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Kultur Hahnentritt und Monsterqualle im Kubus-Gebäude
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18:26 20.10.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Exponate am 19.10.2014 in Hannover in der Galerie Kubus im Rahmen der Ausstellungseroeffnung „von weißen Hemden“ von Andrea Ostermeyer. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Wer derzeit um das Kubus-Gebäude streift, entdeckt schon durchs Schaufenster die ersten dort demonstrierten Doppeldeutigkeiten: Dick und glänzend, violett- und türkisfarben wälzt sich da ein Gebinde vernähter Wulste aus Kunstleder gegen das Glas - und scheint zugleich doch nach hinten hinab ins Untergeschoss der Galerie vom Zufall und vom Glück gezogen.

Diesem Abwärtssog kann man ruhig folgen - und den Gang durch die hannoversche Ausstellung „Von weißen Hemden“ im Keller beginnen. Denn da präsentiert die Künstlerin Andrea Ostermeyer - wenn nicht ihre Werkstatt, so doch: das dazugehörige Magazin. „Mein plastisches Archiv“ nennt sie die 36 Kisten mit Stoff, Draht und Knöpfen, Plastikringen, Kupferscheiben, Filzrollen - Material, das bis ins Jahr 1983 zurückreicht. Wer von hier aus ins Erdgeschoss und weiter in die Galerie Kubus im ersten Stockwerk steigt, bekommt in fast chronologischer Reihenfolge einen Eindruck davon, was Ostermeyer mit solchen Materialien anstellt. „Diese Künstlerin verknüpft zwei Ebenen“, sagt Eröffnungsredner Reinhard Spieler, Chef des Sprengel Museums, „eine pragmatisch-alltäglich-handwerkliche und eine des Denkens und Konzipierens.“

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Am klarsten tritt der Konzeptkunstanspruch bei ihren jüngsten Arbeiten hervor. Doch was mag man sich dabei denken, wenn Andrea Ostermeyer Dutzende Männerhemden zu einer Riesenqualle mit Tentakelärmeln zusammenschneidert, wie in ihrem titelgebenden Exponat „Von weißen Hemden“? Wenn sie meterhoch Stoffbahnen mit Hahnentrittmuster auf Lücke zusammenknöpft („Lady’s Choice“). Oder Herrenanzugstoff auf drei mal siebeneinhalb Quadratmeter von der Decke hängen und daraus neun Hosentaschenfutter in knalligem Pink hervorragen lässt? „Diskretion, bitte!“ heißt dieses textile Werk. Und wie dieser Titel weist auch der Umstand, dass hier nicht Nadelstreifen, sondern die diffuseren Linien des Kreidestreifenstoffes eingesetzt werden, darauf hin, dass die Geschlechterrollen in Auflösung sind: Linien männlichen Erfolges diffundieren ins Ungefähre, härter ist die Hahnentrittkontur der Damenkostüme, Männerattribute werden Monsterquallen. „Andrea Ostermeyer macht in ihren Arbeiten Rollenklischees zum Thema“, sagt Sprengel-Chef Spieler und verweist auf Überschneidungen mit dem Minimalisten Robert Morris oder dem Objektkünstler Frank Stella.

Damit wäre dann nicht nur Andrea Ostermeyer auf einer Ebene mit internationalen Künstlern. Damit wäre auch ein Stück niedersächsisches Eigenlob gerechtfertigt, wie es bei der Ausstellungseröffnung aus dem Munde Marlis Drevermanns zu hören ist: Der Kubus, sagt da die hannoversche Kulturdezernentin, sei auch „ein Inkubator“, eine Art Brutstätte moderner Kunst. Und tatsächlich hat die in Mannheim lebende Künstlerin an der HBK Braunschweig studiert, ist in Hannover mit dem Sprengel-Preis geehrt worden und war vor dieser Werkschau schon in einer Gemeinschaftsausstellung im Kunstverein zu sehen. Sie ist also, jenseits aller internationalen Vergleiche, auch eine respektable regionale Größe, deren Werk sich zu besichtigen lohnt.

Bis zum 23. November in der Galerie Kubus und der Galerie vom Zufall und vom Glück, Theodor-Lessing-Platz 2 in Hannover.

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