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Kultur „Ein Ausbau dieses Museums ist illusorisch“
Mehr Welt Kultur „Ein Ausbau dieses Museums ist illusorisch“
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08:30 01.11.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Zurück zur Achsensymmetrie – damit der Altbau von 1889 in der nach Kriegszerstörungen errichteten Überbauung sichtbar wird? Für das Museum August Kestner gibt es einen umstrittenen Architektenentwurf.
Zurück zur Achsensymmetrie – damit der Altbau von 1889 in der nach Kriegszerstörungen errichteten Überbauung sichtbar wird? Für das Museum August Kestner gibt es einen umstrittenen Architektenentwurf. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Herr Schwark, Sie leiten jetzt das Historische, das Schloss- und das Museum August Kestner (MAK). Welche Vorzüge hat das?
Thomas Schwark: Die Häuser gehören zu einem neuen Gebilde, dem Museumsverbund Städtische Museen für Kulturgeschichte. Das ist eine ganz neue Konstruktion, ein echter Neustart. Noch sind die 100 Tage nicht verstrichen, die man Politikern in einer neuen Rolle zubilligt. Doch wir können schon sagen, dass Aufbruchsstimmung herrscht. 

Frau Drevermann, die zeitliche Abfolge – 2011 die Sparvorgabe von 150.000 Euro, 2012 die inhaltliche Debatte – zeigt, dass es zuerst um Spareffekte ging.

Marlis Drevermann: Nein, wir hatten ein vorgegebenes Sparziel, denn beim Haushaltssanierungskonzept ist jeder dabei. Wir waren überrascht, dass wir mit der Einsparung einer Direktorenstelle einschließlich aller Nebenkosten allein schon 140.000 Euro erreicht haben. Mich hat das sehr gefreut, weil wir dadurch gleichzeitig einen guten Museumsverbund auf den Weg bringen können.

Es ging um 150.000 Euro.
Drevermann: Jedenfalls haben wir mit der Einsparung der Direktorenstelle das Sparziel erreicht.

Der jüngst verstorbene einstige Museumschef Waldemar Röhrbein hat noch im Frühjahr im HAZ-Interview vor einer Fusion unter reinen Spargesichtspunkten gewarnt. Trifft Sie diese Kritik?
Drevermann: Er hat auch mir den Warnhinweis gegeben, dass eine Fusion nur funktioniert, wenn die Strukturen dafür gebaut sind. Das einzige Spardiktat, das wir wahrgenommen haben, ist die Einsparung einer Museumsleitungsstelle. Nach dem Ausscheiden des bisherigen Direktors Wolfgang Schepers, der Kunsthistoriker ist, wurde eine Kuratorenstelle für diese Kompetenz ausgeschrieben.

Bis zu deren Besetzung sparen Sie da auch. Wann wird die Stelle besetzt?
Schwark: Wir haben vor Weihnachten Vorstellungsgespräche.

Also wird man Anfang 2015 jemand vorstellen?
Schwark: Das ist zu erwarten. Wir haben mehr als 60 Bewerbungen.

Was könnte es noch an Engagement für die Häuser geben? Immerhin sind seitens der Stadt 60.000 Euro Planungsmittel für die Museen vorhanden.
Drevermann: Wir haben tatsächlich einen vom Rat eingerichteten Museumstopf für Planungsprozesse. Genutzt haben wir ihn, um fachlich zu begleiten, wie die Museen entwickelt werden können und welches die räumlichen Bedingungen sind. Dafür gab es moderierte Workshops mit allen Beteiligten und mit Architekten als Fachleuten.

Das war die Leistung der Metrum-Beratungsgesellschaft. Deren Papier wurde als Plädoyer verstanden, die Antiken- gegenüber der Designsammlung zu bevorzugen.
Drevermann: Wenn sich nichts ändert, bleibt alles, wie es ist. Wenn man kritisiert wird, muss man Veränderungsprozesse einleiten. Wir nehmen gern Kritik auf und gehen in eine Diskussion. Da sind wir auch noch nicht zu Ende.

