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Kultur Wann dürfen wir klatschen?
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21:03 28.12.2009
Von Stefan Arndt
Wann dürfen wir klatschen? Quelle: Behrens (Archiv)
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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Jedem Ende auch. Kaum der Weihnachtsrührung entkommen, wird man deshalb gerade doppelt pathetisch. Man hält Rückschau und blickt nach vorn. Nicht selten wird diese Festlichkeit von einer besonderen Veranstaltung überhöht: Ein Konzert lässt die Zuhörer am Silvesterabend schon vor dem ersten Sekt die Freude als schönen Götterfunken empfinden; am nächsten Morgen machen Walzerklänge dann den klaren Kopf und die gute Stimmung, die man das Jahr über brauchen wird. Während sich in den vergangenen Wochen Kirchenmusik und Weihnachtslieder noch einmal zur alten Stärke aufgeschwungen haben, schlägt nun die Stunde der großen Sinfonie­orchester. Die Konzerte in Berlin und Wien sind in den kommenden Tagen echte Medienereignisse, und auch in Hannover werden mehrere Programme angeboten, die in der Regel alle sehr gut besucht sind.

Das unterscheidet sie von manchem gewöhnlichen Konzert und legt den Schluss nahe, dass hier ein Publikum zusammenkommt, das sonst nur selten den Weg in den Konzertsaal findet. Ein neu hinzugekommener Zuhörer wird sich dabei sicher über die Rituale wundern, die ein klassisches Konzert bis heute prägen. Der Geiger Daniel Hope hat dieses Problem erkannt und eine Art Gebrauchsanweisung für Konzertbesuche geschrieben. Schon mit dem Titel „Wann darf ich klatschen?“ (Rowohlt, 253 Seiten, 19,90 Euro) gibt Hope die Richtung vor: Er erklärt, was Sie schon immer über Klassik wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten. Die Aufklärung ist offenbar dringend nötig – das Buch ist zum Bestseller avanciert. Mithilfe seines Koautors Wolfgang Knauer, dem ehemaligen Leiter des NDR-Kulturprogramms, verknüpft Hope die Geschichte eines jungen Paares, das zum ersten Mal ein Konzert besucht, mit seinen eigenen Erfahrungen als Geigensolist. Sehr plastisch beschreibt er die Stimmung bei Orchesterproben und Auftritten, vergleicht die Publikumsreaktionen in verschiedenen Ländern (der strenge Deutsche gestattet Applaus nur am Ende einer Sinfonie, der leidenschaftliche Italiener jubelt, wann immer es ihm gefällt) und erklärt, wo der beste Platz in einem Konzertsaal ist (in der Mitte). Die Musikgeschichte streift Hope eher beiläufig, vergisst aber nicht darauf hinzuweisen, dass es interessant sein könnte, sie näher kennenzulernen.

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Sein Kollege Justus Frantz, der jetzt ebenfalls ein Handbuch für Konzertbesucher veröffentlicht hat, steigt genau an dieser Stelle ein und erklärt „50 einfache Dinge, die Sie über Musik wissen sollten“ (Westend, 239 Seiten, 14,95 Euro). Tatsächlich ist der Dirigent und Pianist gut darin, die Dinge einfach zu machen. Harmonielehre, Kontrapunkt oder die Frage nach der Herkunft der Musik: Frantz beschreibt alles in ein paar Absätzen. Im Gegensatz zu Hope, dessen Buch mit Zeichnungen von Christina Thrän geschmückt ist, wagt sich Frantz sogar an Notenbeispiele. In seinem Buch gibt es zwei: eine Dur- und eine Molltonleiter. Allein dieser weitgehende Verzicht auf abstoßend komplizierte Beispiele markiert augenfällig den Unterschied zu den herkömmlichen Konzertführern von Reclam bis Hardenberg, die sich in teils nüchternen, teils skurrilen Beschreibungen einzelner Werke verlieren und die Perspektive des Zuhörers völlig aus dem Blick lassen.

