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Kultur Urenklin Katharina inszeniert Wagners „Meistersinger“
Mehr Welt Kultur Urenklin Katharina inszeniert Wagners „Meistersinger“
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10:57 04.08.2010
Von Johanna Di Blasi
Wortreich: Adrian Eröd als Beckmesser. Quelle: dpa
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Mit der Mitteilung, man habe Karten für Bayreuth, lockt man ein widersprüchliches Echo hervor. Die Reaktionen reichen von glühendem Neid („Du Glückliche“) bis zu aufrichtigem Mitgefühl („Ich würde mir das nicht einmal antun, wenn es die Karten gratis gäbe“). Wer in den Kosmos Bayreuth zu Festspielzeiten eintaucht, wird entweder hoffnungslos aufgesogen vom Strudel der wagnerschen Musik, den in mehr als 100 Jahren ausgebildeten Ritualen drum herum, der festlichen, ja, weihevollen, Atmosphäre – oder er bleibt Wagnermuffel.

Die große Oper beginnt schon mit dem Eintreffen der Besucher, dem einander Beschauen nachmittags vor dem Festspielhaus auf dem grünen Hügel. In Bayreuth trägt man zu Smoking, Kimono und Ballsaalrobe Sitzpölsterchen. Es gibt sie aus Samt, Brokat, mit Karostoff überzogen oder mit dem Aufdruck von Bayreuther Hotels, in denen die internationale Gästeschaft teils seit Jahrzehnten absteigt. So richtig bequem sitzt man aber wahrscheinlich auch mit Sitzpölsterchen nicht im prächtig dekorierten Festspielhaus, wo die Bestuhlung an die alten Kinos erinnert und eine Bein(un)freiheit herrscht wie in Billigfliegern. Aber: Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt.

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Die „Meistersinger von Nürnberg“ sind nicht die begehrteste Oper Wagners. Sie sind scheinbar heiter (in C-Dur), kommen ohne auf den Liebestod versessene Helden aus und sind bodenständig im Handwerkermilieu angesiedelt – musikalisch und konzeptionell aber ist das Künstlerdrama um Traditionsverbundenheit und Innovationsgeist höchst anspruchsvoll: Wie bricht man als Künstler so mit den Regeln, dass man eine neue Tradition begründet? Wagner hat es musikalisch in „Tristan und Isolde“ vorgemacht und danach in den „Meistersingern“, volkstümlich verpackt, die Theorie nachgereicht.

Den reimeleimenden Schuster Hans Sachs und den Minnesänger Walther von Stolzing stilisierte der Komponist als seine Alter Egos, als Hohepriester der künstlerischen Freiheit. Beckmesser, der sprichwörtliche Pedant, steht für Bedenkenträger und das verkrustete Establishment. Die Frau, Eva, erscheint als Tauschobjekt zwischen Männern. Sie bekommt der beste Poet/Sänger als Trophäe. Wagners 1978 geborene Urenkelin Katharina stellt in ihrer inzwischen drei Jahre alten Inszenierung das Ganze auf den Kopf und verlegt die Handlung von der Sängerwettstreitbühne ins moderne Kunstmilieu – oder was sie dafür hält.

Der Minnesänger Walther von Stolzing (farblos: Klaus Florian Vogt) ist bei ihr ein enthemmter Maler Klecksel und zappeliger Kunstberserker. Bühnenmobiliar und Musikinstrumente bemalt und beschriftet er wie ein Jonathan Meese im Reclam-Format (Reclam-Hefte bilden eines der Lieblingsaccessoires der Regisseurin), einer klassischen Büste steckt er das Ende eines Staubsaugers in den Mund. Sein Meisterstück ist dann aber überraschenderweise ein romantisches Märchenbild als Tableau vivant: ein Liebespaar wie aus einem Historienfilm, im Hintergrund der Chor als quasitotalitäres Ornament der Masse.

Der Spießer Beckmesser (Adrian Eröd: sangesstark im „Beck in Town“ -T-Shirt) hingegen bewirbt sich für den Meistertitel mit einem wüsten Liveact, bei dem am Ende ein nacktes Menschenpaar das Publikum (nicht das reale, sondern den recht gut die Bayreuther Zuschauer kopierenden Chor) mit Bällen beschießt. Der Spießer ist also Avantgardist oder aber: Der Avantgardist ist Spießer. Hans Sachs – hier als von der Kunstreligion besoffene Figur – ist in diesem Jahr neu besetzt mit dem jungen Briten James Rutherford. Dieser meistert seinen schwierigen musikalischen Part, kann die gewaltige Rolle dennoch nicht ganz ausfüllen.

Beim Finale, wenn in den „Meistersingern“ aus mehr als 100 Kehlen tosend die ewige „heil’ge deutsche Kunst“ beschworen wird, bekommt Sachs in der Inszenierung von Katharina Wagner Züge eines kleinen Diktators. Auch in diesem Jahr werden zum Schluss wieder zwei unförmige Kolosse, die manche Kritiker an Arno-Breker-Statuen erinnerten, aus dem Bühnenboden hochgefahren.

Die Intention ist schon klar: Die Regisseurin will die kritische Werkrezeption auf der Bühne repräsentieren. Gemessen an der musikalischen „Tabulatur“ des Urgroßvaters aber nimmt sich der halb ausgegorene Bilderbogen der Urenkelin platt und konfus aus. Trotz leidenschaftlicher Buhrufe jetzt auch wieder bei der Reprise am Montag wird diese „Meistersinger“-Fassung auch noch im kommenden Jahr zu sehen sein. Katharina Wagner hat Glück: Als Koleiterin kann sie sich selbst engagieren.

Wieder am 5., 12., 15., 19. und 28. August.