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Kultur Trojahns „Orest“ sorgt für gemischte Gefühle
Mehr Welt Kultur Trojahns „Orest“ sorgt für gemischte Gefühle
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08:45 11.02.2013
Von Rainer Wagner
Manfred Trojahns Oper „Orest“ hat in der hannoverschen Staatsoper Premiere gefeiert. Quelle: Archiv
Hannover

Man möchte kein Grieche sein. Schon gar nicht in der Antike, als die Götter sich immer wieder ins Leben der Menschen einmischten und es dann am Ende mal wieder nicht gewesen sein wollten. Da hilft nur die Emanzipation durch die ganz private Götterdämmerung.

Davon erzählt, unter anderem, Manfred Trojahns Oper „Orest“, die jetzt als deutsche Erstaufführung in Hannover herauskam und vom Publikum mit viel Respekt und ein paar Buhs quittiert wurde. Das Rätsel Buh war selten so groß wie hier. War die Musik zu neu? Zu altmodisch? Die Inszenierung zu unspektakulär? Oder verwehrten sich ein paar unverbesserliche Straussianer dagegen, dass Manfred Trojahn mit seiner Oper so etwas wie eine Fortsetzung der „Elektra“ geschrieben hat? Falls man übersieht und überhört, dass bei Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal die Titelheldin am Ende tot zusammenbricht.

Bei Trojahn, der diesmal sein eigener Librettist war, aber ist Elektra nach dem Racheakt an der mörderischen Mutter nicht nur quicklebendig, sondern auch die in jedem Wortsinn treibende Kraft. Sie will das Ende. Ihr Bruder Orest aber will - vermessen für einen Mörder? - seinen Frieden. Aber so einfach ist das eben nicht, wenn die Götter die Menschen als Werkzeug missbrauchen. Und wenn der Atridenfluch über den Handelnden liegt.

Manfred Trojahns Oper beginnt damit, dass der Muttermörder und Vaterrächer Orest von Stimmen (der Rachegöttinnen?) heimgesucht wird. Und vom Bild seiner Mutter Klytämnestra, die er im Auftrag des Gottes Apoll ermordete, um ihren Mord an ihrem Gatten (und Orests Vater) Agamemnon zu rächen. Sie tritt hier vervielfältigt auf - blutüberströmt und mit blonden Haaren.

Aufgehetzt von Schwester Elektra erschlägt Orest auch die vom trojanischen Krieg heimgekehrte und mittlerweile nicht mehr ganz so schöne Helena, doch dem Mordauftrag an Helenas Tochter Hermione verweigert sich der Held. Er will auch nicht den Willen Apollos in die Tat umsetzen: „Ich bin nicht der, der ich bin, ich werde sein, den ich finden werde.“ Denn Orest hat den emanzipatorischen Gedanken, dass die Macht der Götter nur aus der Ohnmacht der Gläubigen erwächst: „Du aber bleibst, alter Gott - du brauchst die Angst der Erstarrten.“

Für diesen Schluss hat Gastregisseur Enrico Lübbe einen ebenso schlichten (aber nicht banalen) wie schlüssigen Einfall: Dann treten Orest und Hermione aus der Neonleuchtenumrahmung der Bühne und damit aus der Handlung heraus: Macht, was und mit wem ihr wollt, ihr Racheengel und menschenmanipulierende Götter, wir machen jetzt unser eigenes Ding - und scheitern notfalls auf eigene Rechnung.

Bis dahin war viel Gedankenarbeit nötig, und die passiert offenkundig im Hirnstübchen des Titelhelden, das Bühnenbildner Etienne Pluss in seinem Szenenentwurf möbliert hat wie eine Mischung aus Führerbunker nach dem Ende und zerstörtem Palast. Regisseur Lübbe kommt vom Schauspiel (hat aber Opernerfahrung) und bringt das nicht mit Hier-komm-ich-Attitüde ein. Er animiert das Solistensextett zu genauem Spiel. Die Ermordung Helenas, die bei der Uraufführung des Stücks vor einem reichlichen Jahr in Amsterdam Augenzeugenberichten zufolge eher drastisch (bis drollig) aussah, ist hier nüchtern vollzogenes Ritual: Das obligate Theaterblut wird in Kübeln über das Opfer gekippt.

Diese sehr konzentrierte und nie vorlaute Inszenierung lässt der Musik jeden Raum zur Entfaltung. Den nutzt Dirigent Gregor Bühl mit viel Übersicht. Bühl hat vor 16 Jahren in Hannover schon Trojahns Oper „Enrico“ erfolgreich vorgestellt. Und er zeigt sich auch hier gleichermaßen kompetent wie konzentriert: Das Niedersächsische Staatsorchester jedenfalls spielte, als gäbe es in dieser Partitur kein Fallstricke. Ob allerdings jedermann heraushören konnte, dass Trojahn als Strauss-Reminiszenz das Heckelfon bemüht (eine Bassoboenvariante, die nicht nur in der „Elektra“ zum Einsatz kommt), bleibt offen.

