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Kultur Vor 40 Jahren starb Sängerin Alexandra
Mehr Welt Kultur Vor 40 Jahren starb Sängerin Alexandra
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13:13 31.07.2009
Von Uwe Janssen
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Wer es genau wissen will, lässt sich per Audioguide führen: „Dieser Film ist für all diejenigen, die nicht wissen, wo in München Alexandras Grab ist“, sagt eine blechern, etwas gespenstisch klingende Männerstimme, die einen dann mithilfe von Fotos an die richtige Stelle auf dem Münchener Westfriedhof leitet. Die Wegbeschreibung findet man auf einer Homepage, die Fans der Sängerin pflegen – genauso wie das Grab von Alexandra Doris Nefedov.

Ihren künstlerischen Durchbruch hatte sie gerade mal zwei Jahre zuvor. Kurze Künstlerkarrieren, besonders, wenn sie durch Tod beendet werden, verklären sich in der Erinnerung meist zu ein, zwei Facetten, für mehr ist eben keine Zeit. Von der aus dem heutigen Litauen stammenden Alexandra, geborene Treitz, die einen 30 Jahre älteren Russen heiratete und mit 22 schon wieder geschieden war, bleiben vor allem der Zigeunerjunge und ihr Freund, der Baum, der im frühen Morgenrot fiel. Baum tot, Zigeunerjunge weg – die Frau mit den großen, dunklen Augen, der tief-rauchigen Stimme und der geheimnisvoll-erotischen Ausstrahlung bekam das Image der Melancholikerin verpasst, sie war die „Stimme der Sehnsucht“ und konnte in dieser Funktion gleich ein bisschen Russenfolklore betreiben.

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Sehnsucht hieß damals schließlich auch „das alte Lied der Taiga, das schon damals meine Mutter sang“. Ein Klischeeschlager, den Alexandra hasste. Aber Udo-Jürgens-Manager Hans R. Beierlein hatte die Sängerin, die 1962 Miss Hamburg wurde und eigentlich Modedesignerin werden wollte, unter seine Fittiche genommen und baute sie zielgerichtet auf. Während andere im aufstrebenden Nachkriegsdeutschland von Liebe, Spaß und kleinen Italienern sangen und die neue Lust am Freizeitvergnügen illustrierten, handelten Alexandras üppig orchestrierte Chansons von Verlust, Hoffnungslosigkeit und grauen Novembertagen. Die kleinen Filme, die zu ihren Songs gedreht wurden (heute würde man Videoclips sagen), zeigten sie vor kahlen Bäumen, im Wallekleid zwischen hässlichen Wohnsilos oder in Bauruinen. Ihre Vorlieben galten vielmehr dem internationalen Chanson, sie arbeitete mit Gilbert Becaud und dem Brasilianer Tom Jobin und sang in fünf verschiedenen Sprachen.

Doch Beierlein schickte sie von Auftritt zu Auftritt, was ihr zunehmend an die Substanz ging. Im Juli 1969 setzte sich Alexandra mit ihrem sechsjährigen Sohn Alexander und ihrer Mutter in ihr neues Mercedes-Coupé, fuhr zunächst mit dem Autozug von München zu einem dienstlichen Termin nach Hamburg und wollte dann Urlaub auf Sylt machen. In einem Dorf in Schleswig-Holstein wurde sie an einer Kreuzung von einem Lastwagen erfasst. Sie und ihre Mutter starben, der Sohn überlebte. Theorien um Selbstmord oder Mord ranken sich um diesen Unfall. Gerüchte um ihren Geliebten, der laut Stasi-Akten ein CIA-Spitzel gewesen sein soll, Todesdrohungen gegen einen recherchierenden Alexandra-Biografen nähren vor allem die bei zu früh Gestorbenen üblichen Legenden.

Wer Reelles will, hält sich an die Musik wie zum Beispiel an die frisch erschienene Best-of-CD „Stimme der Sehnsucht“, die eine sehenswerte DVD mit einem musikalischen Porträt vom Hitparaden-Regisseur Truck Branss aus dem Jahr 1969 enthält. Oder er hält sich an die wegweisende Geisterstimme im Internet: „Nach ein paar Metern sieht man rechter Hand unter den Bäumen, etwas nach hinten versetzt, Alexandras Grab.“