Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur „Es geht um Heimat“
Mehr Welt Kultur „Es geht um Heimat“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:39 28.11.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Auf der Suche nach neuen skulpturalen Darstellungsformen: Veit Görner im Schlammwerk von Santiago Sierra. Quelle: Ralf Decker (Archiv)
Anzeige
Hannover

„Ich war im reichsten Museum und im avantgardistischsten Kunsthaus“, haben Sie – als Ihr früher Abschied bekannt wurde – unter Hinweis auf Ihre Zeit im Kunstmuseum Wolfsburg und auf die hannoversche Kestnergesellschaft gesagt, und hinzugefügt: „Was soll jetzt noch kommen?“ Also: Was kommt jetzt?
Jetzt kommt nichts mehr. Im Dezember steige ich in meine Karre und mache meinen Umzug nach Stuttgart. Und in Stuttgart werde ich jeden Morgen aufwachen und gucken, was der Tag bringt. Ohne irgendeinen Plan. Ohne irgendein Ziel. Ohne irgendeine Verwirklichungsidee. Nur in Freiheit leben.

Stimmt es, dass Sie sich arbeitslos gemeldet haben?
Ja, natürlich.

Anzeige

Warum?
Weil ich arbeitslos bin.

Ach so.
Es ist eine reine Formalität und hängt mit der Sozialversicherung zusammen. Und: Hartz IV werde ich sicher nicht beantragen.

„Wir müssen unser Image als treibende Kraft für zeitgenössische Kunst pflegen“ – so haben Sie einmal ihre Aufgabe beschrieben. Was war dafür wichtig in Ihren zwölf Jahren bei der Kestnergesellschaft?
Was passiert in der Kunst, wohin verändert sie sich, woher kommen die Impulse? Es geht darum, diese Fragen im Blick zu haben, die neue Vielfalt in den künstlerischen Formen zu beobachten und davon das wirklich Neue nach Hannover zu holen. In der Kestnergesellschaft kann man sie dann mit anderen Neuigkeiten kombinieren, um einander befruchtende Effekte zu haben. So wie jetzt die Arbeiten von Jochen Plogsties und Heimo Zobernig, zwei auf den ersten Blick unterschiedliche, auf den zweiten sehr verwandte Ansätze. Und es geht darum zu zeigen, warum diese Künstler das machen, was es uns bringt – an Erkenntnis, für mich, für mein Leben, für das Verständnis der Welt. Das ist die Messlatte. Nichts weniger. Natürlich gibt es immer wieder Ausstellungen, die spektakulär sind, weil sie etwas bieten, was man vielleicht nicht sofort als Kunst begreift. Santiago Sierra hat das Untergeschoss mit Schlamm gefüllt. Da mag man denken, was soll denn der Scheiß, die Hütte hier versauen – aber wenn man dann die Arbeit betrachtet, stellt man Bezüge her, zur Geschichte des Maschsees, zu anderen kunstgeschichtlichen Traditionen wie Walter De Maria und seinem Earth Room in New York – und man erkennt eine neue skulpturale Darstellungsform.

Sie haben auch mal gesagt, dass die Kestnergesellschaft erforscht, „welche Radikalisierungsmöglichkeiten Kunst bietet“. Gerade Radikales vermittelt sich oft schwerer.
Das Spannende an der Kestnergesellschaft ist ja ihr Laborcharakter. Wir können Dinge, die wir nicht verstehen, ins Haus holen und dann drüber nachdenken. Darin liegt eine Riesenherausforderung, aber auch die Chance zum ständigen Erweitern der eigenen Möglichkeiten. Kunst ist immer ein Generationenvertrag. Da verstehen sich Künstler, Kuratoren und Publikum einer Generation spontan, weil sie einen gemeinsamen Resonanzboden haben. Ich als 60-jähriger Direktor muss mich in 20-jährige Künstler ganz anders eindenken: Was interessiert die, sind das Digital Natives, die ihre Erkenntnisse und Ziele ganz anders definieren. Das ist die Riesenchance, die wir in der Kestnergesellschaft haben: dass wir immer wieder das Neue, das auch für uns Unverständliche erforschen.

