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Kultur Denis Scheck und Christina Schenk zum Welthundetag: „Der Hund hat uns erst zum Menschen gemacht“
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05:00 10.10.2021
Paarbild mit Hund: Stubbs (von links), Christina Schenk und Denis Scheck.
Paarbild mit Hund: Stubbs (von links), Christina Schenk und Denis Scheck. Quelle: Maya Claussen
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Frau Schenk, Herr Scheck, wie wunderbar, Sie haben Ihren Hund mit zum Zoom-Gespräch gebracht. Wollte er dabei sein?

Denis Scheck: Nein, nein. Er hat uns mitgebracht.

Christina Schenk: Er ist es doch, der jetzt einen Interviewtermin hat.

Ich bin gespannt auf seine Antworten. Wenn man sich für einen Hund entscheidet, stellen sich ja immer zwei wichtige Fragen: Welche Rasse soll es sein, und welchen Namen geben wir ihm? Wie lief das bei Ihnen?

Scheck: Beides war für uns sehr essenziell. Ein Name stand für Christina und mich allerdings schon fest, lange bevor wir einen Hund hatten.

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Wie das?

Scheck: Wir beide lieben den englischen Maler George Stubbs. Und vor etwa 25 Jahren konnte die britische Nationalgalerie das berühmteste Pferdegemälde der Welt erwerben, George Stubbs‘ „Whistlejacket“. Das Gemälde zeigt zum ersten Mal ein Pferd ohne Reiter, ein steigendes Pferd, das selbst porträtfähig ist. Was wir damals aber nicht wussten, war, dass „Whistlejacket“ ein überlebensgroßes Gemälde ist.

Größer als ein lebendes Pferd?

Scheck: Ja. Sie können sich also vorstellen, welche Dimension dieses Bild hat. Als wir rätselten, warum wir das Bild immer für viel kleiner hielten, fiel uns auf, dass der Name des Malers – deutsch ausgesprochen „Stubbs“, nicht englisch „Stabbs“ – verantwortlich dafür sein musste. Denn der Name klingt ja eher niedlich als heroisch oder überdimensioniert. Und so verließen wir das Museum mit dem Gedanken, dass „Stubbs“ ein guter Name für einen kleinen Hund wäre.

Hund soll im Flugzeug mitfliegen können

Und wie war es bei der Wahl der Hunderasse?

Schenk: Es war klar, dass wir einen Hund wollen, den man im Auto, aber auch im Flugzeug mitnehmen kann. Und im Flieger herrscht eine klare Gewichtsgrenze für Hunde – mit Tasche liegt sie bei acht Kilogramm. Darunter sollte das Gewicht unseres Hundes also liegen. Wir sind dann relativ schnell beim Jack Russell Terrier gelandet.

Scheck: Ich möchte allerdings betonen, dass wir keinen Jack Russell Terrier haben, sondern einen „Scheck“ Russell Terrier. (lacht)

Hunde leben auf der Brücke zwischen Tier und Mensch

Der Biologe Josef H. Reichholf sagt, der Hund lebe auf der Brücke zwischen Tier- und Menschenwelt. Erklärt diese Vorstellung das Verhältnis zwischen Menschen und Hunden?

Schenk: Das ist ein sehr schönes Bild. Klar, der beste Freund des Menschen und wir leben seit mehr als 30.000 Jahren zusammen. Da passt dieses Brückenbild sehr gut.

Scheck: Ich würde sogar noch weiter gehen: Der Hund hat uns erst zum Menschen gemacht. Da würde ich einem anderen großen Hunde- und Wolfsforscher, nämlich dem Österreicher Kurt Kotrschal, folgen: Wir mussten uns erst einmal selbst zähmen, wir mussten sehr viel sozialer und weniger aggressiv werden. Schließlich waren auch wir Menschen zunächst wilde Lebewesen. Und diese Zähmung ist uns gelungen, indem wir uns mit Hunden zusammengetan haben. Die Menschwerdung des Menschen lief parallel zur Hundwerdung des Wolfs.

