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Kultur Timm Ulrichs schafft 90 Meter langes farbenfrohes Mosaik
Mehr Welt Kultur Timm Ulrichs schafft 90 Meter langes farbenfrohes Mosaik
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21:14 11.06.2009
Von Johanna Di Blasi
Timm Ullrichs und VGH-CHef Robert Pohlhausen (rechts) Quelle: Ralf Decker

Am Anfang steht eine Antihaltung: Zwei Künstler, der eine in Hannover, der andere im Rheinland, schaffen etwa zur selben Zeit abstrakte Farbbilder. Sie nutzen die Farbpalette aus der Industrie, färben Quadrate monochrom mit fabrikmäßig genormten Farbtönen, lassen bei der Farbauswahl und -verteilung den Zufall oder Statistiken spielen. Das Ergebnis: nüchterne Mosaike; kühle, avantgardistische Antithesen zu seelenvoller Farbfeldmalerei à la Mark Rothko oder Rupprecht Geiger.

Vierzig Jahre später findet man beide beim Recyceln alter Ideen. Sie übertragen die Farbquadratidee nunmehr ins monumentale Format. Richter überführte vor zwei Jahren das unterkühlte und anonyme Malschema in die sakrale, weihrauchgeschwängerte Sphäre des Kölner Doms, eines wichtigen Touristenmagneten mit mehreren Millionen internationalen Besuchern jährlich. Ulrichs dagegen lässt nun die Quadrate als größte Wandinstallation seiner Karriere in den vergleichsweise profanen Geschäftsräumen eines Regionalversicherers in Hannover auferstehen, der VGH.

Etwa 2500 Quadrate (35 mal 35 Zentimeter groß) in den Farben von Bauklötzchen bilden seit gestern im gläsernen Foyer der Versicherung einen 90 Meter langen, eindrucksvollen, kindergartenbunten Wandstreifen. Mit seinem Werk „Die Lieblingsfarben der Niedersachsen“ zitiert Ulrichs eine frühere Arbeit: „Die Lieblingsfarben der Deutschen“ von 1977/79. Ulrichs nannte das Werk auch „deutsche Durchschnitts- und Einheitstapete“. Damals wie heute verarbeitete er schnöde MDF-Platten und legte eine Befragung zugrunde.

37 Prozent der Niedersachsen haben – so hat eine aktuell vom Künstler in Auftrag gegebene Meinungsumfrage ergeben – Blau als Lieblingsfarbe, 20 Prozent Rot, 17 Prozent Grün. Immerhin je ein Prozent lieben die chromatischen Underdogs ­Beige und Grau. Daneben finden sich Orange und Violett. Die prozentuale Verteilung spiegelt sich akribisch in Ulrichs konzeptuellem Wandbild wider.

Rein statistisch gesehen müssten die Niedersachsen das Werk also lieben. Man kann es emphatisch ein demokratisches Werk nennen. Allerdings wurde der Realität einigermaßen Gewalt angetan. Die von 1000 Befragten gewählten Farben wurden kurzerhand auf rund acht Millionen Niedersachsen hochgerechnet. So etwas nennt man eine „repräsentative Umfrage“.

Ulrichs ist seit Langem eingefleischter Statistikskeptiker. In zahlreichen Werken hat er Statistiken ironisch aufs Korn genommen. Mit Erich Kästner sagt er ­augenzwinkernd: „Auf tausend Deutsche kämen wohl pro Jahr gerade 19 Komma 04 Kinder. 04! Und so was hält der Mann für wahr! Dass das nicht stimmen kann, sieht doch ein Blinder.“ Ulrichs’ nur vordergründig dekorative Wandarbeit hängt in der VGH richtig. Kaum eine andere Branche fußt so sehr auf statistischen Hochrechnungen wie das Versicherungswesen. Wirtschaftsbosse sagen heute offen, dass nicht zuletzt blindes Vertrauen in Statistiken die Weltwirtschaft einkrachen ließ.

Anders als Gerhard Richter ist Timm Ulrichs dem ursprünglichen Ansatz, Farbe unemotional einzusetzen, treu geblieben. Sein Werk in Hannover strahlt den spröden Charme von Umfragebarometern und Tortengrafiken aus. Ulrichs gibt sich mit einem irdischen Versicherer zufrieden. Der Weltkünstler Richter dagegen strebt in seinen alten Tagen mit transluzenter Kirchenkunst ins Kontemplative und setzt Farbpixel als eine Art Versicherung fürs Jenseits ein.

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