Trojahn verhält sich in seinem ersten musikdramatischen Ausflug ins Hochdramatische erstaunlich unpathetisch. Der Orchesterpart ist betont durchhörbar, was der Textverständlichkeit sehr hilft (Übertitel gibt es aber trotzdem). Nur ganz selten überlagern Orchesterexaltationen die Erzählung, viel öfter lässt Trojahn vor allem seinen Titelhelden ohne Tuttibegleitung sinnieren.

Trojahns kunstfertige und immer wieder auch berührende Musik ist merkwürdig bis eigensinnig zeitlos (oder unzeitgemäß?). Selbst die als Raumklanginstallation zugespielten Chorstimmen wirken wie Erinnerungen an die Moderne. Man weiß nie so genau, wo man musikgeschichtlich gerade unterwegs ist, aber das passt zu einem Musiktheaterstück, das einem einen fernen Mythos nahebringen will.

Dass Trojahn für und mit Stimmen komponieren kann, hat er nachhaltig bewiesen. Hier hat er den Männerpartien Orest und Menelaos eher deklamatorische Partien gewidmet: Der Rächer Orest und sein Onkel Menelaos müssen sich ja auch fortwährend erklären. Das ist im Tonumfang manchmal Wagners Wotan nahe, doch Bjørn Waag als Orest meidet diesen Tonfall sehr geschickt. Er verleiht der Sinnsuche und der Verzweiflung Orests baritonale Beredtsamkeit. Latchezar Pravtchev gibt dem Menelaos etwas von Gunthers Gibichungen-Glätte mit: Aus Helenas gehörntem Gatten wird kein Held mehr.

Khatuna Mikabaridze ist als Elektra ein Racheengel mit Furor, eine Terroristin der (Selbst-)Gerechtigkeit, gegen die Gudrun Ensslin wie eine Kindergärtnerin wirkt. Sie setzt ihren Mezzosopran zielgenau wie eine Waffe ein und darf doch für einen Moment ganz weich sein, wenn sie dem schlafenden Bruder erzählt, dass es da auch ein anderes Menschenbild in ihr gibt.

Tomasz Zagorski singt die beiden Götter Apollo und Dionysos mit gleisnerischem Glanz, kann aber die Verwirrung auch nicht beseitigen, die diese Doppelrolle beim Zuschauer auslöst.

Für Stimmvirtuosität sind in dieser Trojahn-Oper die beiden Soprane zuständig: Dorothea Maria Marx als Helena darf mit vielen Piano-Schattierungen um Zuflucht bitten. Ihre Tochter Hermione hat für hochtragende Träume auch allerhöchste Töne parat: In dieser überaus anspruchsvollen Partie war für die erkrankte Ania Vegry Romy Petrick eingesprungen, die schon bei der Uraufführung in Amsterdam dabei war. Sie hatte in Hannover bei der Generalprobe am Mittwoch noch von der Seite aus mitgesungen und überzeugte bei der Premiere durch Bühnenpräsenz und Gesangspräzision.

Nach 75 Minuten hat Orest den Angstschrei des Beginns im Ohr, aber Hermiones sanfter Ruf bringt die Rachegöttinen zum Verstummen. Danach ein paar Unmutsäußerungen und sehr freundlicher Beifall für den Komponisten und alle Akteure.

Für alle, denen diese griechische Tragödie zu düster ist, gibt es Trost: Der Komponist hat dieses Werk seiner Frau, der Bühnenbildnerin Dietlind Konold, „mit dem Versprechen auf eine Komödie“ gewidmet. Diese neue Oper könnte, falls sie noch in der Amtszeit des hannoverschen Staatsopernintendanten fertig wird, ein Fall für Michael Klügl sein. Bei dem bedankt sich „Orest“-Autor Trojahn in seiner Partiturwidmung immerhin „für das wichtige Wort im richtigen Moment“.

Wieder am 14. Februar und am 1. März. Karten und weitere Informationen: (0511)99991111.

Schon im ersten Bild ist die Idee des ganzen Stücks enthalten. Halbstarke Rowdys lungern zu Beginn der Kurt-Weill-Oper „Street Scene“ an der hannoverschen Musikhochschule auf der Bühne neben Halbwelttypen in verschwitzten Hemden und frustrierten Hausfrauen in Kittelschürze herum.

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