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00:15 08.11.2013
Unter den Bildern des Münchner Kunstfundes waren etliche Meisterwerke, etwa ein Gemälde des deutschen Malers Otto Dix. Quelle: Marc Müller/dpa
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Berlin

Familiengeister können schrecklich sein. Am Schluss einer Saga, die Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem Landschaftsmaler namens Louis Gurlitt im damals dänischen Altona begonnen hat, steht eine ausgebleichte Stelle an einer Wand. Eine Mitarbeiterin des Kölner Kunstauktionshauses Lempertz begutachtet 2011 die Wand in einer Münchener Wohnung. Die helle Stelle dort lässt darauf schließen, dass Max Beckmanns Gouache „Löwenbändiger“ schon lange dort gehangen haben muss – es sich also wohl um ein Erbstück handelte.

Besitzer des Kunstwerks ist ein 79-jähriger Herr. Er berichtet der Besucherin nichts von weiterem Kunstbesitz, obwohl sein Name Cornelius Gurlitt das nahegelegt hätte. Immerhin entstammt der zurückhaltend auftretende Mann einer bekannten Künstler- und Kunsthändlerdynastie.

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Cornelius Gurlitt ist der Sohn des prominenten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt und offenbar kinderlos. Nur eine Schwester scheint es zu geben. Wenig später wird das Beckmann-Bild bei Lempertz in Köln versteigert und erzielt 864 000 Euro. Gurlitt aber muss den Erlös teilen. Das Auktionshaus hat ihn – völlig korrekt – darauf aufmerksam gemacht, dass Erben jüdischer Vorbesitzer Ansprüche darauf erheben. Cornelius Gurlitt zeigt sich kooperativ und lässt sich auf eine vom Auktionshaus moderierte Übereinkunft ein. Ein paar Monate später, vom 28. Februar bis zum 2. März, findet bei ihm eine gigantische polizeiliche Beschlagnahmungsaktion statt. 1285 ungerahmte und 121 gerahmte Bilder, darunter NS-Raubkunst und Werke aus der Museumssäuberungsaktion „Entartete Kunst“, werden aus einer verdunkelten Wohnung in München abtransportiert. Seitdem liegen die Bilder beim Zoll unter Verschluss. Durch eine Unvorsichtigkeit hatte der Mann die Ermittler auf die Spur des Schatzes gebracht. Gurlitt hatte sich bei einem Grenzübertritt mit auffallend viel Bargeld vom Zoll erwischen lassen.

Gestern wurden in Augsburg elf Kunstwerke aus der Schwabinger Wohnung vorgestellt. Ein Canaletto ungeklärter Herkunft ist darunter, ein Farbholzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner mit Herkunft Kunsthalle Mannheim. Eine Pferdelandschaft von Franz Marc aus Halle, ein bislang unbekanntes Bild von Marc Chagall, eine allegorische Szene – kunsthistorisch extrem wertvoll. Eine „Sitzende Frau“ von Henri Matisse wurde wohl 1942 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt.

Ein Gemälde von Max Liebermann zeigt „Zwei Reiter am Strand“, daneben ein unbekanntes Selbstbildnis von Otto Dix und mehrere Grafiken von ihm, die im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Daneben fand sich auch ein Werk, das erst 1949, also nach dem Krieg, in die Sammlung Gurlitts gelangt sein soll: Gustave Courbets „Mädchen mit Ziege“. Eine Spitzweg-Zeichnung könnte bereits der Großvater erworben haben. Die Herkunft der Bilder erforscht die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann. Bei welchen Werken es sich um Raubkunst handelt, kann die Mitarbeiterin der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin nicht sagen. Die Recherche sei noch lange nicht zu Ende, sagte sie am Dienstag.

Klar ist immerhin Hildebrand Gurlitts Rolle im dubiosen Kunsthandel der NS-Zeit. Er wurde 1925 Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau. Den Schwerpunkt legte er auf moderne Kunst. 1930 aber wurde er entlassen. Der nationalsozialistische „Kampfbund für deutsche Kultur“ hatte gegen den Liebhaber der Avantgarde interveniert. Gurlitt versuchte sich mit mäßigem Erfolg in Hamburg als Kunsthändler. Lukrativ wurde das Geschäft aber erst, als er als einer von vier NS-Kunsthändlern in den devisenbringenden Verkauf von beschlagnahmter Kunst ins Ausland einstieg. Er beteiligte sich daran, Juden in Zwangslagen auszunutzen. Dabei galt er laut den Nürnberger Rassegesetzen aufgrund der Großmutter Else Lewald selber als „jüdisch versippt“.

