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Kultur Volker Kirchberg: Kultur ist kein Luxusgut
Mehr Welt Kultur Volker Kirchberg: Kultur ist kein Luxusgut
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19:43 29.06.2012
Kulturwissenschaftler Volker Kirchberg im Gespräch mit der HAZ. Quelle: HAZ
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Hannover

HAZ-Autor Karl-Ludwig Baader sprach mit Volker Kirchberg.

Sie werden heute an einer Debatte teilnehmen, die die Frage stellt: „Kultur heute – wie viel Luxus wollen wir uns leisten?“ Die Frage unterstellt, dass Kultur „Luxus“ sei. Stimmen Sie dem zu?

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Keineswegs. Der Titel ist wohl eher provozierend gemeint und spielt auf die Unterscheidung von Hoch- und Populärkultur an. Aber ist das überhaupt eine sinnvolle Unterscheidung? In Deutschland ist sie nach wie vor weitverbreitet. Im angloamerikanischen Kulturraum spielt sie fast gar keine Rolle mehr. Man geht dort vom Typus des Omnivoren aus, eines Allesfressers also, der jede Art von Kultur mag.

Auch in meinem Verständnis ist Kultur das, was ich mag, mir gerne anhöre oder ansehe oder wobei ich auch selber mitspiele. Und da ist es dann egal, ob es sich um ein Folklorefestival oder eine Oper handelt. Diese Unterscheidung wird bei uns immer noch bei den Medien, vielleicht auch von Marketingabteilungen der klassischen Hochkultureinrichtungen, hochgehalten.

Es gibt immer wieder den Vorwurf, dass bei uns nur ein kleiner Teil der Bevölkerung vom Kulturangebot profitiert. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Leider gibt es bei uns noch keine genauen Studien zu diesem Thema Aber bedenkt man, dass wir etwa 120 Millionen Museumsbesuche jährlich registrieren, dann wird offensichtlich nicht nur eine kleine Gruppe erreicht, selbst wenn man davon ausgeht, dass einige mehrfach im Jahr ein Museum besuchen. Hier kann man doch nicht von einer Luxusveranstaltung sprechen.

Aber gibt es nicht auch Kulturangebote, etwa im Theater, die nur wenige ansprechen?

Ich würde trotzdem nicht von einer kleinen Minderheit sprechen, wenn ich mir die Statistiken des Deutschen Bühnenvereins ansehe. Klar, es gibt manchmal Experimente, bei denen vielleicht kein hoher Auslastungsgrad erreicht wird. Aber wenn wir nur danach gehen, dann kriegen wir einen kulturellen Einheitsbrei. Überließe man diesen Bereich dem Markt, der Kommerzialisierung, dann käme es zu einer Vereinheitlichung. Wollen wir das wirklich? Überall nur Musicals?

Aber sollten die klassischen Kulturbetriebe nicht doch noch mehr Menschen als bisher ansprechen?

Sie tun schon sehr viel. Es ist ein gängiges Vorurteil, dass diese Einrichtungen nur einen elitären Geschmack bedienen würden. Viele Theater öffnen sich inzwischen weit und bemühen sich, ganz unterschiedliche Leute ins Theater zu kriegen, womit sie gelegentlich auch das alte Bildungsbürgertum verschrecken. Ich denke da etwa an Migrationstheater. Von Politikern wird immer nur über Auslastung gesprochen, über Besucherzahlen. Wollen wir die Qualität der Kultur nur über Zahlen messen? Es wird da immer nur über den Einsatz der Mittel, aber nicht über den Zweck, die Ziele gesprochen. Es ist von Effizienz die Rede, gemeint ist aber die Zahl der Menschen, die erreicht werden. Wir dürfen uns aber nicht nur fragen, was es kostet, sondern auch, welcher gesellschaftliche Zweck mit einer kulturellen Aktivität erreicht werden soll.

Was meinen Sie damit?

Jede Kultureinrichtung muss ihre allgemeinen gesellschaftlichen Zwecke selbst wählen. Zum Beispiel, einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen etwa probt in einer Schule, die als sogenannte Brennpunktschule gilt. Dort übernehmen einige Musiker Patenschaften für Schüler aus Migranten- oder sozial benachteiligten Familien. Da können sich Kinder zum ersten Mal mit einer Geige beschäftigen, mit der sie sonst nie in Berührung gekommen wären. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein.

Welche anderen gesellschaftlichen Ziele sehen Sie?

Das Bewahren des kollektiven Gedächtnisses, Lernen natürlich, auch wenn Museen keine Schulen sind. Wir sollten auch auf die Bedürfnisse unserer multiethnischen Gesellschaft eingehen. Wie kann man so unterschiedliche Menschen für gemeinsame Projekte interessieren? Wie können wir der Fremdenfeindlichkeit begegnen? Wichtig ist alles, was unseren Horizont erweitert.

Und was ist mit unsrem kulturellen Erbe?

Das ist eine zentrale Aufgaben, die wir sehr ernst nehmen müssen. Alle Institutionen, nicht nur Museen, müssen die Quellen der Vergangenheit sammeln, bewahren, erforschen und vermitteln.

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