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Kultur Wie viele starben an der DDR-Grenze?
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06:15 14.08.2012
Am Todesstreifen: Die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland war rund 1400 Kilometer lang – jetzt wird ihre Geschichte erforscht. Quelle: HAZ (Archiv)
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Berlin

Eine junge Familie will die DDR verlassen. Als sie an die Grenze gelangt, schließt eine Stahlrampe. Ihr Auto prallt frontal gegen die Sperre. Der Vater kommt auf grauenhafte Weise um, Frau und Kinder werden verletzt. In einer Sofortmeldung beschreiben Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR den Unfallhergang bis in Einzelheiten. Die Details sind zu schrecklich, um veröffentlicht zu werden. Die Opfer aber sollen nicht länger anonym bleiben.

51 Jahre nach dem Mauerbau und zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der DDR herrscht über die Opferzahl an der innerdeutschen Grenze immer noch Unklarheit. Schätzungen variieren von 500 bis 700 Grenztoten. Es können aber auch weit mehr gewesen sein. Bei einem Forschungsprojekt, das Kulturstaatsminister Bernd Neumann gestern im Vorfeld des 51. Jahrestags des Mauerbaus am 13. August 1961 vorstellte, sollen jetzt alle Opferschicksale im Zeitraum von 1949 bis 1989 dokumentiert werden. Zwei Jahre nach Vorlage des Totenbuches der Berliner Maueropfer (136 Fälle sind dokumentiert) durch das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und die Gedenkstätte Berliner Mauer erforschen Mitarbeiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin Zwischenfälle entlang des 1400 Kilometer langen „Todesstreifens“.

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Das 500.000 Euro teure Projekt wird vom Bund finanziert (355.000 Euro) sowie von den Ländern Niedersachsen(70.000 Euro), Sachsen-Anhalt (45.000 Euro) und Hessen (30.000 Euro). Es gehe darum, „den Toten Namen und Gesicht zu geben“, zu zeigen, „wie brutal und unmenschlich“ der SED-Staat agiert habe, und einer „Verharmlosung der sozialistischen Diktatur entgegenzuwirken“, sagte der Staatsminister. Bedauerlich nannte Neumann, dass nicht mehr Bundesländer das Vorhaben unterstützten. Manche hätten auf mangelndes Geld verwiesen, andere auf eigene Forschungen.

Niedersachsens Kulturministerin Johanna Wanka sagte bei der Vorstellung des Projekts an der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße in Berlin, es sei höchste Zeit, dieses Geschichtskapitel aufzuarbeiten. Viele Zeitzeugen seien inzwischen betagt. Die niedersächsische Grenze habe den größten Teil des innerdeutschen Grenzverlaufs ausgemacht. In einer Vielzahl kleiner Orte gäbe es regionale Museen. Niedersachsen bemühe sich, Erinnerungsstücke zu bewahren und Zeitzeugen noch rechtzeitig zu befragen.

Zu den bekanntesten Opfern an der innerdeutschen Grenze gehörte Michael Gartenschläger. Er demontierte 1976 Selbstschussanlagen - danach konnte die DDR deren Existenz nicht länger leugnen. Bei einem weiteren Demontageversuch wurde der DDR-Bürger von einem Spezialkommando des Ministeriums für Staatssicherheit erschossen. Klaus Schroeder, der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, nannte die Dokumentation solcher Opferschicksale eine „persönliche Herzensangelegenheit“. In Travemünde aufgewachsen, hatte er immer die martialischen Grenzanlagen und Hundestaffeln vor Augen. „Als eine Wasserleiche angeschwemmt wurde, konnten wir Kinder das gar nicht fassen.“

Die Ostseeflüchtlinge werden allerdings außen vor gelassen. Das gilt auch für die Grenztoten vor 1949. Diese zu recherchieren, sei zu aufwendig, hieß es. Die Wissenschaftler dürfen bei ihrer Arbeit Einblick in Akten nehmen, die aus Personenschutzgründen unter Verschluss sind. Die Veröffentlichung von Fakten ist teilweise nur in anonymisierter Form möglich.

Bereits in den fünfziger Jahren hat das Staatssicherheitsministerium die Verantwortung für die Grenztoten an sich gezogen. Es wurde akribisch Buch geführt - je länger der SED-Staat bestand, desto ausführlicher. Einer geheimen Unterlage ist zu entnehmen, dass zwischen 1974 und 1979 knapp 5000 DDR-Bürger zu fliehen versuchten, 229 gelang die Flucht, 48 wurden durch Erdminen getötet, 43 durch Selbstschussanlagen, 67 scheiterten am Grenzzaun, rund 4000 wurden verhaftet.

Das Forschungsprojekt wird auch Licht auf das Spitzelnetz werfen. Im Zentrum des Interesses aber stehen die Opferbiografien. „Um die Täter geht es uns weniger. Wir wollen vielmehr Personen, die zum Teil anonym sind oder nur mit Namen und Datum in Listen auftauchen, eine Geschichte geben“, sagt Jochen Staadt, der gemeinsam mit Schroeder das Forschungs- und Dokumentationsprojekt leitet. Staadt gibt an, dass es überwiegend junge Menschen zwischen 18 und 25 waren, die die Flucht gewagt hätten. Aber auch Familien seien darunter gewesen. „Die Flüchtlinge wurden in der DDR als asozial bezeichnet. Wir meinen, dass die Geschichte dieser Menschen im geteilten Deutschland würdig ist, dass man an sie erinnert“, betont der Wissenschaftler.

Aufschlussreich ist, was er über die soziale Herkunft der meisten Opfer sagt: „Die Opfer an der innerdeutschen Grenze waren überwiegend Arbeiter und Handwerker. Sie kamen aus genau den sozialen Schichten, für die dieser Staat als Arbeiter- und Bauernstaat angeblich geschaffen worden war.“

Erste Zeitzeugen haben sich bereits bei den Forschern gemeldet, die Ende 2015 die Ergebnisse in Form eines Totenbuches und einer Multimediapräsentation im Internet vorlegen möchten. Dabei ist ein Mann, der in Listen als tot geführt ist. Tatsächlich wurde er bei seiner Flucht in den siebziger Jahren durch Splitterminen verletzt, doch er überlebte. Sein Freund wurde getötet. Beide waren damals 17 Jahre alt.

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