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Kultur Tom Tykwers „Cloud Atlas“ begeistert Hollywood
Mehr Welt Kultur Tom Tykwers „Cloud Atlas“ begeistert Hollywood
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06:15 30.10.2012
Von Stefan Stosch
Sprung in die nahe Zukunft: Ein Klon (Doona Bae in einer von fünf Rollen) auf der Flucht. Quelle: dpa
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Hannover

Dieser Film nach dem Roman des britischen Autors David Mitchell ist anders. Das fängt schon bei der Regie an. Gleich drei Filmemacher zeichnen verantwortlich. Im Abspann wird der Name Tom Tykwer eingerahmt von Andy und Lana Wachowski. Der „Lola rennt“-Regisseur und die „Matrix“-Erfinder machen gemeinsame Sache. In zwei Teams haben sie parallel über drei Monate gefilmt. 163 Minuten dauert „Cloud Atlas“ - es ist nicht ein Film, es sind viele. Gewissermaßen handelt es sich um eine Art Versuch, alle Filmgenres in einem unterzubringen: Komödie, Historiendrama, Krimi, Sciencefiction, Liebesgeschichte. Sechs Geschichten sind zu einem Werk verwoben, die Handlung reicht über Jahrhunderte, in die Vergangenheit wie in die Zukunft.

Ein amerikanischer Anwalt, tätig im Sklavengeschäft, muss geläutert werden. Ein junger Komponist in den 1930er Jahren will Weltruhm. Eine Journalistin kommt um 1970 einem inszenierten Atomunfall auf die Spur. In unserer Gegenwart wird ein Verleger in einem autoritär geführten Altersheim weggesperrt. Eine geklonte Restaurantkraft im Südkorea des Jahres 2144 entdeckt ihren Freiheitswillen, und ein Ziegenhirte muss nach der Apokalypse retten, was von der Welt noch übrig ist.

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In der Romanvorlage hat sich Autor Mitchell damit begnügt, die einzelnen Stränge zu teilen; erst erzählt er die eine Storyhälfte, dann die andere. Tykwer/Wachowski haben diese Methode noch radikalisiert: Sie springen eilig zwischen den Geschehnissen hin und her. Das ist gewagt.

Kaum hat man in eine Geschichte hineingefunden, schon wird man wieder hinauskatapultiert. Kaum sieht man, wie ein Sklave ausgepeitscht wird, schon probt eine Rebellenarmee in einer düsteren Zukunftsmetropole den Aufstand, oder die investigative Atomkraft-Reporterin versinkt nach einem Anschlag mitsamt ihrem Auto im Wasser.

Erstaunlich schnell gewöhnt man sich an diese Erzähltechnik. Kommt sie womöglich unserer zunehmenden Unkonzentriertheit in einer von Informationen überfluteten Welt entgegen? Entspricht sie dem Dauerspringen vor unseren Computerbildschirmen zwischen E-Mail-Programm und YouTube-Filmchen? Befriedigt sie die Ungeduld des modernen Mediennutzers? Wie auch immer - man sitzt voll konzentriert im Kino und will unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Schon vor dem Vorspann machen wir Bekanntschaft mit tragenden Figuren - vor allem mit einem alten Mann, dessen Gesicht über und über tätowiert ist. Das ist der Erzähler und Ziegenhirte Zachary, gespielt von Tom Hanks. Der Hollywoodstar ist einer von denen, an denen man sich in „Cloud Atlas“ festhalten kann - und es sind noch einige Stars mehr beteiligt. Allein Hanks hat sechs Rollen quer durch die Zeiten zu bewältigen, genau wie Halle Berry oder Hugo Weaving. Und auch Jim Broadbent, Ben Wishaw oder Hugh Grant spielen mit.

Nicht immer erkennt man die Schauspieler hinter ihren Masken. Hanks ist beispielsweise ein habgieriger Arzt, der seinen Patienten, jenen Sklavenhänder-Anwalt, auf einem Schiff zu vergiften trachtet, ein schmieriger Hotelportier, ein Autor, der seinen heftigsten Kritiker über eine Balkonbrüstung wirft. Und eben auch der Ziegenhirte, der nach all den Schandtaten seiner früheren Leben die Gelegenheit bekommt, endlich Gutes zu tun. Dahinter steht die Grundidee: Seelenwanderung ist möglich.

Im Vorfeld sorgte dieses Mammutprojekt für Aufsehen wegen seines Budgets. „Cloud Atlas“, so hieß es, sei der teuerste deutsche Film, der je gedreht wurde - was nur bedingt stimmt. Es steckt lediglich viel deutsches Geld in diesem internationalen Projekt, das zu Teilen in Potsdam-Babelsberg gedreht und federführend vom Produzenten Stefan Arndt (X-Filme) auf die Beine gestellt wurde.

Drei Episoden haben die Wachowskis inszeniert (jene aus der Sklavenzeit und die beiden aus der Zukunft), die anderen drei übernahm Tykwer. Elegant meistern die Regisseure den Übergang von einer Geschichte zur anderen, beinahe unmerklich verlagern sie Spannungsmomente, schaffen sie Cliffhanger.

„Cloud Atlas“ ist keineswegs rundum gelungen. Die Erzählstrategie verdeckt den Blick darauf, wie schwach mancher Handlungsstrang ist. Mag die Komplexität auch beeindrucken, einzelne Geschichten fallen simpel aus. Der Sciencefiction-Thriller etwa bietet einen schwächeren Abglanz von „Matrix“ - stellt aber ganz originell den „Konsumenten“ ins Zentrum, den es in der menschlichen Zukunft zu verehren gelte.

Zudem sucht das Regie-Trio aufdringlich nach einer verbindenden philosophischen Klammer. Mit missionarischem Eifer pocht es darauf, dass beim Menschsein alles mit allem zusammenhängt. Ein unterschwelliges Geraune durchzieht den Film: Was sind wir Menschen anderes als unzählige Tropfen im Ozean? Jede Missetat des Einzelnen habe Auswirkungen auf alle anderen - was umgekehrt auch für jeden „gütigen Akt“ gelte. Die moralische Aufrüstung des Menschengeschlechts ist Programm.

Aber genau das macht „Cloud Atlas“ ja so faszinierend. Diese Tykwer/Wachowski-Koproduktion ist großes Kino. Endlich wird dem Zuschauer vor der Leinwand wieder etwas zugetraut.

„Cloud Atlas“ startet am 15. November im Kino.

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