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Gibt es in Ihrer Beziehung Momente der Eifersucht auf Ihren Hund? Etwa weil der Hund dem einen oder der anderen vielleicht mal etwas näher steht? Oder ist Ihnen das fremd?

Scheck: Ich gebe zu, davon nicht vollkommen frei zu sein. Aber ich muss auch eingestehen, dass Stubbs natürlich ein vernünftiger Hund ist und meine Frau lieber hat als mich. Das liegt aber daran, dass mein Frau einfach liebenswerter ist als ich.

Das war eine schöne Liebeserklärung über Bande, finde ich.

Schenk: Ja, ich akzeptiere sie.

Napoleon war unglücklich mit Joséphines Hund

Ich frage auch deswegen, weil ein drittes Lebewesen wie eben ein Hund auch ein Gradmesser für eine Beziehung sein kann: Akzeptiert man im Zweierleben diesen Dritten, oder wirkt er wie etwa der Hund Fortuné für Napoleon und Joséphine als Spaltkeil?

Schenk: Bevor man als Paar Verantwortung für ein anderes Lebewesen übernimmt, sollte man sich das aus mehreren Gründen gut überlegen. Ein Hund ist kein Meerschweinchen, das vielleicht zwei Jahre lebt, sondern wenn man Glück hat, lebt so ein Terrier 18, 19 Jahre lang. Insofern bedeutet ein Hund eine Entscheidung für einen längeren Lebensabschnitt. Und bei Trennungen gilt: Ein Haus kann ich verkaufen, aber was passiert nach einer Scheidung mit dem Hund? Um Hunde werden nicht umsonst die größten Scheidungsstreitigkeiten geführt.

In Ihrem neuen Buch „Der undogmatische Hund“ zitieren Sie den englischen Schriftsteller D. H. Lawrence: „Nur um der Liebe willen hat der Hund seine wunderbare Freiheit aufgegeben und ist zum Diener des Menschen geworden.“ Aber ist es nicht auch der Mensch, der sich seiner Freiheit beraubt, wenn er ein Haustier annimmt?

Scheck: Wahre Freiheit finden wir ja nur in uns selbst. Indem ich zunächst einmal meine Freiheiten wie meine Bewegungsfreiheit, meine Freiheit über meine Zeit, meine absolute Freiheit scheinbar einschränke, erweitere ich diese in Wahrheit. Verzicht bringt oft mehr in der Liebe und in der Beziehung als das Ausleben von Freiheiten. Der Hund schenkt mir ja auf eine andere Weise Freiheit. Zum Beispiel die Freiheit, mich nicht immer nur im Spiegel des Urteils meiner Mitmenschen zu sehen. Der Hund erinnert mich daran, was wirklich wichtig im Leben ist.

Herr Scheck, es sind auch sehr persönliche Erinnerungen, über die Sie in dem Buch schreiben, etwa über den Tod Ihrer Mutter. Ist es leichter, autobiografisch zu schreiben, wenn man über Bande spielen kann, hier über die Bande des Hundes?

Scheck: Wir schreiben ja zum Teil aus der Perspektive des Hundes, der im Buch seinen eigenen Ruhrpottdialekt spricht. Aber natürlich wollten wir auch über unser Leben mit dem Hund schreiben, und dazu zählen eben auch Erfahrungen wie die der menschlichen Vergänglichkeit. Wir waren beide verblüfft, wie sehr unser Buch auch ein Buch über den Tod ist. Insofern ist der Hund unsere eigene Frage als Gestalt, um ein Wort von Carl Schmitt abzuwandeln.

Schenk: Unser Hund ist jetzt zwölf Jahre alt, und auch deshalb wird eine Auseinandersetzung über Vergänglichkeit mitunter notwendig, das kann ich nicht ganz von der Hand weisen.

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Darf man das heute eigentlich überhaupt noch, die Perspektive eines Hundes einnehmen? Oder ist das eine Form kultureller Aneignung?

