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Kultur Van Gogh im Städel: Größte Schau seit 20 Jahren
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16:50 23.10.2019
Van Gogh, wohin man sieht: Eine Besucherin geht an Porträts des Künstlers vorbei. Quelle: Boris Roessler/dpa

Van Gogh, das war doch dieser erfolglose Künstler, der zu Lebzeiten höchstens ein Bild verkauft hat. Der mit den Sonnenblumen und mit dem abgeschnittenen Ohr. Ein Sonderling. Über (mehr oder weniger wahre) Geschichten wie diese wird häufig vergessen, dass ohne den niederländischen Maler die Geschichte der Moderne und der Kunstgeschichte nicht zu verstehen wäre. Eine sensationelle Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum zeigt nun, welchen Einfluss van Gogh vor allem auf deutsche Künstler hatte und wie hierzulande kurz nach seinem frühem Tod 1890 eine wahre Van-Gogh-Begeisterung ausbrach.

„Van Gogh ist tot, aber die Van-Gogh-Leute leben. Und wie leben sie!“, schrieb 1910 Ferdinand Avenarius. „Überall van Goghelt’s“. Mit diesen Worten beschrieb der Dichter die Faszination, die der niederländische Pastorensohn auf viele Künstler und Kunstfreunde ausübte. Und der Brücke-Maler Max Pechstein brachte es auf den Punkt: „Van Gogh war uns allen ein Vater.“

Berühmt wurde van Gogh in Deutschland

Wie aber hängt van Gogh mit Deutschland zusammen? Ein halbes Jahr nach dem Tod des Malers starb auch sein Bruder und Finanzier Theo van Gogh. Dessen Witwe Johanna kümmerte sich fortan um das Vermächtnis ihres Schwagers, organisierte Ausstellungen, verlieh und verkaufte seine Bilder. Mit viel Geschick. Vor allem in Deutschland wuchs die Begeisterung für den Maler. Knapp 15 Jahre nach seinem Tod wurde er hier als einer der wichtigsten Vertreter der Moderne wahrgenommen. Sein schnelles und spontanes Malverfahren, das seine Pinselstriche plastisch sichtbar macht und das wir heute als typisch für ihn betrachten, wurde in Teilen der deutschen Kunstszene begeistert aufgenommen. Zudem standen seine leuchtenden Farben im Kontrast zu den eher dunkel malenden deutschen Modernemalern.

Einer von 50 van Goghs in der Ausstellung: Das Porträt von Armand Roulin. Quelle: imago images/Hannelore Förster

Private Sammler in Deutschland kauften seine Bilder genauso wie Museen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden van Goghs Werke in fast 120 Ausstellungen gezeigt – mehr als im übrigen Europa und in Nordamerika zusammen, betont Philipp Demandt, Leiter des Städel. Bis 1914 befanden sich 150 seiner Gemälde im Besitz deutscher Sammler und Häuser.

Nicht nur Kunstliebhaber, auch Künstler ließen sich von der Van-Gogh-Euphorie anstecken. Wie, das ist in der Ausstellung „Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ sehr gut nachzuvollziehen: Noch bis zum 16. Februar 2020 sind 120 Gemälde zu sehen, darunter 50 zentrale Arbeiten van Goghs. Laut Philipp Demandt handelt es sich „um die wahrscheinlich aufwendigste, auf jeden Fall aber die am längsten geplante Ausstellung in der Geschichte unseres Hauses“. Seit fast 20 Jahren seien in Deutschland nicht mehr so viele Werke van Goghs in einer Ausstellung vereint gewesen.

Ausstellung gliedert sich in drei Teile

Die Ausstellung gliedert sich in drei Teile: Mythos, Wirkung und Malweise. Der erste Raum zeigt Bilder, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu sehen waren. Darunter sind „Die Fischerboote am Strand von Les Sainte-Maries de-la-Mer“ (1888) und „Die Hafenarbeiter von Arles“ (ebenfalls 1888).

Besonders aufschlussreich ist der zweite Teil der Schau. Dort zeigen Gegenüberstellungen, wie sehr van Goghs Werke deutsche Künstler beeinflussten. So hat der Niederländer immer wieder Bilder vom Land und von der beschwerlichen Arbeit der Bauern gemalt. Werke wie „Kartoffelsetzen“ (1884) und „Bauern bei der Feldarbeit“ zeugen davon. Künstler wie Paula Modersohn-Becker („Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen“) oder Heinrich Nauen („Grabender Bauer“) ließen sich deutlich sichtbar von van Gogh inspirieren.

Auch das Faible des Niederländers für Selbstporträts – das häufig dem Fehlen geeigneter Modelle geschuldet war – schlug sich auf seine deutschen Künstlerkollegen nieder. Zu sehen sind in Frankfurt nicht nur gemalte Selfies von van Gogh selbst, sondern auch von Max Beckmann, Peter August Böckstiegel und Ludwig Meidner.

Das „Selbstbildnis“ von Peter August Böckstiegel ist eindeutig von van Gogh beeinflusst. Böckstiegel scheint sein Ohr nach vorne zu recken, um zu sagen: „Seht her, ich habe mein Ohr noch.“ Quelle: Getty Images

Leerer Rahmen lädt zu Selfies ein

Der Ausstellungsbesucher kann ebenfalls entdecken, wie intensiv sich die Mitglieder der berühmten Dresdner Künstlervereinigung Brücke mit van Gogh auseinandersetzten. Sie hatten dessen Werke 1905 in einer Dresdner Ausstellung gesehen. Dieses Erlebnis war für junge Architekturstudenten wie Ernst Ludwig Kirchner, Karl-Schmidt-Rottluff und Erich Heckel wie eine Intitialzündung. Auch Bilder von Emil Nolde und Max Pechstein sind in diesem Kontext zu sehen.

Das Frankfurter Städel hat seine eigene Geschichte mit Vincent van Gogh. Es kaufte als erstes deutsches Museum 1908 eines seiner Gemälde. Dem Haus gehörte lange Zeit auch das berühmteste Gemälde des „Godfather of Moderne“ (Demandt), das „Bildnis des Dr. Gachet“. Dieses war 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und zu „entarteter Kunst“ erklärt worden. Seit 30 Jahren ist es aus den Augen der Öffentlichkeit verschwunden, das Städel besitzt nur noch den Originalrahmen.

Auch dieser ist in der fantastischen Ausstellung zu sehen. Er steht mitten in einem der Ausstellungsräume, und es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass hier viele Selfies und Handyporträts geschossen werden dürften. Vincent van Gogh, dem Meister der (Selbst-)Porträtmalerei, hätte es sicherlich gefallen.

„Making Van Gogh“ 23. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020 Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch sowie Samstag und Sonntag 10.00–19.00 Uhr, Donnerstag und Freitag 10.00–21.00 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt: Dienstag bis Freitag 16 Euro, am Wochenende 18 Euro, Kinder bis 12 Jahre frei

Von Kristian Teetz/RND

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