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Kultur Wie Sozialisten und Nationalsozialisten die Neujahrskonzerte erfanden
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14:04 28.12.2011
Von Rainer Wagner
Foto: Statt Konfetti: Beim Neujahrskonzert „Strauß und mehr“ des Niedersächsischen Staatsorchesters segeln Ballons aufs Parkett.
Statt Konfetti: Beim Neujahrskonzert „Strauß und mehr“ des Niedersächsischen Staatsorchesters segeln Ballons aufs Parkett. Quelle: Dillenberg
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Hannover/Berlin

Zu Silvester stimmt man gern das „Alle Menschen werden Brüder“ an, an Neujahr hat man eher ein champagnertrunkenes „Brüderlein und Schwesterlein“ im Kopf. Silvester war der Tag, an dem in den Zeiten des Kalten Kriegs auch die Deutungshoheit über Beethoven umkämpft war: Im Westen lenkte Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern den Blick nach oben „überm Sternenzelt“ (wozu dann die Kameras nach oben schwenkten und die Deckenbeleuchtung in der Berliner Philharmonie einfingen), im Osten traten ­regelmäßig das Gewandhausorchester Leipzig und der jeweilige Gewandhauskapellmeister (wie der Chefdirigent dort heißt) an.

Nach ’45 ging es in West-Berlin zunächst eher bunt zu. Sergiu Celibidache, der den noch nicht entnazifizierten Wilhelm Furtwängler ersetzte, kombinierte Schubert mit Johann Strauß, aber auch Otto Nicolai mit Richard Wagner („Tristan“-Vorspiel!). Beethovens Neunte stand 1954 erstmals auf dem Programm – mit Karl Böhm am Pult. Karajan trat 1958 erstmals zum Jahreswechsel vor seine Philharmoniker, 1967 griff er zu Beethovens Neunter, die in den folgenden Jahren zwar immer mal wiederkehrte, aber bei Weitem nicht das Programm prägte.

Das war in Leipzig anders. Dort hatte ein Redakteur der „Volkszeitung“ angeregt, die letzte Sinfonie des Klassikers am letzten Tag des Jahres ertönen zu lassen – anlässlich der „Friedens- und Freiheitsfeier“, die vom Arbeiter-Bildungs-Institut 1918 in der Alberthalle des Krystallpalastes veranstaltet wurde. Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch übernahm die Leitung der 100 Orchestermusiker und 300 Choristen. Als Nikisch starb, führten Hermann Scherchen, Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter die erfolgreichen Konzerte des Arbeitervereins fort.

Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man an diese Tradition an und ließ das Spektakel – jetzt als Gewandhauskonzert – wieder aufleben: Im Kino Capitol, der ersten Spielstätte nach dem Krieg, erklang 1945 die erste Silvesteraufführung von Beethovens 9. Sinfonie. Die Kette riss seither nie ab: 2011 wird das Konzert zum 67. Mal stattfinden.

Nicht ganz so bildungsbürgerlich ehrenvoll ist die Geschichte des wohl berühmtesten Neujahrskonzerts. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker war nämlich am 31. Dezember 1939 als „außerordentliches Konzert“ dem von Adolf Hitler kurz zuvor eröffneten 1. Winterhilfswerk gewidmet. Im Jahr darauf wechselte man vom Silvesterabend auf den Neujahrstag und spielte – laut Konzertankündigung im „Neuigkeits-Welt-Blatt“ vom 22. Dezember 1940 „zum ersten Mal für die NS-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude‘“. Eigentlich hätte Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) als „Achteljude“ (nach den Arierparagrafen des NS-Regimes) gar nicht aufgeführt werden dürfen, aber Reichspropagandaminister Joseph Goebbels verbot das Verbot mit der Begründung: „Erstens ist es noch nicht erwiesen, und zweitens habe ich keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz so nach und nach unterbuttern zu lassen.“ Lieber butterte man das Trauungsbuch der Dompfarre St. Stephan unter, in dem Großvater Johann Michael Strauß als „getauffter Jud“ aufgeführt wird und ersetzte es durch eine Fälschung.

So erfolgreich die Nazis die Strauß-Dynastie arisierten, so folgenreich wurden die Neujahrskonzerte entnazifiziert. Und sie wurden ein Welterfolg. Seit 1959 wird das Neujahrskonzert live übertragen, seit 1969 auch in Farbe. In mehr als 70 Ländern ist das Konzert heute zu hören. Und sollte sich doch jemand an braune Flecken auf der weißen Frack-Weste erinnern, bleibt immer noch der Strauß-Ohrwurm „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“.

In Wien steht die Strauß-Front, die gelegentlich durch Walzer-Kollegen wie Josef Lanner und Josef Hellmesberger ergänzt und in seltenen Fällen durch den einen oder anderen Jubilar (Hauptsache: tanzbar) bereichert wird. Anderswo flicht man andere Sträuße. In Bamberg etwa starteten die 1946 gegründeten Bamberger Symphoniker (in denen nicht nur geflüchtete Mitglieder des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag eine neue Heimat gefunden hatten) 1950 mit Silvesterkonzerten. Bis 1993 war Beethovens Neunte Pflicht, dann wurden die Programme bunter. In diesem Jahr gibt man sich zur „Last Night“ very british. In Hamburg hat schon vor Jahren Ingo Metzmacher eine Bresche für die Neuere Musik geschlagen und fragte: „Who Is Afraid of 20th Century Music?“.

In Hannover war die Neujahrsgeschichte mit Strauß-Melodien überschaubar, weil das Niedersächsische Staatsorchester seit 2006 lieber eigene Töne anstimmt, weshalb das Johann-Strauß-Orchester des Staatsorchester-Geigers István Szentpáli Gavallér nach 14 Jahren an andere Orte und auf andere Termine ausweichen musste.

Und Dresden, wo man in der Vergangenheit mal sinfonisch fröhlich, mal operettig in der Semperoper aktiv war, ist zu einer ganz frischen Silvesterkonzerttradition gekommen wie die Jungfrau zum Kind. 2009 haben sich die Berliner Philharmoniker und das ZDF überworfen. Die Berliner Philharmoniker wechselten zur Konkurrenz ARD. Und das Zweite hört seit vergangenem Jahr mit der Staatskapelle Dresden auf dem zweiten Ohr besser. Dass sich auch in diesem Jahr die Konzerte zeitlich überschneiden, ärgert Medienpolitiker mehr als Zuschauer, die als Fans sowieso alles aufzeichnen – oder mittlerweile nach kürzester Frist alles auf CD und auf DVD erstehen können.

Gemeinsam ist allen klingenden Aktionen zum Jahreswechsel die Erkenntnis: Mit Musik geht alles besser.

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