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Kultur Wanda, Iggy Pop, Adam Green - Diese Alben erscheinen am Freitag
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13:03 05.09.2019
Der Rock'n'Roll-Rüpel wird sphärisch: Iggy Pops neues Album "Free" überrascht mit Jazz- und Ambient-Klängen. Es ist nicht die einzige ungewöhnliche Popveröffentlichung, die am 6. September auf den Platten- und Onlinemarkt kommt. Quelle: Guillaume Horcajuelo/epa/dpa

„Lass mich mit dir wegfliegen“, singt Chrissie Hynde. Und ihre Stimme klingt süß und schläfrig und rauchig zugleich. „Lass den Wind durch dein Herz blasen, denn wild ist der Wind.“ Dann steigen auch noch Bläser auf, die „Instrumente des Winds“, und man ist völlig hingerissen, wie die Pretenders-Chefin, eine der großen Rock-’n’-Rollerinnen, den Filmsong von Dimitri Tiomkin und Ned Washington von 1957 in ein schwerblütiges Sehnsuchtsding verwandelt. Sechs Minuten pure Schönheit, nur die Version von Nina Simone kann sich damit vielleicht messen. Hynde, deren Pretenders 1979 zu den coolsten Bands der New Wave zählten, hat sich auf „Valve Bone Woe“ in den Jazz begeben. Kühl und erotisch ist ihr „Ventilposaunenwehleid“ geraten, nicht nur wenn sie Sinatras „I’m a Fool to Want You“ oder das seinem Titel zuwider leidende „I Get Along Without You Very Well“ von Hoagy Carmichael seufzt. Auch ihre Verwandlungen von Poptiteln wie „Carolina No“ (Beach Boys) und „No Return“ (Kinks) in Jazz gelingen. Und mit „Once I Loved“ macht sie die Traurigkeit via Bossa Nova tanzbar. Eleganter Soundtrack nicht nur für aufregende Frühstücke mit einer Dame mit Zigarettenspitze und langen Handschuhen bei Tiffany.

Auch Iggy Pop lässt eine Trompete tänzeln auf seinem Album „Free“. „I want to be free“ spricht im Titelsong der Mann, der lange vor dem Siegeszug des Punk sein sklavisches „I Wanna Be Your Dog“ rausrotzte. Dieser Song klingt eingangs wie die Begleitmusik für ein Segelboot, das einem Sonnenuntergang entgegen schwebt - das konnte kein Iggy-Pop-Song bislang von sich behaupten. Der große Homo furioso des Rock, der auf der Bühne seine Musiker umrempelte und vor dem man im Konzertsaal immer ein wenig zurückwich, hat sich von dem Jazztrompeter Leron Thomas sphärische Musiken schreiben lassen. Hier herrscht eine ganz andere Art von Intensität als sonst auf Pops Platten. Ein weiteres Extrem auf dem Album ist „Sonali“, ein beunruhigendes elektronisches Stück, das an das Abschiedswerk von Pops Freund David Bowie erinnert. Drei der Texte sind von Pop selbst verfasst, er vertont darüber hinaus Poeme von Dylan Thomas und Lou Reed. Und zu der dunkel swingenden Minimalgitarre von Sarah Lipstate singt er von einer Frau, die niemandem traut, und die keine plötzlichen Bewegungen macht: „She wants to be your James Bond!“ Der Fan des Guten grinst und goutiert’s, den Fan des knallharten Pop könnte das Album verprellen. Die Freiheit nimmt sich Iggy Pop aber.

Über die Österreicher Wanda, Lieblinge des „Musikexpress“ und des „Rolling Stone“ wundert man sich ebenfalls positiv. In der Heimat eine Hitband, kam bei uns ja bislang nicht mal ihre Austria-Nummer-Eins „Columbo“ von 2017 in die Singlecharts. Das könnte sich ändern. Der Opener und Beinahe-Titelsong „Ciao Baby!“ ihres vierten Albums „Ciao!“ und „S.O.S.“ erinnern an die Pilzkopf schüttelnden Beatles in ihren frühen Beatzeiten. „Domian“ (eine Erinnerung an den TV-Seelsorger) klingt nach den Beatles, die 1966 zu „Nowhere Man“-Zeiten die Stratocaster swingen ließen. „Gerda Rogers“ (über die TV-Astrologin) stampft so psychedelisch los wie 1967, als John Lennon behauptete "I am the Walrus", und die zirzensische „Swing Shit Slide Show“ erinnert an „Lucy in the Sky with Diamonds“ von „Sergeant Pepper“. Inhaltlich geht es überwiegend um Beziehungskisten: „Mein Baby weiß so viel von mir / und ich weiß grad gerad genug von ihr / um zu versteh'n, dass das mit uns nix wird / am schönsten wär ein schneller Tod“, singt Marco Michael Wanda in „Ein schneller Tod“ in romantischer Resignation. In Verbindung mit dem Albumtitel gibt es hoffentlich noch keine versteckten Abschiedsabsichten der Band. Die Beatles brachten es immerhin auf 13 Alben!

Tanzen wie Adam Green tanzt, das ginge gar nicht. Blamage, Fremdschämtsunami, Unbekannt-verziehen-müssen. Green sprang 2010 im hannoverschen Musikzentrum wie ein Flummi herum, den man mit Karacho gegen die Wand gepfeffert hat. Kickte die Luft mit dem Podex, winkelte das Bein ab wie Fido beim Gassi, schlenkerte unkoordiniert mit Hand und Fuß. Alles so, dass es bloß nicht mainstreamcool aussieht, nicht nach Pose. Irgendwie wie der Bühnenrüpel Iggy Pop, nur anders. Mit den Moldy Peaches und dann auch solo war der Urenkel der Kafka-Geliebten Felice Bauer der coolste Antiposer, seine Musik entwickelte sich vom hageren Anti-Folk der frühen Tage zum orchestralen Crooner-Pop. Nach einer Weile weg vom Fenster ist Green wieder da. Kaum angestellt, ist die „Engine of Paradise“ mit ihren neun Songs auf 22 Minuten Länge auch schon wieder vorbei, das ist kürzer als das Albumdebüt der Swinging Blue Jeans von 1964. Lieder wie das Midtempostück "Freeze My Love" oder die Ballade "Cheating on a Stranger" sind mit ihren Streichern pompös aufgemacht und doch irgendwie indie-luschig, als sei dem Meister zwischenzeitlich auch mal langweilig bei der Liedermache geworden. Inhaltlich geht es oft um die Einsamkeit und das Leiden an der Gesellschaft, der unvergleichliche, warme Bariton Greens singt das alles natürlich unter seinem erprobten Schutzschild der Ironie. Und doch lauert darunter die Dunkelheit, die der einsame Barde stets umarmt. Wie Paul Simon, an dessen „Graceland“ das „Engine“-Cover erinnert, das einst sang: „Hello darkness, my old friend …“ Man würde Green gern zu diesen Liedern tanzen sehen.

Chrissie Hynde: "Valve Bone Woe (BMG)

Iggy Pop: "Free" (Caroline Records)

Wanda: "Ciao!" (Universal)

Adam Green: "Engine of Paradise" (30th Century Records/Awal), erscheinen alle am 6. September

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Von Matthias Halbig/RND

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