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Kultur Werner Herzog erhält Deutschen Filmpreis fürs Lebenswerk
Mehr Welt Kultur Werner Herzog erhält Deutschen Filmpreis fürs Lebenswerk
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00:15 28.04.2013
Foto: Werner Herzog zählt zu den international bekanntesten deutschen Filmemachern.
Werner Herzog zählt zu den international bekanntesten deutschen Filmemachern. Quelle: dpa
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Herr Herzog, jüngere Kinobesucher kennen Sie als Bösewicht aus dem Thriller „Jack Reacher“ mit Tom Cruise. Wie erklären Sie denen, wer Werner Herzog wirklich ist?
Das müssen die selbst entdecken. Das Merkwürdige ist, dass sich viele junge Leute bei mir melden. Die kennen mich über meine Filme. Fast alle gibt es im Internet oder auf DVD. Es gibt auch laufend irgendwo Retrospektiven – in Brasilien, Algerien, Russland, Indien.

In der Welt genießen Sie höchste Wertschätzung – nur in Deutschland nicht. Wieso?
Das Interesse gab es immer, hat sich aber intensiviert. Ich habe ja in den vergangenen Jahren sehr viel gedreht. Von meinen letzten 25 Filmen sind aber nur zwei oder drei in Deutschland gelaufen.

Sind Sie enttäuscht?
Nein. Das ist, wie es ist. Ich habe kein Problem mit Deutschland. Ich bin ja auch nicht ausgewandert ...

... aber Sie leben seit bald 20 Jahren in den USA ...
... aber ich bin deutscher Staatsbürger. Ich bin aber nicht in eine andere Kultur hinübergewechselt wie zum Beispiel Wolfgang Petersen oder Roland Emmerich. Die hatten den Traum, Hollywoodfilme zu drehen.

Sie nicht?
Nein, ich sage immer: Ich lebe in Los Angeles, nicht in Hollywood.

Wollten Sie nie Blockbuster drehen?
Ich habe nur Blockbuster gedreht! Nein, ich habe immer Mainstreamfilme gedreht, manche haben sich bloß erst später dazu entwickelt ...

... zum Beispiel?
„Fitzcarraldo“ oder „Aguirre – Der Zorn Gottes“. Auch meine Stimme ist Mainstream, wenn ich den Bösewicht bei „Jack Reacher“ spiele – und den spiele ich gut, ich bin furchteinflößend.

Sie bekommen heute den Deutschen Filmpreis fürs Lebenswerk. Freut Sie das überhaupt?
Aber ja, der Preis freut mich. Gemischte Gefühle sind aber auch dabei. Ich gehe ja nicht in Pension.

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich habe soeben vier einstündige Filme abgemischt.

Sind Sie ein Workaholic?
Nein, ich arbeite ruhig, aber methodisch und schnell. Ich brauche viel weniger Zeit als alle Kollegen, die ich kenne, um einen Film zu schneiden.

Wie kommt das?
Das hat mit einer klaren Vision davon zu tun, was ich auf der Leinwand sehen will – um dann mit blindem Gottesvertrauen und Heilsgewissheit darauf zuzusteuern.

Kennen Sie Ermüdungserscheinungen?
Nein, ich bin noch begeistert dabei. Ich produziere, schreibe Drehbücher, bin wild als Schauspieler zugange, betreibe eine Filmschule ...

Kennen Sie Selbstzweifel?
Nein. Ich lasse mich nur auf Sachen ein, bei denen ich weiß, dass ich sie kann.

Sie lehnen Aufträge ab?
Ja, klar, ich kriege jede dritte Woche ein Blockbuster-Angebot, aber daraus wurde noch nie etwas. Andere Regisseure können große Actionfilme besser.

Sehen Sie sich als Einzelgänger?
Ich mache, was so drängend auf mich zukommt, dass ich mich nicht entziehen kann.

Können Sie noch Fragen zu Klaus Kinski hören?
Das ist schon okay, ich habe mit ihm fünf Filme gedreht, er gehört zu meinem Arbeitsleben dazu.

Und die jüngsten Enthüllungen um den Missbrauch seiner Tochter Pola?
Es hat mich nicht überrascht, was da zutage gekommen ist.

Sie betreiben eine „Rogue“-Filmschule, übersetzt: Schurken-Filmschule. Was lernt ein Regisseur da?
Ich selbst habe ja mit dem Filmen angefangen, ohne etwas zu können. Ich versuche, meinen Schülern eine Alternative außerhalb des Systems aufzuzeigen. Sie hören überall Klagen über Finanzierungszwänge. Ich sage: Krempelt die Ärmel hoch! Fangt an! Es melden sich Tausende in zehn Minuten, wenn ich übers Internet einlade.

Was sind die Aufnahmebedingungen?
Die Bewerber sollten ruhig ein Jahr in einem wüsten Beruf gearbeitet haben, zum Beispiel als Türsteher in einem Sexklub. Man muss sich auch mal trauen, eine Drehgenehmigung für eine Militärdiktatur zu fälschen.

Da wird es aber gefährlich.
Ich habe das vor ein paar Jahren in Myanmar gemacht – also vor der Öffnung. Ich hatte eine wunderschöne Drehgenehmigung. Wenn die intelligent genug gefälscht ist, kommen Sie damit durch. Es braucht auch kriminelle Energie. Deshalb bringe ich meinen Schülern bei, wie man Sicherheitsschlösser knackt.

Aha.
Das soll bedeuten: Ihr müsst Mut haben. Und ich sage: Lest! Aber keine Filmbücher, sondern zum Beispiel ein so unglaubliches Buch wie „The Peregrine“ von J. A. Baker über Wanderfalken. Das ist so genau, so leidenschaftlich. So muss die Welt sehen, wer Filme machen will. Intellektuelle Interessen sind wichtig. Das muss wild links und rechts rausblühen.

Interview: Stefan Stosch