchtigen, rücksichtslosen Herrscherclan in einem reichen Ölstaat erfüllt. Alijev hat sogar versprochen, sich auch ein bisschen um Demokratie und Menschenrechte zu kümmern, irgendwann später, ganz bestimmt.

Kommende Woche nun beginnt der Eurovision Song Contest 2012 in Baku. Es wird der teuerste aller Zeiten. Und dann, bitte, endlich, so hoffen Gastgeberland und European Broadcasting Union (EBU) als Veranstalter unisono, möge bitte Schluss sein mit dem lästigen Gemecker über Staatswillkür, fehlende Pressefreiheit und anderes Randständiges. Dann möge sich die nörgelnde Journaille endlich den putzigen Großmüttern aus Russland zuwenden, den Dudelsäcken aus Rumänien, den popowackelnden Österreichern und Engelbert, dem großen, alten Mann der Schunkelschnulze aus Großbritannien. Alles so schön bunt hier!

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Aber das klappt nicht. Am Donnerstag haben Hacker die Webseite des Grand-Prix-Nachrichtendienstes ESCtoday.com gekapert. Sie stellten das Bild eines martialischen Kriegers vor aserbaidschanischer Flagge auf die Startseite, dazu einen Text in der Landessprache Azeri: „Es gibt keinen Platz für unmoralische Schwule in Aserbaidschan“, hieß es darin. „Verlasst unser Land. Kein Platz in Aserbaidschan für Schwule, die aussehen wie Tiere.“ Es gab Gerüchte über eine spontane Schwulenparade kommende Woche in Baku. Niemand weiß, wer die Hacker waren.

Die EBU hat schon reagiert. Und wie wohl? Etwa mit einem flammenden Appell, die Tage von Baku zu einem Fest der Freundschaft zu machen? Mit scharfer Kritik an Homophobie und Intoleranz? Nichts da: Die EBU nennt die Hackerattacke in einer windelweichen Stellungnahme „bedauerlich“ und stellt gleich mal fest: „Wir sind hier, um den Eurovision Song Contest zu organisieren, und nicht eine Gay Parade.“ Im Übrigen „existiert ein solides Sicherheitskonzept, und wir haben entsprechende Garantien von den relevanten Behörden erhalten, unterschrieben vom Premierminister Aserbaidschans“.

Soll heißen: Ist doch nicht unser Problem, wenn jemand unseren schönen ESC mit einer Schwulenveranstaltung verwechselt. Und außerdem hat die Regierung ja gesagt, es wird alles super. Dann wird auch alles super.

Es ist der Tiefpunkt im bisherigen Verhalten der EBU zu der Kritik, sie biete einem geschickten Autokraten eine Bühne für seine politisch-wirtschaftliche Propaganda. Stumpf spult die EBU ihr Credo ab, ihr gehe es nicht um Politik, der Bauboom in Baku habe mit dem ESC nichts zu tun, und im Übrigen werde alles ganz toll. Hat die Regierung schließlich gesagt. Deutsche Firmen verdienen kräftig mit: Die deutsche Firma Alpine Bau AG baute die Halle, das Hamburger Architekturbüro GMP entwarf sie, und die Kölner TV-Firma Brainpool produziert die Show. Das Bühnenbild stammt – wie 2011 in Düsseldorf – vom Deutschen Florian Wieder.

Man kann sich leicht verführen lassen vom Glamour dieser zur Kas­pischen Perle hochgezüchteten Hauptstadt, berichten die ersten vor Ort. Aber ist Baku tatsächlich so eine Art Pjöngjang, nur mit Strom? Nein. Der ESC 2012 in Aserbaidschan ist kein Tanz mit dem Teufel. Doch die wichtigste Geschichte ist diesmal eben weder die eines hüpfenden irischen Zwillingspaares noch die einer dunkelhaarigen Schönen aus Deutschland. Sondern die Tatsache, dass es hier, im Niemandsland zwischen zwei Kontinenten, zu einem Kulturkonflikt kommt, wie ihn der Grand-Prix-Zirkus noch nicht erlebt hat. Absurde Szenen für Westler – für Einheimische ganz normal: die riesigen Alijev-Plakate überall. Sicherheitskräfte, die Fotos von der Kristallhalle verbieten. Ein Präsident, der seine fertige Loge in der Arena komplett herausreißen und pompöser gestalten lässt. Die offensiv geschminkte Präsidentengattin Mehriban Alijeva, die als allmächtige Organisationschefin mit Argusaugen den Fortgang der Dinge überwacht und deren gefürchtete Telefonanrufe gestandene Ingenieure und Fernsehleute ins Schwitzen bringen. Ein in Acrylglas gefangener Leichtöltropfen im offiziellen Geschenkset für die anreisenden Journalisten. Das alles wirkt schräg und wäre bloß putzig, wenn es nicht die politischen Gefangenen gäbe, die Willkür, die Unterdrückung, von der Amnesty International, Human Rights Watch und lokale Blogger Zeugnis ablegen. „Lasst euch nicht blenden“, lautet ihr Motto. „Baku ist ein Potemkinsches Dorf.“

In Aserbaidschan nimmt man übel, dass sich viele der nörgelnden Schreiberlinge so gar nicht für die schillernden Wolkenkratzer interessieren. „Sie werden es nicht schaffen, uns das Festival zu verderben“, sagte Mehriban Alijeva dem Nachrichtendienst news.az grimmig. Das „Gegenfestival“ namens „Sing For Democracy“, an das die schwache, schlecht organisierte Opposition viele Hoffnungen geknüpft hatte, hat man kurzerhand aus der Stadt in einen Musikclub verbannt. Und die EBU hält sich Augen und Ohren zu. Die Rundfunkunion, immerhin mit staatlichen Geldern von ARD und ZDF mitfinanziert, spricht über Baku wie das Olympische Komitee über die Sommerspiele von Peking, wie die UEFA über die Fußball-EM in Polen und der Ukraine oder die Fifa über die Fußball-WM 2022 in Katar: Wir wissen von nichts, das wird super, alles dufte. Im ESC-Finale am kommenden Sonnabend tritt als Gaststar übrigens auch Emin Agalarow auf. Agalarow ist Geschäftsmann, Sänger und Komponist – und der Schwiegersohn des Präsidentenpaares.

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