Das Metrum-Papier hält eigentlich nur einen Diskussionsstand fest?
Drevermann: Ja. 

Für das Protokollieren von Debatten zahlt die Stadt also 32.000 Euro an Metrum.
Drevermann: Nein. Das war kein bloßer Diskussionsstand. Metrum hat auch die Grundlage dafür geliefert, was dauerhaft in welcher Form sein sollte. Also diese „Design weg“-Diskussion, die habe ich nie verstanden. Das Papier enthält doch einen Fundus von Ideen. Und eine war: Wir gehen mit dem Zeigen der Antike in Richtung Dauerausstellung und zeigen die Entwicklung in die Zukunft in der Wechselausstellung. Das hat nicht verstanden, wer daraus macht: Wir zeigen Antike und packen das Design weg.

Und wie geht es weiter?
Drevermann: Wir erarbeiten einen Fahrplan für das Kestner- und das Historische Museum, den wir den Ratsgremien vorstellen. Ich gehe davon, dass das im ersten Quartal 2015 spruchreif wird.

2015 endet Ihre Amtszeit. Es gibt Debatten um eine Fusion Ihres Amtes mit dem Sozialdezernat. Braucht Hannover kein eigenständiges Kultur- und Schuldezernat?
Drevermann: Natürlich braucht es städtische Zuständigkeiten für Schule und Kultur. Hamburg hat sogar ein reines Kulturdezernat. Aber wie das organisiert wird, ist eine Entscheidung, die die Politik zu treffen hat.

Zurück zum Kestner-Museum. Das MAK wird 125 Jahre alt. Was planen Sie zum Jubiläum?
Schwark: Am 9. November, dem Jubiläumstag, gibt es ein Museumsfest. Damit beginnt eine ganze Reihe von Veranstaltungen über eine Woche hinweg.

Der 9. November ist der Jubiläumstag?
Anne Viola Siebert: Das war 1889 der Tag eines feierlichen Eröffnungsakts für die Honoratioren, tags darauf wurde das Museum dann für alle zugänglich.

Herr Schwark, Sie werden allenthalben für die Ausrichtung des Historischen Museums auf die Lebenswelt des Publikums gelobt. Muss sich nicht auch bei der Ausstellungskultur im MAK einiges ändern?
Schwark: Das stimmt. Aber unterschiedliche Kulturen gibt es in allen Häusern. Da können wir vieles aufeinander abstimmen, viel voneinander lernen.

Jubiläen können auch Anlass zum Nachdenken über die Zukunft sein. „6000 Jahre Kreativität“ ist das Museumsmotto. Ein ziemlicher Brocken für ein Haus mit gut 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche ...
Drevermann: Das ist Anlass nachzudenken, wie man die Sammlungsbestandteile, die das Haus auszeichnen, so auswählt und zeigt, dass man mit dem Platz auskommt. Illusorisch wäre es, in naher Zukunft einen Ausbau zu erwarten. Unser Ziel ist es, die Schätze des Museums so zu präsentieren, dass das Haus sich weiterentwickeln darf.

Die Platzfrage steht hinter allen Debatten. Mehr Platz fordert der MAK-Freundeskreis seit Jahrzehnten. Es gibt Entwürfe für eine Bebauung der Fläche hinterm MAK ...
Drevermann: Das ist aber unmuseologisch, vielleicht können Herr Schwark und Frau Siebert das mal erklären.

Siebert: Tja, je mehr Platz man hat, desto mehr kann man ausstellen. Aber erhöht sich die Qualität in schier endloser Masse? Es ist eher eine Frage der Kreativität als des Platzes. Ja, mehr Platz wäre schön, aber wenn’s nicht geht, sind wir gefragt.