Da hat sich ja einiges getan, durch Begegnungen, Begleitprogramm, Ereignisse, die auch gesellschaftlich Kunst und Leben zusammenführen …
Selbstverständlich. Wir setzen auf die klassischen Erläuterungen zur Kunst, wie Ausstellungskatalog, Saalzettel, Führungen oder Künstlergespräche. In letzter Zeit kommen andere, emotional besetzte Formate dazu, weil die Menschen erlebnisorientierter mitgenommen sein wollen. Es geht nicht mehr nur um eine Sache, es geht um Heimat. Wir setzen aber auch immer mehr auf die digitalen Welten. Viele Jüngere sind an diesem Lichtbrett orientiert, chatten mit einer virtuellen Gemeinde. Für die Kestnergesellschaft heißt das, dass die darin liegenden Möglichkeiten stärker genutzt werden müssen, um über diese digitalen Kanäle zur Kunst zu kommen, um letztlich ganz einfach ein besserer Mensch zu werden. Und das in einem Rahmen, der sich durchaus auch in eine Rotwein-Geselligkeit überführen lässt – aber eben im Gespräch über Kunst.

Wie gelingt der Themenmix? Wie kombiniert man Populäres, das spontan begeistert, mit Avantgarde, die vielleicht auch Zumutungen enthält?
Das ist die Gretchenfrage schlechthin. Es gibt dafür aber Erfahrungswerte, aus jeder Stadt, aus jedem Umfeld. Wir gewinnen solche Erfahrungen hier mit den Menschen in Hannover und wissen, was hier und was vielleicht in einer anderen Stadt funktioniert. Wir versuchen Einfacheres und Komplexeres zu kombinieren. Ich wusste natürlich, dass Rauch, Gursky und Wall hier ein Massenereignis werden. Die kennt jeder, das will jeder gesehen haben. Wenn wir dann mit Daniel Richter einen ähnlichen Erfolg hatten, liegt es an der Verständlichkeit seiner Bilder und der Popularität des Künstlers. Wenn ich Tony Cragg einlade, weiß ich auch vorher, dass viele Leute es sehen wollen, wenn einer der berühmtesten Bildhauer der Welt kommt. Aber nicht alles ist planbar. Wir wissen, dass Theorielastiges in Hannover schwerer geht als etwa im diskursorientierten Berlin oder an traditionellen Kunststandorten wie Düsseldorf oder Köln. Da gibt es die Kunsthochschulen, ein Galerie- und ein Künstlersystem. Da ist also ein Nährboden, der in Hannover fehlt.

Wie erreicht man Milieus jenseits arrivierter Bildungsbürger, etwa Migranten, Aufsteiger, aber auch Jugendliche?
Da spricht man dann gern von niedrigen Eingangsschwellen. Nur: Wer keine Kulturroutinen hat, weil er nie, auch nicht mit der Schule, in einer Ausstellung war, in keinem Theater oder auch nicht in der Oper, dann geht er da auch nicht allein hin, weil er nicht erfahren hat, was er dort erleben kann. Früher waren Kulturangebote konkurrenzloser und wurden daher auch selbstverständlicher besucht, mit den Eltern, mit der Schulklasse. Solche Routinen finden heute nicht mehr in dem Maße statt. Die Lehrpläne sind zu voll, die Lehrer überlastet. Deshalb wirken wir aktiv in die Schulen hinein, haben da Partnerschaften und versuchen dort das Publikum von morgen direkt anzusprechen.