In seinem Buch „Vita Classica“ (Scherz, 478 Seiten, 14,95 Euro) erklärt der Kabarettist, Schauspieler und Autor Steffen Möller, dass dieser Makel allerdings nicht nur Konzertführern, sondern auch vielen Konzerten selbst anhaftet. Möller beschreibt sein lebensgesättigtes ­Coming-out als Klassikfan: Schon als Jugendlicher begeistert er sich für Klassik, merkt aber bald, dass seine Vorliebe zu exotisch ist, und hält sie geheim. Zur Tarnung hat er ein paar Pop-Platten vorne im Schrank, dahinter stapeln sich die Klassikalben. Auf seinem Weg vom Elternhaus auf dem Hügel der theologischen Fakultät in Wuppertal bis zum „Wetten, dass ...?“-Moderator im polnischen Fernsehen sammelt Möller Tausende von Klassik-CDs, über die er mit Kenntnis und Witz schreibt. Ab und zu besucht er ein Konzert – und wendet sich, abgestoßen von einem im Ritual erstarrten Publikum und überroutinierten Musikern, wieder ab.

Während die Musiker Hope und Frantz leidenschaftlich für das Liveerlebnis werben, spielt es für den leidenschaftlichen Hörer Möller überhaupt keine Rolle. Er sucht in der Klassik das große Pathos. Dass er es ausgerechnet im Konzert nicht findet, ist kein exotisches Problem, sondern ein allgemeines. Doch ohnehin wird die Distanz zwischen einem Konzert und seiner Reproduktion immer kleiner: Mit neuer Technik verschwinden alte Konventionen. Public Viewing verleiht selbst den Bastionen der Hochkultur in Berlin, Bayreuth oder Salzburg das Flair eines Fußballstadions, und ein Livestream im Internet verwandelt auch das unaufgeräumte eigene Wohnzimmer in einen Konzertsaal. Außerdem spielt die CD in der Klassik noch die wichtige Rolle, die sie in der Popmusik längst verloren hat. In manchen Sälen kann man deshalb direkt nach einem Konzert das eben Gehörte auf CD erwerben. Und selbst wer ein Großereignis verpasst hat, braucht sich nicht mehr lange zu gedulden: Die Aufnahme vom kommenden Neujahrskonzert in Wien etwa ist ab 7. Januar weltweit im Handel.

Tipps für Anfänger und Fortgeschrittene

Kleidung: Musiker tragen in Abendkonzerten in der Regel einen Frack. Er ist ein Relikt aus feudalen Zeiten, als Musiker noch keine Künstler, sondern Bedienstete waren – und die trugen statt farbiger ­Röcke den schwarzen Frack. Wer daraus einen Anspruch für die eigene Garderobe ableiten will, kommt heute also am ehesten im Blaumann. Alle anderen ziehen an, was ihnen gefällt: Ein Konzertsaal unterscheidet sich in diesem Punkt nicht von einem Kino.
Husten: Wer wirklich husten muss, muss husten, egal, ob im Bett oder im Konzert. Weil es beim Musikhören aber stört, hustet man dort aus Angst zu husten besonders oft und laut und raschelt zusätzlich mit Bonbonpapier, obwohl die Bonbons alles nur noch schlimmer machen. Klingt absurd? Ist es auch. Wer das verstanden hat, braucht Husten nicht zu fürchten.
Langeweile: Es ist gewöhnungsbedürftig, zwei Stunden lang still zu sitzen und nichts zu tun, außer zuzuhören. Es ist normal, dass der Zuschauer sich von Zeit zu Zeit langweilt. Abhilfe schafft dann ein Platz mit guter Sicht auf das ganze Orchester: Was macht der Triangelspieler, wenn er nicht den Triangel schlägt? Was unterscheidet den Geiger ganz vorne von dem ganz hinten? Immer nur den ­Dirigenten anzusehen ist wie beim Fußballspiel ausschließlich auf den Schiedsrichter zu starren. Und das von hinten.
Beifall: Applaus im Konzert ist längst keine echte Meinungsäußerung mehr. Wenn es nichts zu sehen gibt (für das dann ein Regisseur verantwortlich ist), gibt es niemals Buhrufe, sondern immer in etwa gleich temperierten Beifall. Weil es also eh um nichts geht, kann man klatschen wie die anderen – vorsichtshalber aber nicht als Erster. Wenn es wirklich gefallen hat, kommt man das nächste Mal einfach wieder.arn

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