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Kultur „Williamsburg“: Das neue Album von Westernhagen
Mehr Welt Kultur „Williamsburg“: Das neue Album von Westernhagen
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20:44 20.10.2009
Von Uwe Janssen
Marius Müller-Westernhagen hat ein neues Album veröffentlicht.
Marius Müller-Westernhagen hat ein neues Album veröffentlicht. Quelle: Martin Steiner
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Es ist alles ein bisschen wie früher. Man legt eine Platte von Marius Müller-Westernhagen auf, erstes Lied, Schlagzeug, mittleres Tempo, dann Bass, Gitarre – und, jau, da haucht, raunt und röhrt er, der Sänger. „Es ist das Leben, an dem wir kleben, es ist die Hölle, die uns droht“ oder „Revolution – wer will das schon?“. Das klingt kritisch, das klingt forsch und frech, das ist Marius Müller-Westernhagen, genannt Westernhagen. Aber wenn er so haucht, raunt und röhrt und so kritisch, forsch und frech ist, dann ist er einfach nur Marius. Mehr noch – der alte Marius.

Wer vom alten Marius schwärmt, meint den jungen Marius, den Pfefferminzprinzen und Ladykiller Theo, den dürren Hering, der mit 18 in Düsseldorf rumrannte und in Unterhemd und Jeansjacke der produktivste Loser der Nation war. Der alte Marius ist ein Stück alte Bundesrepublik. Es gibt zwar auch noch den Massendompteur Marius, der in den Neunzigern die Stadien füllte, aber da trug er schon Armani und war mehr Messias als Theo. Das war nicht mehr der alte Marius. Und nur der alte Marius war der echte Marius. Auch das ist Teil dieser Erfolgsgeschichte.

Sein Alterswerk, so dachten alle, wohl auch er selbst, war mit dem Album „Nahaufnahme“ vor ein paar Jahren eingeläutet, einem narzisstischen und musikalisch gähnend langweiligen Ausflug in des Künstlers Gefühlswelt, der ebenso gespielt war wie die Verliererfigur Theo. Nur dass man ihm die Rolle plötzlich nicht mehr abnahm. Stell dir vor, Westernhagen macht eine Platte, und keiner hört wirklich hin. Daran musste man sich erst gewöhnen.

Heute ist der Marius 60 Jahre alt und wieder unter seinem vollen Namen unterwegs. Und vielleicht hat er sich seiner alten Tugenden erinnert, die ja nicht allein die Bühnenpräsenz des Künstlers waren, sondern auch guter, einfacher Rock ’n’ Roll. Der ist schließlich nicht totzukriegen. Und so ist Westernhagen nach New York gereist, hat mit amerikanischen Sessionmusikern ein Rockalbum aufgenommen und es auch gleich nach dem Viertel benannt, in dem es entstand: „Williamsburg“ (erscheint am Freitag). Eine große Geste, die Internationalität demonstriert, aber vielleicht auch ein Dankeschön ist an den Ort der Inspiration. Es muss der Blues gewesen sein, der die Herrschaften umweht hat. Es klingt stellenweise gar roh, mal wimmert hinten in der Ecke ein Akkordeon, mal quietscht die Gitarre absichtlich unabsichtlich, mal ist der Einzähler mit drauf, mal hört man, wie die Musiker nach Ende der Aufnahme durchatmen und die Instrumente ausklingen lassen. Das soll Echtheit beweisen und tut es auch. Als ob irgendwann der Mannschaftsgeist gestimmt und man so viel wie möglich davon festgehalten hat. Zu englischen Texten hat Westernhagen sich indes nicht hinreißen lassen. Vielleicht hätte er es ruhig versuchen sollen. Denn westernhagensche Lyrik ist kein Aha-Erlebnis, und seine Statements zur Lage der Nation sind es auch nicht. Sein Auftritt bei ARD-Talker Reinhold Beckmann ließ schon wieder Schlimmes befürchten. Er wisse nicht, ob Guido Westerwelle wirklich der Richtige für das Amt des Außenministers sei, weil der immer gleich so empfindlich reagiere, sagte der Musiker, der früher seinem Freund Gerhard Schröder beim Wahlkämpfen unter die Arme griff. Ja, und?

Auch im fernen Williamsburg fielen Westernhagen ein paar Kritikpunkte ein, die er schlagwortartig abfeuert: „Antidepressiva, MTV und Viva, Wetten dass, Viagra, Deutschland Superstar“. Da hat ein „Volk von Helden die Hosen voll“. Später bellt er „Wir haben die Schnauze voll“. Zwischendurch gibt’s Schlagerpop, denn der Sänger war „zu lang allein“. Warum, bleibt etwas unklar, aber er ist schließlich „Ein Mann zwischen den Zeilen“, den man aber trotzdem „nicht verbiegen kann“.

Dazu gibt’s väterlichen Rat („Mit beiden Füßen auf dem Boden“), ist aber auch kein Wunder, schließlich wird er in Interviews mittlerweile regelmäßig nach seiner Tochter gefragt, deren Karriere nach „Playboy“-Fotos gerade da ist, wo sie beim alten Marius war – auf der Startrampe. Und am Ende wachsen ihm dann doch wieder Flügel, und er schickt uns mit salbungsvollen Worten ins Bett: „Wir kommen alle aus dir, Mutter / jeder ist mit jedem verwandt / ja, wir sind alle deine Kinder / Menschen werden wir genannt.“ Amen.

Aber warten wir’s ab. Als Live-Performer, als Rampensau, als Bühnenbeglücker hat der Mann Qualitäten, die andere nicht haben. Wenn er will, wickelt er jeden Einzelnen um den Finger, da ist er Schauspieler genug – und da kann er auch mal locker mit seinem Image spielen, was ihm in seinen Texten so schwerfällt. Lederkluft, wehendes Haar und Sonnenbrille lassen jedenfalls darauf schließen, dass er es ernst meint mit dem Rockversprechen. Die großen Hallen sind bereits gebucht.

Unter anderem die hannoversche TUI Arena, wo Westernhagen am 24. Oktober 2010 gastieren wird. Karten ab Freitag unter (05 11) 44 40 66, unter www.hannover-concerts.de und an allen Vorverkaufsstellen.