Ist beim eng durchgetakteten Leben noch genug Zeit für das, was der „Guardian“-Kunstkritiker William Ward eine Kardinaltugend nennt: genau hinzuschauen?
Zeit ist immer da, jeden Tag 24 Stunden. Die Frage ist nur, wie wir sie nutzen. Wir sind in einer sogenannten Optionsgesellschaft, in der wir zwischen Angeboten entscheiden können. Und die Informationen über die Optionen fliegen mir heute zu. Wir sind in einer Gesellschaft der Findenden angekommen und nicht in einer Gesellschaft der Suchenden. Suchen macht Arbeit und kostet Zeit, setzt aber auch Kreativität und Erkenntnisse frei – zum Beispiel die, dass ein derart erarbeiteter Kunstgenuss geradezu Glücksgefühle auslösen kann. Strategien des Suchens sind komplexer als Strategien des Findens. Alles, wofür ich mich wirklich engagieren muss, wird mir wichtig, was ich einfach konsumieren kann, ist mir gleichgültig.

Wie wird das künftige Zusammenspiel von Kestnergesellschaft, Sprengel Museum und Kunstverein sein: Konkurrenz oder Kooperation?
Es ist eine Ergänzung. Die drei Häuser arbeiten für eine ähnliche Zielgruppe, die sich für moderne und zeitgenössische Kunst interessiert. Das Sprengel Museum kann aus seiner Sammlung heraus historische Bezüge herstellen. Der Kunstverein ist stets auch ein Künstlermitgliederverein, deshalb hat er auch einen klaren regionalen Bezug etwa bei seinen Herbstausstellungen. Die Kestnergesellschaft ist ein reines Ausstellungshaus, wir funktionieren als Kunsthalle, wir schauen, welches die großen Themen und Künstlerinnen und Künstler der Welt sind. Und die holen wir nach Hannover. Und wir machen hier gemeinsam „Made in Germany drei, vier, fünf, sechs …“ und zeigen was „state of the art“ ist. Für solche Projekte machen dann besondere Kooperationen Sinn.

„Kultur wird zum harten Standortfaktor“ – noch so ein Satz von Ihnen. Stellt sich Hannover, stellt sich das Land dieser Realität?
Man muss da die kommunale und Landesebene unterscheiden. Neulich war ich bei Stefan Schostok und habe dort mit großem Interesse gehört, was er unter dem Stichwort „Hannover 2030“ plant, auch bezüglich kultureller Initiativen. Die politisch Verantwortlichen aus Stadt und Land sind sich wohl bewusst, wie wichtig Kultur als Standortfaktor ist, um Menschen von auswärts für diese Stadt zu begeistern. Da ist entscheidend, was es für Kinder, für Freizeit- und Kulturangebote gibt. Ich bin voll bei unserer Kulturstaatsministerin, wenn sie sagt: „Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft.“ Wir brauchen Kunst und Kultur, verwegene unbequeme Denker und Künstler, wir brauchen die Utopien, die sie entwerfen, die sie antreibt, die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Und gerne möchte ich daran erinnern, dass sich Menschen dieser Stadt schützend vor Kunstwerke und Künstler gestellt haben, die von den Nationalsozialisten als entartet gebrandmarkt wurden.

Interview: Daniel Alexander Schacht     

Zur Person

Veit Görner hat seit 2003 die Kestnergesellschaft in Hannover geleitet. Anders als viele Kuratoren war er in der Kunstszene unterwegs, bevor er sich akademisch mit Kunst befasste.
So weckt der 60-Jährige, der in Stuttgart einen Kunstverein gründete, dann dort das Künstlerhaus
leitete und später Kurator am
Kunstmuseum Wolfsburg war,
Kunstverständnis auch jenseits von Bildungsmilieus. Im Dezember gibt er die Leitung der Kestnergesellschaft ab. Neue Wege der Vermittlung will auch seine Nachfolgerin Christina Végh gehen, die zuvor zehn Jahre lang den Kunstverein Bonn
geleitet hat.

Kultur „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ - Teaser-Trailer zu neuem „Star Wars“-Film online
28.11.2014
Rainer Wagner 30.11.2014
27.11.2014