Scheck: Man könnte da in der Tat von kultureller Appropriation sprechen. Man müsste auch über Othering nachdenken. Aber tatsächlich hat diese Passagen ja Stubbs selbst geschrieben.

Aber noch einmal ernst gefragt: In den Amazon-Richtlinien heißt es neuerdings: „Es sollen nur noch Schauspieler engagiert werden, deren Identität (Geschlecht, Geschlechtsidentität, Nationalität, Ethnizität, sexuelle Orientierung, Behinderung) mit den Figuren, die sie spielen, übereinstimmt.“ Auch wurde intensiv darüber diskutiert, ob weiße Menschen die Gedichte der schwarzen Lyrikerin Amanda Gorman übersetzen dürfen. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

Scheck: Literatur ist ja das Medium der Freiheit. Wir sollten uns nicht in einen ideologischen Schrebergarten zurückziehen, sondern sollten die Freiheit, die Flaubert begründet hat, indem er sagte „Madame Bovary, das bin ich“ auch tatsächlich nutzen. Literatur versetzt uns in die Lage, mehr als tausend Leben führen zu können, ohne mehr als einen Tod sterben zu müssen. Wir können uns in einen Drachen verwandeln. Wir können uns in ein Einhorn verwandeln. Und wir können uns auch in Pippi Langstrumpf verwandeln oder in Karlsson vom Dach. Diese Freiheit möchte ich mir nicht von irgendwelchen Gefängniswärtern in der Literatur einschränken lassen.

Sie sehen die Freiheit der Literatur in Gefahr?

Scheck: Ich halte es mit Tolkien, der mal sehr schön sagte: Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind die Gefängniswärter. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es gerade in Deutschland von solchen Gefängniswärtern wimmelt. Nur treten die in Gestalt von Germanistikprofessoren und -professorinnen, von Deutschlehrern oder horribile dictu sogar von Literaturkritikern auf, wie ich selbst einer bin.

Ihr Hund Stubbs präsentiert in Ihrem Buch einen „caniden Kanon“, also Romane über Hunde oder mit Hunden. Dabei ist natürlich Thomas Mann mit seiner Erzählung „Herr und Hund“, und dort erfahren wir, dass der Lübecker Nobelpreisträger seinen Hund geschlagen hat. Was macht das mit Ihrem Bild von Thomas Mann?

Schenk: Mein Bild von ihm leidet schon ein bisschen darunter. Aber ich möchte auf der anderen Seite ja nicht den Menschen Thomas Mann persönlich, sondern seine Bücher kennenlernen. Und da muss man natürlich schon anerkennen, dass er ein ganz großer Schriftsteller ist.

Scheck: Thomas Mann gab als Hundehalter ein ziemlich katastrophales Bild ab. Aber es ist eben auch eine bittere Wahrheit, dass ein Großteil der Weltliteratur von Menschen verfasst wurde, die charakterlich absolut miese Schweine waren. Die haben gelogen, die haben betrogen, die haben teilweise sogar gemordet – und sind trotzdem große Künstler gewesen. Solche moralischen Ambivalenzen auszuhalten ist das, was man aus der großen Literatur lernen kann und lernen muss. Ich möchte nicht auf Thomas Manns Werke verzichten, nur weil er seinen Hund geschlagen hat.

Sie plädieren also für die Trennung von Hundehalter und Werk.

Scheck: Diese Trennung zwischen dem Künstler oder der Künstlerin als Person und dem Werk ist absolut unerlässlich, weil wir sonst etwa auf die gesamte Literatur der Antike verzichten müssten. Denn diese wurde von Menschen geschrieben, die Sklaven gehalten haben oder die Päderasten waren. Doch käme es mir sehr hart vor, deshalb auf die Literatur der antiken Griechen und Römer zu verzichten.

Goethe mochte Hunde nicht

Thomas Mann hatte zumindest Hunde, Goethe hingegen war Hundefeind. In seinen „Venezianischen Epigrammen“ heißt es: „Wundern kann es mich nicht, daß Menschen die Hunde so lieben; Denn ein erbärmlicher Schuft ist, wie der Mensch, so der Hund.“ Können Sie Goethe noch ernst nehmen?

