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Kultur Tom Cruise als Weltenretter im bildgewaltigen Epos „Oblivion“
Mehr Welt Kultur Tom Cruise als Weltenretter im bildgewaltigen Epos „Oblivion“
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04:44 12.04.2013
Von Stefan Stosch
Tom Cruise rettet in „Oblivion“ die Welt im Jahr 2077. Quelle: Universal
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Hannover

Was ist das bloß für eine Welt, in der sich eine Frau nicht einmal mehr über Blumen freut? Jack hat von seinem Patrouillenflug ein zartes Topfpflänzchen in sein luftiges Zuhause mitgebracht, das hoch über den Wolken schwebt. Und was tut seine Gattin mit dem Geschenk? Sie begibt sich schnurstracks auf die Veranda und lässt das Grün angeekelt übers Geländer plumpsen. Nach einem langen Sturz wird es auf die ausgeplünderte, verwüstete, verstrahlte Erde auftreffen – und von der darf man nichts mitnehmen. Das hat die Kommandozentrale im All befohlen, von wo aus sich jeden Morgen eine säuselnde Befehlshaberin zuschaltet.

So sieht die menschliche Zukunft im Jahr 2077 in Joseph Kosinskis Film „Oblivion“ aus. Jack (Tom Cruise) und Victoria (Andrea Riseborough) gehören zu den Letzten, die die Stellung halten. Aliens haben sich unten auf der Erde eingenistet, so heißt es jedenfalls aus der Kommandozentrale. Die sogenannten Plünderer machen dem Techniker Jack mit ihren Attacken das Leben schwer. Sein Job ist es, die Kampfdrohnen instand zu halten, die ihrerseits die Außerirdischen in Schach halten sollen. Es gilt, die letzten Energiereserven der Erde abzusaugen, bevor die Kommandozentrale die menschliche Resttruppe in einen neuen Lebensraum evakuieren will.

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Noch ist es nicht so weit. „Wir machen hier den Dreck weg“, sagt Jack, und bei diesem Satz fühlt man sich an den verbeulten Aufräumroboter Wall-E aus den Pixar-Studios erinnert, der auch nach der atomaren Apokalypse noch mal richtig ranmusste. Zumindest Jacks und Victorias schmuckem Wohnsitz sieht man die Zerstörung nicht an. Ihr Wolkenkuckucksheim ist ein in hellen Farben gehaltener Designertraum, allein die ramponierte Erde tief unten hat sich in ein – durchaus majestätisches – Chaos aus Fels und Stein verwandelt; gedreht wurde vornehmlich auf Island.

Der Gegensatz zwischen oben und unten ist der wohl beste Einfall des Regisseurs, der Architektur studierte, als Werbefilmer arbeitete und für Disney das unerhebliche Science-Fiction-Spektakel „Tron: Legacy“ (2010) inszenierte. Seit „Blade Runner“ sieht die menschliche Zukunft im Kino zumeist trostlos aus, hier scheint die Welt endlich mal im Hellen zugrunde zu gehen. Jacks Anwesen schwebt zwischen weißen Wattebäuschchen, die Sonnenaufgänge sind vom Feinsten. Die Bilder hat Kosinski auf der Spitze eines Vulkans auf Hawaii gedreht. Er ließ sie auf Leinwände projizieren, zwischen denen sich die Schauspieler nun bewegen.

Und doch ist die Freiheit über den Wolken alles andere als grenzenlos. Jack ahnt das spätestens in dem Moment, in dem er bei einem Patrouillenflug überlebende Raumfahrer findet und sogleich die eigenen Drohnen herandüsen, um den Menschen den Garaus zu machen. Nur ein weiß gekleidetes Schneewittchen im Tiefschlafsarg kann er retten. Es heißt Julia (Olga Kurylenko), und mit der Schönen drängen Erinnerungen in Jacks Kopf, die so gar nicht zur gültigen Staatsdoktrin passen wollen.

Der Auftakt dieses Films fällt verheißungsvoll aus. Mit Schauwerten kann „Oblivion“ protzen. Umso größer ist die nachfolgende Enttäuschung. Viel Überraschendes fällt dem Regisseur, der seinen eigenen Comic verfilmt, nicht ein. Er zitiert ein bisschen Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“, lässt Jack wie Major Tom in David Bowies Song „Space Oddity“ durch den Raum treiben – aber sonst? Jack ist bald schon mit dem beschäftigt, was sein Darsteller Cruise in seinen Filmen am liebsten tut: die Menschheit zu retten unter besonderer Berücksichtigung der Kleinfamilie und unter Hintanstellung des eigenen Lebens. Damit auch Actionfreunde auf ihre Kosten kommen, werden immer mal wieder wild gewordene Drohnen losgelassen – die volle Drohnung in gut zwei Kinostunden.

Das heißt, eine originelle Idee präsentiert der Regisseur doch. Irgendwann begegnet Jack einem anderen Jack und muss sich im Duell mit seinem Doppelgänger fragen: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Dass noch niemand zuvor darauf gekommen ist: Nur einer kann Superstar Tom Cruise besiegen – er sich selbst. Jacks Überraschung hält nur einen Moment an, dann widmet er sich wieder seiner Mission. Mit philosophischen Aspekten hält sich der Film kaum auf.

Am Ende liegt das menschliche Glück in einem Holzhäuschen am See, Tomaten reifen im Sonnenlicht, eine junge Mutter gärtnert. Im Science-Fiction-Film wird die Gegenwart in die Zukunft verlängert – und hier bewegen wir uns eben in einem Landlust-Werbeprospekt.