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Kultur „Was ist schön?“ im Hygiene-Museum Dresden
Mehr Welt Kultur „Was ist schön?“ im Hygiene-Museum Dresden
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19:45 06.04.2010
Dresdener Hingucker: mal schlank, mal etwas mollig, aber immer schön.
Dresdener Hingucker: mal schlank, mal etwas mollig, aber immer schön. Quelle: dpa
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ie ist tatsächlich dabei, der Fleisch gewordene Blondinenwitz: Paris Hilton. Ihr Porträt, aus nicht zu klärender Ursache in eine Bilderreihe großer Schauspieler des Fotografen Martin ­Schoeller hineingerutscht, ist aber auch ein Zeichen. Dafür, dass die jüngste Sonderausstellung im Hygiene-Museum Dresden mit dem Titel „Was ist schön?“ vor allem dem Äußerlichen huldigt. Oder wie es Kuratorin Doris Müller-Toovey umschreibt: „Eine inhaltliche Konzentration war notwendig: auf die menschliche Schönheit und wie wir sie wahrnehmen.“

Damit ist die Stoßrichtung der Schau vorgezeichnet. Und geschickte Selbstbeschränkung ist ja eine Art Markenzeichen dieses Museums. Vor zwei Jahren zeugte vor allem die Ausstellung „Glück – welches Glück“ davon, bei der die Kunst ebenfalls in der Kanalisierung lag. Und im letzten der fünf Ausstellungsräume von „Was ist schön?“ scheint sich jetzt der Kreis zu eben jener Glücksschau zu schließen. Dort, wo in Videos ganz private Antworten auf die Titelfrage gegeben werden: von Modelleisenbahnern, einem Friedhofschef oder einer Griechin, die in Berlin eine Edelpasta kreiert.

Im ersten Raum der insgesamt 800 Quadratmeter umfassenden Ausstellung heischen Fotos um Aufmerksamkeit. Zehn Aufnahmen von Prominenten werden zehn kleinere von Möchtegernmodels auf dem Weg zum ersten Shooting gegenübergestellt: die einen berühmt, die anderen wären es gern. Schönheit gilt als Eintrittskarte in eine von Erfolg dominierte Welt. Der andere Gegensatz ist der des Alters. Den Rückenpartien zweier junger Frauen stehen Aktfotos einer alten Dame gegenüber. Vielleicht geht mit der so gezeigten Absenz äußerer Schönheit die Frage nach der inneren einher.

Der zweite Raum trägt Werkstattcharakter, könnte damit auch die Arbeit illustrieren, die wir alle täglich mehr oder minder für unsere eigene Schönheit aufwenden. Hier finden sich drei Büsten der Marianne, des französischen Nationalsymbols. Sie tragen die Züge von Brigitte Bardot, Catherine Deneuve (deren Film „Belle de Jour“ sie nicht zuletzt für eine Nebenrolle in der Schau prädestiniert) und Laeticia Casta. Wobei bei Bardot und Casta auch das Dekolleté eine gebührende Rolle spielt.

Andere Hingucker sind Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, Uma Thurman und verschiedene „Vogue“-Titelbilder. Weibliche Schönheit, das fällt auf, verleiht der Ausstellung deutlich mehr Kontur als männliche. Dennoch geht es im Ganzen um mehr als nur um pure Sinnlichkeit.

Eine räumliche Überraschung folgt: ein langer, mit Spiegeln versehener Gang zu den nächsten Teilen der Schau. Es ist, als würde der Besucher mit sich selbst konfrontiert, unverstellt. Besonders beim Weg zurück, mit ein paar Details mehr im Kopf, ist der Blick auf sich selbst vielleicht etwas anders geworden.

Weiße Figuren ziehen im dritten, weiß-grau gehaltenen Raum den Blick auf sich. Es sind Schönheitsideale, darunter die Venus de Medici, Barbie und Lara Croft. Männliches Pendant ist ein Ephebe – ein griechischer Jüngling.

Wer will, kann sich hier an einem Monitor über die Proportion des eigenen Gesichts klar werden, gemessen am Verhältnis von Nasenbreite zu Mundbreite. Der amerikanische Schönheitschirurg Stephen Marquardt kam nach mehr als 20 Jahren Schönheitsanalyse zu dem Schluss, dass dieser Goldene Schnitt fürs Gesicht existiert. Und wer dem nicht entspricht, der kann sich entsprechend gestalten lassen. Ein paar Schritte weiter sieht man das Botox-Ergebnis einer Faltenglättung und den Hinweis, dass in Zeiten der Intimrasur mittlerweile auch die Vulva schönheitsoperiert wird.

Unsere Wahrnehmung von Schönheit wird im vierten, abgedunkelten Museumssaal thematisiert – und hier geht es auch um die Frage, wie wir uns manipulieren lassen. Die Werbung spielt hier natürlich eine große Rolle, aber es gibt auch andere Arten der Konditionierung: Wer etwa lange genug Bilder von ­Modigliani anschaut mit ihren eigentümlich gestreckten Gesichtern, findet diese Art Aussehen plötzlich angenehmer als andere.

Im Hygiene-Museum dominiert der Schein des Aussehens. Innere Schönheit im Sinn von Tugend ist nicht weiter gefragt. Obwohl die Antworten darauf sicher auch eine Ausstellung wert wären. Vielleicht wird sich unser Schönheits­ideal in Zukunft auch so verändern, dass Eingriffe zur Verbesserung der Hirntätigkeit als eine Art von Schönheitsoperation durchgehen. Womit die Gedanken dann doch wieder zu Paris Hilton schweifen.

Bis zum 2. Januar 2011, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, Katalog (224 Seiten) 24,90 Euro, www.dhmd.de.

Torsten Klaus