Scheck: Selbstverständlich! Goethe hat ja andererseits in Gestalt des Pudels beziehungsweise des Mephisto dem Hund auch ein wunderbares Denkmal gesetzt. Nein, nein! Diese Ambivalenzen muss man aushalten. Übrigens: Mit Ihnen und mit mir hätte Goethe auch nichts anfangen können.

Warum das nicht?

Scheck: Weil Goethe Menschen mit Brille hasste. Man musste die Brille abnehmen, wenn man zu Goethe ging. So hat jeder seine Charakterschwächen.

Schenk: Man kann ja nun auch Menschen nicht verurteilen, nur weil sie keine Hunde haben wollen.

Was passiert, wenn der Hund stirbt?

Sie haben es vorhin schon angesprochen, Frau Schenk: Sollte Stubbs jemals sterben, werden Sie dann mit einem neuen Hund zusammenleben?

Genau in diesem Moment springt Stubbs vom Schoß von Christina Schenk auf und läuft weg.

Schenk: Jetzt geht er. Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!

Scheck: Stubbs hat an diesem Punkt das Interview abgebrochen!

Dann muss ich jetzt Sie alleine fragen: Kann man einen Hund, den man so sehr liebt, ersetzen?

Schenk: Also ersetzen bestimmt nicht. Und eine Karenzzeit wäre nach dem Tod eines Hundes auch definitiv angesagt. Man kann nicht einfach sagen: Oh, heute ist der Hund gestorben, morgen hole ich mir einen neuen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir uns noch mal für die gleiche Hunderasse oder für das gleiche Geschlecht entscheiden würden – einfach damit dieser Vergleichsfaktor nicht so groß ist.

Scheck: Ich glaube, die absolut gleiche Antwort hätte meine Frau auch gegeben, wenn Sie gefragt hätten, ob sie sich nach meinem Ableben vorstellen könnte, noch mal mit einem anderen Mann zusammenzuleben ...

Schenk: Nein, ich glaube nicht. (lacht)

Scheck: Aber was gibt Ihnen denn überhaupt die Sicherheit, dass Stubbs nicht uns überleben wird? Die Frage müsste doch wahrscheinlich eher lauten: Kann Stubbs sich vorstellen, nach unserem Ableben wieder mit Menschen zusammenzuleben?

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Von der Liebe zu Büchern und Hunden

Die Literaturkritik in Deutschland hat viele Gesichter, das von Denis Scheck gehört zu den bekanntesten. Seit 2003 läuft sein Büchermagazin „Druckfrisch“ in der ARD. Besonders beliebt bei den Zuschauerinnen und Zuschauern sind seine Kurzkritiken, in denen er die Bücher der jeweiligen „Spiegel“-Bestsellerliste erbarmungslos seziert. Romane oder Sachbücher, die bei ihm durchfallen, werden über ein Förderband in den Mülleimer befördert.

Christina Schenk war Buchhändlerin in Papenburg, studierte Verlagswirtschaft in Leipzig und begann als Con­trol­le­rin beim WDR in Köln. Heute arbeitet sie als Redakteurin für Kultursendungen im Radio und Fernsehen.

Seit 2014 sind Christina Schenk und Denis Scheck verheiratet. Gemeinsam veröffentlichten sie bereits ein Buch über Oscar ­Wilde. Nun haben sie mit „Der undogmatische Hund“ (Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro) eine Liebeserklärung an ihren Jack Russell Terrier Stubbs geschrieben. Darin sind zum einen sehr persönliche Gedanken des Ehepaars Schenk/Scheck zu lesen, zum anderen greift Stubbs ins Bücherregal und erzählt, wie die Literaturgeschichte aus den Augen eines Hundes aussieht – quasi als Bell Époque.

Von Kristian Teetz/RND

Der Artikel "Denis Scheck und Christina Schenk zum Welthundetag: „Der Hund hat uns erst zum Menschen gemacht“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.