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Kultur US-Künstler Baldessari bekommt Kaiserring
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13:53 06.10.2012
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Goslar

Ein grauer Riese geht bedächtig durch die Flure des Mönchehaus Museums in Goslar. Er schaut auf die Bilder, die dort an den Wänden hängen, schaut aus dem Fenster, an das der Harzer Regen prasselt, schaut, greift sich an den grauen Bart, und der Mund formt sich zu einem leichten Lächeln. John Baldessari, schwarze Kleidung, graues Haar, ist ein entspannter Riese. Er ist 80 Jahre alt, mehr als zwei Meter groß und einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart.

Am heutigen Sonnabend hat der Künstler in Goslar den Kaiserring der Stadt erhalten. Parallel dazu eröffnet er die Ausstellung „Picture in a Frame“, bei der bis Ende Januar rund 30 seiner überwiegend großformatigen Werke und Videos gezeigt werden. Der Kaiserring zählt zu den bedeutendsten Kunstpreisen der Welt und ist nicht dotiert. „Jetzt stehe ich auch auf einer Liste“, sagt Baldessari mit Blick auf die Auflistung der Ringträger, auf der sich Kunstgrößen wie Max Ernst, Gerhard Richter und Joseph Beuys finden. Baldessari mag Listen, sagt er. Er benutzt sie auch für seine Werke.

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Der Kaiserring aus Gold wird in jedem Jahr neu angefertigt und trägt das Siegel des Kaisers Heinrich IV., der im Jahr 1050 in Goslar geboren wurde. 2012 ist der Name John Baldessari darin eingraviert. Der Konzeptkünstler erfinde sich immer neu, sein „hybrides Werk zwischen Bild und Sprache“ schaffe neue Sinnzusammenhänge, hieß es in der Begründung der Jury. Baldessaris Markenzeichen sind die „dots“ - kreisrunde farbige Punkte, die die Gesichter der Menschen in seinen Bildern überdecken, den Sinn entfremden. Der Kalifornier, 1931 in der, wie er sagt, „öden“ Kleinstadt National City geboren, sieht seine Arbeiten auch als Zitieren. Er arbeite sich gerade durch die Kunstgeschichte. Wie er das macht? „Wie isst man einen Obstsalat?“, fragt er zurück. Und gibt die Antwort. Man isst ihn einfach, ohne Konzept, aber mit einem Ziel. „Picture in a Frame“ zitiert einen Song von Tom Waits. Der Sänger ist ein enger Freund Baldessaris und auch in National City aufgewachsen.

Baldessari stellte zweimal auf der documenta in Kassel aus, in der Tate Modern in London, der Met in New York. 2009 bekam er den „Goldenen Löwen“ der Biennale Venedig. Berühmtheit erlangte Baldessari aber auch durch ein großes Feuer. 1970 verbrannte er in einem Krematorium alle seine zwischen 1953 und 1966 entstandenen Bilder. Die Asche steht heute in seiner Bibliothek - in einer Urne in Form eines Buches. Kurz danach zeigte er ein monotones Sprachspiel: „I will not make any more boring art”. Zeile um Zeile schrieb er das, Blatt für Blatt, und filmte sich dabei. Er werde nie mehr langweilige Kunst machen.

Der Künstler Baldessari hat sich auch als Lehrer ausgezeichnet. Er könnte sein Atelier in Los Angeles mit Dankesschreiben seiner Schüler tapezieren. Vielleicht liegt es an seiner Einstellung: Sein Unterricht sei eine Suche nach dem Licht, dem Feuer im Auge der Schüler, sagt er.

Der Humor in seinen Bildern sei keine Intention, aber man könne das wohl so sehen, sagt er. Denn er bilde die Realität ab, und die sei paradox, „strange“. Baldessari, der von sich sagt, er vergesse nie einen Witz, besitzt einen feinen Humor. So wird er nach dem Unterschied zwischen Los Angeles und Goslar gefragt. „Nun, wenn man in National City aufgewachsen ist, dann ist alles ein Schritt nach oben.“

Gerd Schild

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