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Kultur Unveröffentlichte Interviews aus DDR-Wendezeit werden erstmals gezeigt
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06:15 04.11.2012
Deutsch-deutsche Grenzöffnung - Trabis go West„Trabis“ rollen am 10. November 1989 nach der Öffnung in Richtung Westen. Quelle: Frank Leonhardt
Berlin

Wovon träumen Sie?“, fragte Horst Lange seine Gesprächspartner. Mit dieser Frage, gestellt im Februar 1990, erkundete er die Stimmungslage der Revolutionäre des Herbstes 1989 in den Wochen zwischen Mauerfall und den ersten freien Wahlen in der DDR. Und dokumentierte so ihre Unsicherheit, den Beginn der nach-revolutionären Tristesse. Viele von ihnen jedenfalls konnten nur kurze Zeit später nicht mehr mitgestalten, sondern nur noch träumen. Der Mann, der nach den Träumen fragte, kam vom Ost-Berliner Institut für Film, Bild und Ton (IFBT). Dass ein Mitarbeiter einer staatlichen Stelle, die Lehrfilme für den Unterricht produzierte, plötzlich so etwas wissen wollte, verwirrte nicht wenige seiner Gesprächspartner.

18 Interviews führten Lange und sein Kollege Uwe Matthes im Februar und März 1990, mitten im Wahlkampf für die Volkskammerwahl, die endgültig den Weg bereiten sollte für die schnelle Vereinigung beider deutscher Staaten. Das aber wussten weder Lange und Matthes noch ihre Gesprächspartner. Sie wussten auch nicht, dass das IFBT im September 1990 aufhören würde zu existieren.

Die Videobänder, gedacht für den Einsatz im Schulunterricht, verschwanden im Regal, wurden nie gezeigt. Gefördert von der Stiftung Aufarbeitung haben Wissenschaftler der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik die Bänder jetzt restauriert. Am Montag werden sie erstmals öffentlich aufgeführt. Die HAZ konnte die restaurierten Bänder als Erste sehen.

Die Gespräche mit Akteuren des Herbstes 1989 wie Konrad Weiß, Rainer Eppelmann und Friedrich Schorlemmer sowie mit Intellektuellen des SED-Staates wie Jürgen Kuczynski und Gregor Gysi sind faszinierende Momentaufnahmen. Sie sind Dokumente einer Umbruchzeit, in der die Ängste und Enttäuschungen gerade begannen, die Euphorie, den Stolz über die Revolution zu überlagern.

Am härtesten formuliert es Friedrich Schorlemmer: „Der unselige 9. November hat uns die Kraft genommen, uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern“, sagt der streitbare Wittenberger Pfarrer. Der Mauerfall „kam zu spät. Und dann auch noch zu schnell“. Schorlemmer befürchtet eine „Restauration“ durch die Wahlen, befürchtet, dass es für die DDR-Bürger unmöglich werde, „die Erfahrung dieser vierzig Jahre, auch der negativen, in ein neues Deutschland“ einzubringen, statt „einfach nur eingekauft zu werden oder uns kaufen zu lassen“. Der „schöne Traum von einer Revolution“, wie ihn Schorlemmer nennt, er ist schon vorbei.

„Sind Ihre Hoffnungen erfüllt worden?“ Auch diese Frage stellt Lange allen 18 Interviewten. „Sie sind in Erfüllung gegangen, und sie sind zerstört worden“, antwortet der Publizist und Bürgerrechtler Konrad Weiß, der für die Bewegung „Demokratie Jetzt“ für die Volkskammer kandidiert. Auch Weiß spricht von der „allzu schnellen Öffnung der Mauer“, vom „Hereinbrechen der bundesdeutschen Anforderungen und der bundesdeutschen hemdsärmeligen Politik“ von Kanzler Helmut Kohl. „Dadurch ist vieles, was hätte langsam wachsen können, zerstört worden.“

Die Ohnmacht der Revolutionäre setzt sich auch beim Interviewer fest. „Viele Hoffnungen und Träume des vergangenen Herbstes sind bereits verblüht, das Tempo und die Dramatik der Ereignisse sind atemberaubend“, so leitet Horst Lange eine Frage ein. Von der Revolution, vom Mauerfall, kommen die Gespräche schnell auf die Ängste, auf die Arbeitslosigkeit, auch auf die neuen, rauen Wahlkampfsitten. „Dass es einen Herbst gab“ sei für sie das Wichtigste, sagt die Frauenrechtlerin Tatjana Böhm, damals Ministerin ohne Geschäftsbereich in der Übergangsregierung Modrow. „Dieser Herbst hatte noch nicht diese Aggressivität, sondern das Schöne, Kreative von Basisdemokratie.“

Vor einer imposanten Bücherwand sitzt der damals schon 86-jährige Jürgen Kuczynski. Der legendäre sozialistische Historiker und Wirtschaftswissenschaftler zieht an seiner Zigarre und bejaht die Frage, ob die DDR denn den Sozialismus verwirklicht habe. „Es war ein völlig deformierter Sozialismus, aber wir haben einige fundamentale Errungenschaften gehabt. Alle wurden satt. Jeder hatte Arbeit, jeder hatte ein Obdach über sich.“ Dass viele Wohnungen „äußerst kümmerlich, ja schändlich“ waren, räumt der privilegierte Gelehrte ein, ebenso, dass er eigentlich weit größere Hoffnungen mit dem Sozialismus verbunden hatte.

„War der Versuch, auf deutschem Boden einen demokratischen Sozialismus zu schaffen, umsonst?“, fragte Lange, und Kuczynski antwortet aufgeregt: „Ja, ja! Ein undemokratischer Sozialismus ist eben kein Sozialismus.“ Er träumt weiter von der Zweistaatlichkeit, hofft auf Wahlsiege der Sozialdemokraten in Ost und West und wird bitter enttäuscht werden.

Einmal versucht Lange, den Wirtschaftshistoriker festzunageln, fasst sich ein Herz und fragt, warum Kuczynski denn immer Honeckers „analytischen Weitblick“ gelobt habe? Der rote Star lacht und antwortet: „Ich habe die Analyse des Kapitalismus in seinen Reden gerühmt, die habe ich selbst geschrieben.“ Nun lachen beide.

Eher zum Weinen zumute ist der Grünen Christine Weiske, die polemisch verzweifelt in Langes Kamera ruft, „dass wir wieder ein gesamtdeutsches Reich kriegen, das kapitalistisch geprägt ist, habe ich nicht im Traum gedacht“. So haben manche Ostdeutsche bereits Albträume vom einigen Vaterland, während andere noch weiter hoffen: „Ich träume von einer Welt ohne Waffen und einer Welt ohne Grenzen“, sagt der Bürgerrechtler Gerd Poppe. Als späterer Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung konnte er sehen, wie wenig sein Traum in Erfüllung ging.

Filmpräsentation und Podiumsgespräch: „Innenansichten. Unveröffentlichte Videointerviews aus der Zeit des demokratischen Umbruchs in der DDR“ am 5. November, 19 Uhr, Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Berlin.

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