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Kultur Was, wenn die Griechen gehen?
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19:23 14.06.2012
Von Johanna Di Blasi
Den gibt’s ja auch noch: Der 500-Euro-Schein ist ein eher seltener Gast im Portemonnaie, aber auch er ist links mit einem kleinen Untertitel für die Griechen versehen.
Den gibt’s ja auch noch: Der 500-Euro-Schein ist ein eher seltener Gast im Portemonnaie, aber auch er ist links mit einem kleinen Untertitel für die Griechen versehen. Quelle: HAZ
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Hannover

Immer vernehmlicher und hochkarätiger werden die Stimmen, die für den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone plädieren. „Wenn sich ein Mitglied in einem Klub nicht an die Regeln hält, ist es besser, dass es den Verein verlässt“, sagte kürzlich EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. In der „Financial Times“ hieß es, selbst in der Europäischen Zentralbank (EZB) würde inzwischen offen über ein mögliches Griechenland-Ausscheiden debattiert.

Dass sich mit dem Namen Griechenland mehr verbindet als ein überschuldetes Mittelmeerland wird kaum erörtert. Dabei steht Griechenland wie keine andere Nation für die geistigen Wurzeln Europas, für Emanzipation der Vernunft, für Wissenschaft, Freiheit, Demokratie und auch eine Kultur der Skepsis. Günter Grass hat daher recht, wenn er in seinem Gedicht „Europas Schande“ diese Tiefendimension in Erinnerung ruft: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa, erdachte.“

Doch wie schon mit seinem Israel-Gedicht hat Grass nicht nur recht, sondern auch unrecht: Nicht nur bleiben die Griechen auch dann in Europa, wenn sie aus der Währungsunion fliegen. Nicht nur bleiben sie auch dann in der EU. Sie bleiben auch im Euro. Buchstäblich. Griechenland ist nämlich der vor genau zehn Jahren eingeführten gemeinsamen Währung symbolisch fundamentaler und tiefer eingeschrieben als jede andere Nation. Man kann es gar nicht herauslösen, ohne die legitimierende Narration rund um Europa zu beschädigen.

Von vielen unbemerkt steht auf den Scheinen unter jedem „EURO“ auf Griechisch „EYPΩ“. Die Schriften sind farblich wie Negativ und Positiv aufeinander bezogen, so als handelte es sich um schicksalhaft verwobene Größen – und schicksalhaft für Europa erweist sich Griechenland jetzt tatsächlich. Bevor Hellas in die Turbulenzen geriet, die es jetzt aufzureiben drohen, deuteten Griechen die griechischen Lettern stolz als Beleg für die Wichtigkeit ihres Landes. Zu Recht.

1996 ging aus dem Gestaltungswettbewerb der Entwurf zum Thema „Zeitalter und Stile in Europa“ als Sieger hervor. An die Stelle nationalstaatlicher politischer und kultureller Heroen, die bis dahin Währungen zierten, trat transnationale Symbolik: stilisierte Architekturen als Verweise auf europäische Stilrichtungen, aber ohne direkten Bezug zu bestehenden Gebäuden. Dargestellt sind Tore, Fenster und Brücken als Symbole der Offenheit und Dialogfreude.

Der Reigen wird auf dem grauen Fünferschein mit Relikten griechisch-römischer Baukultur angeführt, einem Triumphbogen und einem Aquädukt. Aufsteigend geht es über Romanik (10 Euro) und Barock (100 Euro) bis zur Moderne (500 Euro). In schönster Eurozentrik ist Moderne als europäische Errungenschaft ausgewiesen, fußend und aufbauend auf antiker Kultur- und Technikleistung.

Sogar das Euro-Logo, das an die Zeichen für Dollar, Yen und Pfund angelehnt ist und dessen Doppelbalken Stabilität suggerieren soll, ist griechisch inspiriert. Natascha Zowislo von der Universität der Bundeswehr München hat der Symbolik, den Mythen und der Geschichtsdidaktik im Diskurs über die europäische Integration eine wissenschaftliche Arbeit gewidmet. Das € sei an den griechischen Buchstaben Epsilon angelehnt, sagt sie.

„Mit einem Ausscheiden aus der Währungsunion müsste Griechenland im Grunde auch aus der Symbolik des Euro-Raumes herausgetrennt werden“, meint die Expertin für Kommunikationsmanagement. Die Währung sei ganz bewusst und strategisch mit griechisch-antiker Symbolik aufgeladen, ja, überladen worden. Man habe unter anderem die griechische Antike als historische Legitimation für ein Europa als Schicksalsgemeinschaft herangezogen. Wenn nun ausgerechnet Griechenland herausbrechen sollte, wäre das „fatal“. Aus der „Marke“ Europa würde sozusagen ein Kernelement herausfallen. „Damit würde auch ein Stück Legitimation wegbrechen. Die Frage stünde im Raum, was eigentlich noch als sicher gelten kann“, sagt die Kommunikationsexpertin.

Daran, den Euro im Fall eines Ausscheidens Griechenlands symbolisch zu überarbeiten, denkt die EZB nicht. Man könne davon ausgehen, sagte EZB-Sprecher Niels Bünemann auf Anfrage, dass selbst in einem solchen Fall die griechischen Lettern auf den Euro-Scheinen erhalten blieben, „immerhin ist Griechisch eine offizielle Amtssprache der EU“. Bei der schon länger geplanten, jedoch nicht näher terminierten zweiten Euro-Banknotenserie würden „die wichtigsten Designelemente beibehalten“. Auch in jenen Landkarten, die auf allen Scheinen und Münzen die EU-Staaten repräsentieren, bleibe Griechenland selbst nach einem Ausscheiden präsent.

Die Inselflecken hatten in den neunziger Jahren leidenschaftlich dafür gekämpft, optisch auf der Währung repräsentiert zu sein. Neben den Kanarischen Inseln, den Azoren, Madeira, Ceuta und Melilla waren zunächst auch griechische Inseln unterschlagen worden. Die Auslassung der Inseln sah der frühere Athener Bürgermeister Nikitas Kaklamanis, geboren auf den Kykladen, als Mangel an Taktgefühl an. Er bestürmte die Europäische Gemeinschaft. Diese fand zu einer salomonischen Lösung des Inselproblems. Sie entschied, alle Inseln und Inselgruppen mit einer Fläche von mehr als 400 Quadratkilometern wiederzugeben.

Würde sich auch bei einem Euro-Austritt Griechenlands gar nichts ändern für den Euro? Doch: Austrittsspekulanten können schon jetzt damit beginnen, Banknoten mit dem Ländercode Y vor der Seriennummer zu sammeln. Das Y steht für Griechenland, das möglicherweise nicht mehr lange Euro ausgegeben wird. Y-Noten und griechische Euro-Münzen könnten bald schon Sammlerstücke sein.