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Kultur Wie Sophie Küppers um ihren Kunstschatz betrogen wurde
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11:56 24.06.2009
Von Johanna Di Blasi
Sophie Küppers kurz vor ihrem Tod 1978 in Novosibirsk.

Mit ihrer zweiten Liebe, dem konstruktivistischen Künstler El Lissitzky, wollte die junge Witwe in Russland einen Neuanfang versuchen. Doch als Hitler dort einmarschierte, sah sich die inzwischen zum zweiten Mal verwitwete Mutter dreier Kinder und glühende Kommunistin auf einmal in der Rolle der suspekten Ausländerin.

Sibirische Verbannung und mehrjähriges Arbeitslager wurden über Sophie Küppers verhängt. Die Frau, die Anfang der zwanziger Jahre in Hannover elegant Salon gehalten hatte, putzte nun in Sibirien in einer Fabrik und verdiente sich mit selbst gestrickten Fäustlingen ein paar Rubel dazu. Ein Sohn aus erster Ehe kam im Ural in einem Arbeitslager um. Der zweite war 1935 nach Deutschland geflüchtet, wo er als „Kommunist“ und „Stiefsohn eines Juden“ vorübergehend im KZ landete.

Selbst in Hannover dürften diese dramatischen Details der Biografie einer berühmten Frau dieser Stadt und ihrer engsten Anverwandten nur wenigen bekannt sein. Die auf Fragen der Enteignung jüdischen Kunstbesitzes während der NS-Ära spezialisierte Berliner Forscherin Monika Tatzkow und die österreichische Autorin Melissa Müller widmen Sophie Küppers in ihrem neuen Buch „Verlorene Bilder, verlorene Leben“ ein ganzes Kapitel. Es geht in dem Buch um Biografien herausragender jüdischer Sammler.

Der jüngste Sohn Boris, genannt Jen, lebt noch. Das erleichterte die Recherchen. Der inzwischen hochbetagte Lissitzky-Sohn kämpft, wie schon seine glücklose Mutter, um die Rückgabe des Kunsteigentums der Familie. Eine ganze Reihe Museen ist involviert. Zu den Erben zählt auch die in Deutschland lebende Küppers-Enkelin Anita Templin.

Im Februar 2000, mehr als zwanzig Jahre nach Sophie Küppers’ Tod, gab die Stadt Köln nach langem Zögern Louis Marcoussis’ „Die Weintraube“ aus dem Museum Ludwig an die Erben zurück. Zwei Jahre später einigten sich die Erben mit der Fondation Beyeler auf eine Entschädigung für Kandinskys „Improvisation 10“ in zweistelliger Millionenhöhe. In Bergisch Gladbach und in München (dort geht es um Paul Klees „Sumpflegende“) stehen die Entscheidungen immer noch aus.

In diesem Frühling hat sich sogar Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit einem Brief an Münchens Oberbürgermeister Christian Ude eingeschaltet. Die Weigerung Münchens, das Bild zurückzugeben, schade „dem deutschen Ansehen im Ausland“, schrieb er.

Sophie Küppers hatte als Ausländerin einen Sonderstatus. Sie galt den Nationalsozialisten als „jüdisch versippte Volksfeindin“ und „Kulturbolschewistin“. Doch enteignet hat man sie nicht. So können die Erben heute sagen, die Werke seien immer im Besitz der Familie gewesen.

Sophie Küppers hatte, bevor sie 1926 Deutschland verließ, ihren Kunstschatz Alexander Dorner zur Aufbewahrung anvertraut, dem legendären Leiter des hannoverschen Provinzialmuseums (dem heutigen Landesmuseum). Nationalsozialistische Funktionäre beschlagnahmten die avantgardistischen Gemälde in Hannover und zeigten sie 1937 in der Fehme-Schau „Entartete Kunst“. Besonders diffamierend wurde in München Klees „Sumpflegende“ präsentiert. Das Bild hing neben Werken von Kurt Schwitters an der sogenannten Dada-Wand und wurde als Ausdruck der „Verwirrung“ und „Unordnung“ eines „Geisteskranken“ angeprangert.

1958 erkundigte sich die inzwischen 66 Jahre alte Kunstbesitzerin im Provinzialmuseum in Hannover bei Dorners Nachfolger Ferdinand Stuttmann nach dem Verbleib ihres Eigentums. „Sie werden sich, sehr geehrte Frau Lissitzky, mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass Ihre Bilder verloren sind“, antwortete Stuttmann lakonisch in einem Brief. Es gäbe keinerlei Spuren.

Zynisch finden Tatzkow und Müller dieses Schreiben. Stuttmann sei in der Nazizeit Gutachter für beschlagnahmte Werke gewesen. Er habe wissen müssen, dass Werke gegen Devisen ins Ausland verhökert oder von heimischen Händlern und Sammlern eingeheimst worden waren. Klees „Sumpflegende“ etwa sicherte sich der berüchtigte Hamburger Händler Hildebrand Gurlitt für 500 Schweizer Franken. Er beschloss die Rechnung mit einem „Heil Hitler!“.

Von den Nazis entwendete Kunst wurde, so haben die Buchautorinnen recherchiert, nach dem Krieg im In- und Ausland weitergehandelt. Alexander Dorner, der neun Tage nach der Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ in die USA emigriert war, sollen Werke seiner Freundin aus hannoverschen Tagen in Amerika wiederholt und hartnäckig von europäischen Händlern angeboten worden sein. Doch Dorner schrieb zurück, es sei das Eigentum von Madame Küppers, gestohlene Kunst.

Als 1962 die „Sumpflegende“ im Kölner Auktionshaus Lempertz als Sensation angepriesen wurde, war das Niedersächsische Landesmuseum Hannover interessiert, nahm aber dann Abstand von dem Kauf, „aus rechtlichen Gründen“. Man wusste in Hannover, dass auf der Rückseite des Werks der Name Küppers stand.
Sophie Küppers-Lissitzky starb 1978 in Nowosibirsk, wo sie in bescheidensten Verhältnissen gelebt hatte. In krassem Kontrast zu ihrer ärmlichen russischen Wohnküche steht das elegante Zimmer des Ehepaares Küppers aus den zwanziger Jahren, das sich heute im Museum August Kestner befindet. Es wurde Ende der neunziger Jahre im rheinischen Kunsthandel angeboten und konnte damals dank der Bemühungen von Wolfgang Schepers, dem Direktor des Museums August Kestner, für Hannover gesichert werden.

Melissa Müller/Monika Tatzkow: „Verlorene Bilder. Verlorene Leben“. Elisabeth Sandmann Verlag. 249 Seiten, 34 Euro.

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