1945 wurde Hildebrandt Gurlitt als minderbelastet eingestuft und leitete bis zu seinem Tod 1956 den Kunstverein Düsseldorf. Er und später seine Witwe beteuerten, das Galeriedepot seien im Dresdener Bombenhagel in Flammen aufgegangen. Seit dem Wochenende ist klar, dass das gelogen war. Die Bilder und die Geschäftsunterlagen gingen an den Sohn, der aus gelegentlichen Kunstverkäufen seinen Unterhalt bestritt. Die Papiere befinden sich inzwischen in den Händen von Forschern. Sie bieten eine wichtige Grundlage zur Rekonstruktion von Werkbiografien, nicht nur bezogen auf die 1400 Werke aus München, sondern weit darüber hinaus.

Wie es scheint, wuchs Gurlitt sein belastetes Erbe über den Kopf. Den Beamten soll er gesagt haben, ihm sei alles egal, denn er werde bald sterben. Der leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz sagte gestern, Cornelius Gurlitt werde außer Steuerhinterziehung auch Unterschlagung vorgeworfen. Über den Aufenthalt des Verdächtigen sei nichts bekannt. Ein Haftbefehl liege nicht vor. Ungeklärt ist, ob der Mann noch andere Kunstlager hat, etwa im noblen Salzburger Stadtteil Aigen, wo er offiziell gemeldet sein soll.

Dass viele Details des Kunstschatzes weiterhin von Zoll und Staatsanwaltschaft geheim gehalten werden, stößt auf Kritik – nicht nur im Ausland. Dies sei „nachgerade dreist“, sagt der Berliner Rechtsanwalt und Kunstexperte Peter Raue. Er forderte, Bilder der Werke im Internet zu veröffentlichen. Dann könnten sich Museen und Angehörige der früheren jüdischen Eigentümer melden und zur Aufklärung beitragen.

Wem gehören die Meisterwerke?

■  Sind die Kunstwerke rechtmäßig im Besitz von Cornelius Gurlitt?
Dies wird momentan von der zuständigen Staatsanwaltschaft untersucht. „Die Ermittlungen sind aufwendig, komplex, schwierig und dauern an“, sagt der Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Es ist nicht klar, ob – und wenn ja wie oft – die Bilder in den vergangenen Jahrzehnten den Besitzer gewechselt haben. Es sind nicht alle Werke in der Zeit des Nationalsozialismus in den Besitz der Familie des Mannes gelangt.
■  Auf welcher Rechtsgrundlage ist die Beschlagnahme erfolgt?
Gegen Cornelius Gurlitt lag zunächst ein steuerstrafrechtlicher Anfangsverdacht vor. Am 22. September 2010 wurden bei ihm auf einer Zugfahrt von Zürich nach München 9000 Euro gefunden. Daraus ergaben sich „längere Vorermittlungen“, teilte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz mit, die in einem Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss mündeten.
■ Warum wird gegen den Verdächtigen auch wegen Unterschlagung ermittelt?
Der Staatsanwaltschaft liegen konkrete Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich um „Raubkunst“ handelt. Deshalb würde auch wegen Unterschlagung ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Falls der Verdächtige in der Vergangenheit eine Falschaussage machte, muss juristisch geprüft werden, ob dadurch die Eigentumsrechte verwirkt wurden.
■ Wenn die Washingtoner Erklärung für Gurlitt als Privatperson nicht bindend ist, besteht für ihn trotzdem eine Rückgabepflicht?
Die Washingtoner Erklärung ist keine rechtlich bindende Übereinkunft. Vielmehr sollen dadurch Kunstwerke ausgemacht werden, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden. Anschließend soll mit Vorkriegseigentümern oder Erben eine „gerechte und faire Lösung“ gefunden werden.
■ Warum haben die Museen, aus denen manche der Werke stammten, keinen Anspruch auf Rückgabe?
Das Gesetz, das die Nazis erließen, um „Entartete Kunst“ zu beschlagnahmen, wurde weder von den Alliierten noch von deutschen Regierungen aufgehoben. Die Beschlagnahmen sind juristisch gesehen rechtswirksam zustande gekommen, sodass auch die Folgeerwerber rechtmäßig Eigentum an den Werken erlangten. Formaljuristisch können die Museen somit nicht als Opfer betrachtet werden und Rückgaben verlangen.  Stephan Henke

Von Johanna Di Blasi

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