Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Turner Preis geht an Elizabeth Price
Mehr Welt Kultur Turner Preis geht an Elizabeth Price
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:38 04.12.2012
Von Johanna Di Blasi
Szenen eines flammenden Infernos: Elizabeth Price vor „The Woolworths Choir of 1979“, ihrer Videoinstallation eines Kaufhausbrands, bei der Preisvergabe in der Londoner Tate Gallery. Quelle: rtr
London

Von „Spaßgesellschaft“ wird in jüngerer Zeit immer weniger geredet. Vom in den postmodernen achtziger Jahren eingeführten britischen Turner-Preis aber wird bis heute Schrilles, Grelles, Aufreizendes und Unterhaltendes erwartet. Mit Auszeichnungen für das Zersägen von Kühen (Damien Hirst, 1995), Elefantendung-Kreationen (Chris Ofili, 1998) oder Keramik mit Transvestiten-Motiven (Grayson Perry, 2003) schuf der „Turner“ die entsprechende Erwartungshaltung.

Deshalb mag es für manche enttäuschend sein, dass in diesem Jahr eine weitgehend unbekannte sozialkritische Videokünstlerin aus London die mit 25.000 Pfund (30.600 Euro) dotierte Auszeichnung bekommen hat. Elizabeth Price wurde am Montagabend in der Londoner Tate für eine Collage mit dem Titel „The Woolworths Choir of 1979“ ausgezeichnet, ein Werk, das Bilder eines verheerenden Brandes in einer britischen Woolworth-Filiale mit Popmusik und Aufnahmen mittelalterlicher Sakralarchitektur verknüpft.

Die unscheinbar wirkende blonde Künstlerin nahm die Auszeichnung aus den Händen von Hollywood-Frauenschwarm Jude Law entgegen. Die Juroren lobten die „verführerischen und eindringlichen Elemente“ des Werks der früheren Popmusikerin Price. Ihre Videoinstallationen, so lobten sie, ermöglichten „rhythmische und rituelle Erfahrungen“. Der „Daily Telegraph“-Kritiker Richard Dorment sprach von einer „visuellen Tour de Force“ und den „zwanzig atemberaubendsten Minuten“, die er jemals in einer Kunstausstellung verbracht habe. Adrian Searle vom „Guardian“ sprach von „großer Kraft“ und einer „coolen Art“ der Verknüpfung disparat erscheinender Elemente.

Das preisgekrönte Werk der 1966 geborenen Künstlerin blättert ein dunkles Kapitel der britischen Geschichte auf: Ende der siebziger Jahre gab es wiederholt Brände in Woolworth-Filialen. Eines der schlimmsten dieser Feuer forderte mitten in Manchester zehn Todesopfer. Aus kleinen Läden zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren immer größere und schließlich mehrstöckige Kaufhäuser geworden. Dem wachsenden Komfortbedürfnis der Bevölkerung kam der Handel mit einem großen Sortiment an Polstermöbeln entgegen – in der Möbelabteilung brach der Brand aus und breitete sich in Windeseile aus. Die Fenster waren vergittert. Eine eingeschlossene Kundin versuchte verzweifelt, mit Winken auf sich aufmerksam zu machen.

Diese Szene fand neben Bildern lichterloher Flammen Eingang in Prices Videoarbeit. Eine ähnliche Winkgeste fand Elizabeth Price bei Shows der legendären Shangri-Las wieder, einer amerikanischen Frauen-Popband der sechziger Jahre. Und manche Gesichts- und Körperausdrücke der Menschen in Todesangst fand sie in Plastiken vorgebildet, die gotisches Chorgestühl schmücken. „Chor“, sagte die Künstlerin in einem Interview, lässt an Zusammenkünfte von Menschen denken, an vielfältige Stimmen, die zusammen ein Lied ergeben. Ein solches todtrauriges und zugleich betörendes Lied komponierte Elizabeth Price aus mittelalterlichen und modernen Elementen.

Wie sehr es der Künstlerin um das Aufzeigen von Strukturen und um Dramatik geht, zeigt auch ein anderes Werk: „West Hinder“ ist inspiriert von einem 2002 gesunkenen Frachtschiff, das 3000 Luxusautos an Bord hatte. Unter Wasser verlieren die Luxusgefährte alle Anziehungskraft, durchnässte Autositze sind kein Komfortversprechen mehr, und der symbolische Wert verflüchtigt sich. Abgetaucht wirken auch Luxusautos nur noch wie Massenware für eine uniformierte Kundschaft.

Nach dem Urteil vieler Kritiker handelt es sich 2012 um einen starken Turner-Jahrgang. In fast allen Arbeiten ging es um Formen von Wahnsinn und um Gesellschaftskritik. Nominiert waren der Zeichner Paul Noble, bekannt für ausufernde Stadtlandschaften. Das Thema Schizophrenie umkreiste der Filmemacher Luke Fowler. Mit 90 Minuten war sein Film aber wohl etwas zu lang für den Kunstkontext. Spartacus Chetwynd war als erste Performance-Künstlerin nominiert. Die Performerin lebt in einer Nudistenkommune in London und arbeitet mit Gothic-Versatzstücken, Fantasywesen und semisexuellen Gebärden.

Der Turner-Preis wird seit 1984 jährlich an einen Künstler unter 50 Jahren verliehen, der in Großbritannien arbeitet oder lebt. Gewinner sind neben anderen Gilbert & George, Anish Kapoor und Richard Long gewesen. Deutsche Preisträger waren Wolfgang Tillmans und Tomma Abts. Im Vorjahr gewann der schottische Bildhauer Martin Boyce die begehrte Trophäe.

Kultur Nach Sanierung am Raschplatz - Angst um Theaterwerkstatt

Wie wird der Pavillon ein Zentrum für freies Theater? Und was wird dann aus der Theaterwerkstatt? Die freien Theatergruppen dringen auf einen Generationswechsel

Ronald Meyer-Arlt 04.12.2012
Kultur Gastspiel im Schauspielhaus - Walter Sittler kommt nach Hannover

Der Schauspieler Walter Sittler schildert seine Begeisterung für Kästner und sein neues Programm "Prost, Onkel Erich!", mit dem er in Hannover gastiert

Martina Sulner 03.12.2012

Schwacher Kinostart für Brad Pitt als Profikiller: Nur 22.000 Karten wurden am Startwochenende für den skurrilen Gangsterfilm „Killing Them Softly“ verkauft. Das bedeutet lediglich Rang elf der deutschen Kinocharts.

03.12.2012