Schwark: Viele kleinere Heimatmuseen zeigen gern alles, was sie haben, dort ist das auch charmant. Der Unterschied zu diesen Museen ist, dass wir für Ausstellungen einen roten Faden finden, dass wir eine Idee, eine Storyline, eine spannende Geschichte mit dem Museum erzählen. Wir stellen die Dinge, die wir haben, nicht um ihrer selbst aus, sondern binden sie in ein Ausstellungskonzept ein.

Drevermann: Ich würde mir vor einer Museumserweiterung noch etwas anderes wünschen. Es gab ja immer schon kluge Menschen, die kluge Konzepte hatten. Zum Beispiel für Eingangssituationen. Der Museumseingang lag ja mal hinter der jetzigen Bushaltestelle. Eine Verlegung würde, wenn man das Geld dafür bekäme, eigentlich die erste Maßnahme sein, wenn es um Bauliches geht.

Das wäre keine Flächenerweiterung, und dazu gibt es schon einen Entwurf des Architekturprofessors Michael Schumacher, den Sie noch nicht öffentlich gemacht haben und der 20.000 Euro gekostet hat.
Drevermann: Da ist überprüft worden, was eine solche Verlegung für den Innenraum bedeutet. Mit der Neugestaltung des Trammplatzes ...

… ohne Einbezug des MAK …
Drevermann: … rückt das Rathaus ja ein Stück weit in die Innenstadt hinein, so dass das Museum optisch abgeschnitten ist. Diese Eingangsverlegung hat Prof. Schumacher in einer Studie analysiert.

Darin geht es nicht nur um die Eingangsverlegung, sondern auch um die Schaffung von Cafeteria- und Museumsshopflächen.
Drevermann: Ja. Denn im Eingang ist es bisher sehr eng. Es geht ja darum, wie man das Haus aufreißen, wie man den Eingang für die Besucher verständlicher machen kann. Bei einer Verlegung würde man gleich die alte Fassade, den alten Treppenaufgang sehen und die Ummantelung des alten Gebäudes verstehen.

Ist es nicht bitter, dass manche im Freundeskreis hoffen, dass es für diesen Umbau kein Geld gibt, weil er die Ausstellungsfläche weiter verkleinern würde?
Schwark: Viel hilft viel, das ist nicht Museumslogik, sondern es geht darum, bestimmte, aussagekräftige Exponate in Wert zu setzen und im Bedeutungszusammenhang auszustellen ...

Drevermann: ... und sich verständlich zu machen. Die Menschen müssen wissen, in welches Museum sie kommen. Also wirklich: Ich gehe doch nicht gern durch den Seiteneingang eines Museums.

Interview: Daniel Alexander Schacht

Zu den Personen

Marlis Drevermann, Thomas Schwark und Anne Viola Siebert wollen das Kestner-Museum im von Schwark geleiteten Verbund mit den anderen städtischen Museen neu aufstellen. Die Archäologin Siebert setzt dabei eher auf Kreativität als auf mehr Platz für die Schätze des Hauses. Kulturdezernentin Drevermann macht sich überdies für einen Umbau im Erdgeschoss des Museums stark.

Das dritte Museum im Verbund

Seit September sind die drei Museen der Stadt im „Museumsverbund Städtische Museen für Kulturgeschichte“ zusammengeschlossen. Thomas Schwark, bisher Direktor des Historischen und des Schlossmuseums Herrenhausen, leitet damit in der Nachfolge des vorzeitig ausgeschiedenen Kunsthistorikers Wolfgang Schepers jetzt auch das Kestner-Museum. Noch ist das künftige Profil des Hauses, dessen Stärken in der Antiken- und der Designsammlung liegen, zwar unklar. Aber Schwark betont, das in allen Häusern „mit sehr viel Kraft und Erwartungsfreude an neuen Entwürfen“ gearbeitet werde. Der Verbund schaffe auch über die gemeinsame Verwaltung hinaus Synergien, die für die „Neuaufstellung der einzelnen Museen“ hilfreich seien. 

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