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Kultur Umstrittener Wiener Aktionist Otto Muehl ist tot
Mehr Welt Kultur Umstrittener Wiener Aktionist Otto Muehl ist tot
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15:10 27.05.2013
Von Johanna Di Blasi
Der umstrittene Künstler Otto Muehl ist am Sonntag mit 87 Jahren gestorben. Quelle: dpa (Archiv)
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Wien

Er war gegen Zweierbeziehung, Kleinfamilie und Privateigentum und für freien Sex – und lebte seine Vorstellungen so extrem aus wie kaum ein anderer. In der Kunst und im Leben sorgte Otto Muehl zeitlebens für Skandale: in den sechziger Jahren mit spektakulärer Körperkunst im Kreis der Wiener Aktionisten, später vor allem durch die radikale Verbindung von Kunst und Leben.

Anfang der siebziger Jahre gründete Muehl in Wien die Kommune Praterstraße und die „Aktionsanalytische Organisation (AAO)“. 1972 zog er mit seinen Anhängern in den burgenländischen Friedrichshof, 1980 entstand ein Ableger auf der Kanareninsel La Gomera. Auf ihrem Höhepunkt zählte die Muehl-Gemeinde um die 600 Anhänger. Der Künstler nannte sich „Häuptling“ und empfing Kultur- und Politprominenz.

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Vorwürfe des schweren sexuellen Missbrauchs

Doch das Kommunenleben lief aus dem Ruder, und der Zeitgeist schwenkte um. Kritiker sprachen nun von faschistoidem Privat-Patriarchat, „Gemeinschaftskinder“ warfen ihrem früheren Familienoberhaupt schweren sexuellen Missbrauch vor. Die Vision von der Veränderbarkeit der Welt mündete in Termine vor Gericht. 1991 wurde der prominente Kunstaktivist wegen Unzucht, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, der Staatsanwalt hielt fest, Muehl, „experimentiere“ mit Menschen, „manipuliere“ sie. Nach 6,5 Jahren Haft wurde der Künstler im Prinzip uneinsichtig entlassen. Zum Missbrauchsvorwurf sagte er: „Das waren alles entwickelte Mädchen.“

Begonnen hatte der burgenländische Lehrersohn als Maltherapeut. Gemeinsam mit den Wiener Aktionisten, die immer etwas exzessiver zu sein versuchten als die ausländische Konkurrenz, schrieb er Kunst- und Polizeigeschichte. Bei der ersten Malaktion („Die Blutorgel“) mauerten sich Muehl, Hermann Nitsch und Adolf Frohner in einem Keller ein und suhlten in Dreck. Um schmutzige Ästhetik ging es auch wenig später beim „Fest des psycho-physischen Naturalismus“, wo Muehl und seine Mitstreiter eine Küchenkredenz mit Marmelade und Weizenmehl aus dem Fenster kippten. Die Polizei beendete die Aktion, bevor die jungen Männer ein Mädchen „versumpfen“ konnten.

Viele Kunstwerke wären heute nicht mehr ausstellbar

1968 kotzen, onanierten und urinierten Muehl, Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler und Peter Weibel – Letzterer ist heute Leiter des angesehenen Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe – unter dem Titel „Kunst und Revolution“ in einem Hörsaal der Wiener Universität, besudelten die österreichische Fahne und wurden festgenommen.

Manche der radikalen Körperskulpturen von Otto Muehl wären heute wohl nicht mehr ausstellbar, beispielsweise wenn er weibliche Hintern wie Wiener Schnitzel panierte. Das Ganze lief unter dem Etikett „Befreiung“. Die Psychoanalyse von Wilhelm Reich und die Urschreitheorie lieferten das Rüstzeug. Ziel war die radikale Enthemmung.

Sogar frühere Mitstreiter gingen auf Distanz

In der Öffentlichkeit überlagerte zunehmend das Bild des suspekten Kommunen-Häuptlings das Interesse an Muehls Kunst. 1989 war ein Artikel im „Spiegel“ mit „Das wilde Treiben Otto Muehls in seinen Kommunen“ überschrieben. Auch spanische Medien schrieben über „gewaltige Grundstücksspekulationen“, „Korruption“, Sexskandale und „fürchterliche“ Pläne, „perfekte Wesen“ zu züchten. Muehl, der als junger Mann zur Wehrmacht eingezogen worden war, erschien nun als Psychopath im Kunstpelz. Frühere Mitstreiter distanzierten sich, Günter Brus sprach vom „Kunst-Ceausescu“.

Eine Überraschung war die Rehabilitation Muehls als Aktionskünstler 2004 durch eine große Retrospektive im Wiener Museum für Angewandte Kunst unter dem Titel „Leben/Kunst/Werk“. In Reaktion auf die Schau meldeten sich weitere Missbrauchsopfer. In einem aktuellen Film erzählt ein „Gemeinschaftskind“ über das komplizierte Aufwachsen in der Kommune Friedrichshof: „Meine kleine Familie“ von Paul-Julien Robert. Der im Alter schwer parkinson- und herzkranke Künstler lebte mit sieben Familien in seiner portugiesischen „Art & Life Family-Kommune“.

Am Sonntag ist er nach Angaben des Muehl Archivs im Alter von 87 Jahren „friedlich im Kreise seiner Freunde“ gestorben.