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Kultur Whitney Houston singt in der TUI Arena in Hannover
Mehr Welt Kultur Whitney Houston singt in der TUI Arena in Hannover
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22:59 16.05.2010
Von Volker Wiedersheim
Noch einmal: Boah! Whitney Houston hat beim Tourkonzert in Hannover nicht enttäuscht. Quelle: Martin Steiner
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Nun hat Hannover also doch noch sein Relegationsspiel bekommen. Nicht im Fußball. Da haben die „Roten“ ja bekanntlich mit knapper Not das rettende Ufer erreicht. Dagegen mittendrin im Abstiegskampf: Whitney Houston. Die Prinzessin des schwarzen Pop. Früher einmal. Königin Mutter des schwarzen Pop. In ein paar Jahren vielleicht. Aber jetzt, Ende vierzig, irgendwo dazwischen. Auch und gerade stimmlich: Niemandsland.

Aber eben nicht allein. 5500 sind am Sonntagabend in der TUI Arena an der Expo-Plaza dabei.

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Wenn die Hitparaden Preise vergeben würde wie der Profifußball, Houston hätte sie alle. Mit „The greatest Love of all“ unwiderstehliche Aufsteigerin in die Weltliga im Alter von gerade einmal 22 Jahren. Mit „How will I know“ als erste schwarze Sängerin überhaupt im Video-Programm von MTV – das ist die Champions League. „I will always love you“, Titellied zu ihrem Leinwand-Durchbruch „The Bodyguard“, ist immer noch bestverkaufte Single aller Zeiten – ein echter Weltmeister.

Doch was nützt der Ruhm, wenn Spinnweben dran kleben und Zweifel wie Patina am Pokal. War früher die Antwort auf Whitney: „Boah!“, so ist sie jetzt „Buh!“ Diva-Demontage ist so ein bisschen der letzte Schrei. Wo sie auftritt gibt es Misstöne. Und zwar schon, bevor sie zum Mikrofon greift und selbst Misstöne produziert. Das war bei vielen Stationen der Tournee so. Am schlimmsten wohl in Berlin. Houstons Comeback nach elf Jahren auf deutschen Konzertbühnen ist ein Treppenwitz geworden auf dem Weg nach Hannover. Und zwar treppab. Das ist Pop als Abstiegskampf, Rhythm ‘n’ Relegation. Wo es aber im Fußball den Abstieg in die 2. Liga, 3. Liga, Regionalliga und so weiter gibt, da führt der Abstieg aus den Hitparaden ins schwarze Nichts der Anonymität.

Also: Auf geht’s, Whitney, kämpfen und siegen!

„For the Lovers“ und „Nothing but Love“, zwei Songs von ihrem aktuellen Album, sind die Vorhut. Die schickt sie voraus. Und siehe da, sie stößt in Hannover nicht auf Widerstand, sondern die 5500 begleiten sie wacker in die Schlacht. Drei Songs dauert’s, bis zwei Drittel des Publikums stehen. Und applaudieren. Das macht Mut. Houston traut sich was. Für „I look to you“, ihr auf den Leib, aber nicht auf die Stimme geschrieben von R. Kelly, und noch mehr für „My Love is your Love“ kommt sie aus der Deckung und greift ihren Feind frontal an: Die Endlichkeit ewig geglaubter Jugend. Klar. Houston kann schreien und säuseln, flöten und flirten, schmeicheln und schmirgeln, versprechen und versagen. Beste Beispiele dafür finden sich im Medley mit Versatzstücken aus „The Greatest Love of all“, „Saving all my Love for you“ und später auch noch bei der Kombiversion der einstigen Tanzbodenfeger „I wanna dance with somebody“ und „How will I know“.

Aber mit jeder Viertelstunde wird deutlicher: Lang kann das so nicht mehr gut gehen. Nicht mit diesem Konzert und nicht mit dieser Karriere. Töne brechen wie ein Versprechen. Sie macht immer mehr Pausen zwischen den Pausen, die sie ohnehin schon geschickt in der Inszenierung ihrer Show versteckt und die von der makellos performenden elfköpfigen Band zugespielt werden. Aber das Publikum in Hannover hat aus oben angeführtem Grund Routine im Abstiegskampf. Fußballerisch oder musikalisch; egal. Gemeinsam für die 1. Liga. Letzte Hürde, die dafür genommen werden muss: „I will always love you“. Spannung vor dem Sprung zu diesem Ton „... and I ...“. Houston zelebriert den Anlauf. Das Publikum tost, Houston hebt ab. Und ... trifft. Jedenfalls scheint es so, bis die Halle vor Jubelgeschrei überquillt und eigentlich nichts mehr erkennbar ist.

So geht Klassenerhalt. Am Ende zählt, nur, dass man drinbleibt. Wie? Danach fragt am nächsten Morgen keiner mehr.