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Kultur Vorstellung hinter der Vorstellung
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18:44 15.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Eric Bornemann erklärt sein Theater. Quelle: Sandal
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Hannover

Normalerweise ist es den Besuchern des hannoverschen Schauspielhauses freigestellt, für welche Art von Schuhwerk sie sich entscheiden. Hier aber ist das anders: Für den Besuch der jüngsten Produktion des Szenografen Gerardo Naumann wird vom Tragen von Stöckelschuhen dringend abgeraten. Mit gutem Grund: Besucher der Produktion „Die Vorstellung“ sitzen nicht bequem im Fauteuil, sondern bewegen sich im Theater. Über enge Gänge und schmale Stiegen geht es in die Bereiche des Theaters, die das Publikum sonst eher nicht zu Gesicht bekommt - Hinterbühne, Nebenbühne, Obermaschinerie, Garderobe, Wäscherei.

Im Wasch- und Trockenraum läuft eine von fünf Waschmaschinen (vier mal Miele, einmal Bosch), im großen Haus der Spielbetrieb. Gerardo Naumanns Hinterbühnenprojekt ist eine Art Theaterparasit. Es ist von Ibsens „Nora“ abhängig; „Die Vorstellung“ kann nur gegeben werden, wenn auf der großen Bühne des Schauspielhauses „Nora“ gespielt wird. Der Ablauf von „Nora“ gibt den Takt vor. Exakt zur vorgegebenen Zeit muss sich das Zuschauergrüppchen auf der Hinterbühne einfinden - wo man durch den halbtransparenten Vorhang auch das Publikum im Saal erkennen kann.

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Der Schauspieler Mathias Max Herrmann hat die Gäste bis hierher mitgenommen. Zuvor hat er in seiner Garderobe noch erzählt, dass er sich zwischen seinen Auftritten gern fremde Orte auf Google-Maps anschaut, nun springt er auf die Bühne und in die Rolle des Geldverleihers Krogstad, der Nora erpresst. Einmal dreht er sich auf der Bühne um und zwinkert der Besuchergruppe zu.

Nach seinem Auftritt kommt er zur Gruppe zurück, sagt, er habe einen kleinen „Hänger“ gehabt und gibt die Besucher in die Obhut der Inspizientin Stefanie Schmidt, die erläutert, wann sie wem im Haus welche Anweisungen gibt. Ihr Lieblingsstück, sagt sie, sei „Gesäubert“ von Sarah Kane. Und dann geschieht etwas Wundersames. Zum stummen „Nora“-Spiel, das auf den Bildschirmen am Inspizientenpult zu sehen ist, erzählt die Inspizientin den Zuschauern des Parasitenstückes von einer anderen wilden Liebesgeschichte. Und auf irgendeine magische Weise passen Ibsen (Bild) und Kane (Texte) wunderbar zusammen.

Überhaupt bietet Gerardo Naumann, der derartige Werksbesichtigungen auch schon in einem polnischen Stahlwerk und einer indischen Waffelfabrik angeboten hat, in seinem Theaterspaziergang viele magische Momente. Denn anders als bei einer normalen Betriebsführung beschreiben die Darsteller nicht in trockenen Worten ihren Arbeitsplatz, sondern erzählen uns auch ihre Träume.

Die Inspizientin sagt, dass sie sich manchmal vorstellt, wie es wäre, wenn der Kollege aus der Technik die beiden Pferde, die er besitzt, einfach mal mit zur Arbeit nehmen würde. Und der Techniker Eric Bornemann, der am Ende aus dem Brief vorliest, mit dem er sich beim Staatstheater beworben hat, sagt recht unvermittelt, dass er davon ausgehe, als Mensch wiedergeboren zu werden, denn Menschen würden eben als Menschen wiedergeboren werden, Säugetiere als Säugetiere und Insekten als Insekten.

Die Theaterbesucher tragen alle Kopfhörer, über die sie die Sätze der Theaterschaffenden hören. Das ist einerseits technisch unumgänglich, weil hinter der Bühne nur sehr leise gesprochen werden darf, andererseits entsteht so aber auch eine besondere Nähe zu den Menschen im Theater - den Menschen, die uns Träume nahebringen wollen. Hier sind es ihre eigenen. Schön.

Wieder am 16. und 25. November, Karten: (0511) 99991111.