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Kultur Theater in Not: Ein Zweck und eilige Mittel
Mehr Welt Kultur Theater in Not: Ein Zweck und eilige Mittel
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20:57 07.12.2009
Von Stefan Arndt
Theater in der Krise. Quelle: Archivbild
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Das klingt gut: Das Land Niedersachsen möchte die Kultur nach seinen Möglichkeiten fördern. Mit den Landesbühnen in Hannover/Hildesheim (dem Theater für Niedersachsen) und Wilhelmshaven sowie den kommunalen Theatern in Celle, Göttingen, Osnabrück und Lüneburg hat es deshalb vor drei Jahren eine Zielvereinbarung geschlossen, die die Finanzierung der Häuser sicherstellen soll und die das Land jährlich 20,8 Millionen Euro kostet.

Das klingt noch besser: Zusätzlich hat das Kulturministerium für diese Häuser im vergangenen Jahr zwei Förderprogramme „zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements“ aufgelegt: Die Theater bekommen insgesamt weitere 1,525 Millionen Euro, wenn sie die gleiche Summe als Spenden einwerben können. Für jeden Euro an Spende gibt das Land einen Euro (beziehungsweise bei Sponsorengeldern 50 Cent) dazu. Die Gesamtsumme, also im besten Fall rund drei Millionen Euro, soll dann für Kinder- und Jugendprojekte eingesetzt werden.

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Doch statt zufriedener Wohlklänge vernimmt man nun allerorten Misstöne. Das Theater Lüneburg etwa wird die angepeilte Spendenhöhe von 140.000 Euro nicht erreichen, bekommt deshalb nicht die gleiche Summe vom Kulturministerium – und muss nun möglicherweise den künstlerischen Betrieb stark einschränken. Der Lüneburger Verwaltungsdirektor Wolfgang Dannenfeld möchte „das Wort Spartenschließung nicht in den Mund nehmen“ – aber das haben Lokalpolitiker auch schon für ihn übernommen.

Warum aber bedroht die Abwesenheit von Mitteln, die eigentlich für zusätzliche Aktivitäten im Jugendbereich gedacht waren, ein Theater in seiner Existenz? Holger Schultze, der voraussichtlich demnächst als Intendant von Osnabrück nach Heidelberg wechseln wird, hat eine einfache Erklärung bereit: „Man tut ja nur so, als sei das Geld für das Kindertheater – in Wirklichkeit werden damit die Tarifsteigerungen der Mitarbeiter finanziert.“

Keiner seiner Kollegen kann Schultze da widersprechen. Mit der 2006 geschlossenen Zielvereinbarung seien die Förderbeträge eingefroren worden, sagen sie, die Tarifentwicklung könne nicht berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu den kommunalen Theatern bekommen die Staatstheater in Hannover, Braunschweig und Oldenburg eine dynamische Förderung, die den Tarifsteigerungen angepasst wird.

Nach massiven Protesten der kommunalen Theater hat das Ministerium in diesem Jahr reagiert – und das dringend benötigte Geld als Förderprogramm deklariert, um es in der eigenen Regierung plausibel zu machen – und daher mit einer offenbar völlig unrealistischen Zweckbindung versehen. „Für solche Fälle gibt es ja Zauberknöpfe“, beschreibt TfN-Intendant Jörg Gade die Taktik: „Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements und Jugendprogramme.“

Genau diese Zweckbindung verhindert nun aber, dass das dringend benötigte Geld an diejenigen Häuser ausgezahlt wird, die nicht selbst genug Spenden eingetrieben haben. „Verfassungsrechtliche Bedenken“ verhindern laut Ministeriumssprecher Christian Stichternath, dass die Beträge ohne die geforderte Gegenleistung an Spenden ausgezahlt werden können. Dabei hatte man nicht nur in Lüneburg fest damit gerechnet, dass genau das geschehen werde. Ein Brief von Kulturminister Lutz Stratmann, der allen Intendanten vorliegt, habe das angedeutet, und Gespräche hätte diesen Eindruck vertieft, sagt man in Lüneburg. Auch Gerhard Hess, Chef der Landesbühne Nord in Wilhelmshaven, kann das bestätigen: „Es hieß, wenn es nicht geht, suchen wir nach Lösungen. Seit dem Spätsommer haben wir mit dem Ministerium verhandelt. Dass es nun offenbar nicht zu einer Zahlung kommen wird, habe ich erst jetzt am Beispiel Lüneburg gesehen.“ Dort schlug die Nachricht von der Absage der Förderung am Wochenende ein wie eine Bombe: Verwaltungdirektor Wolfgang Dannenfeld fühlt sich schlichtweg „von Hannover gelinkt“.

Im Ministerium räumt man inzwischen offiziell ein, dass Lüneburg nicht die geplante Summe erhalten wird, Sprecher Stichternath sieht das Programm aber trotzdem als Erfolgsmodell: „Rund 84 Prozent des vorgesehenen Geldes wird ausgezahlt werden, vielleicht noch etwas mehr – das ist keine schlechte Bilanz.“ Doch auch an den Häusern, die die erforderlichen Spenden gesammelt haben, scheint man nicht richtig glücklich zu sein: „Ja, wir haben die 310.000 Euro für unser Haus eben gerade zusammenbekommen“, seufzt etwa TfN-Intendant Gade – doch er weiß, dass das dem glücklichen Umstand geschuldet war, dass das Hildesheimer Stadttheater, das zum TfN gehört, in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern konnte. „Das hat die Spendenbereitschaft enorm erhöht“, sagt Gade, „im nächsten Jahr werden wir das wohl kaum schaffen.“ Zur Frage, ob sein Haus die Summe nur durch Umgehungstatbestände als echte Spenden ausweisen könne, wie andere Häuser es für unumgänglich halten, mochte Gade sich gestern nicht äußern. Nur so viel: Das Sammeln sei juristisch dem Förderverein übertragen, das Theater hat damit direkt kaum etwas zu tun.

Auch in Osnabrück, wo man die Vorgabe mit Leichtigkeit erfüllt hat, weiß man, warum: Weil in der Stadt zeitgleich das Jugendtheater neu gegründet wurde, standen Sponsorengelder zur Verfügung, die nun auch für das angebliche Förderprogramm des Ministeriums in Rechnung gestellt werden konnten. „Wir sind nicht das leuchtende Vorbild“, sagt Intendant Schultze, „auch wir wissen nicht, wie lange es die Förderung noch gibt.“

Für das kommende Jahr immerhin scheint Besserung in Sicht. Das Ministerium bestätigte gestern, was die Intendanten bisher nur aus einem Schreiben der CDU-Landtagsfraktion wussten: „Wir sind bemüht, die Ausgestaltung etwas einfacher zu machen und zu verhindern, dass das Geld nicht abfließen kann“, sagt Sprecher Stichternath. Dem Ministerium scheint dieser Schritt besonders schwergefallen zu sein: Die dafür erforderliche Summe ist angeblich zunächst gar nicht in den ursprünglichen Haushaltentwurf für das kommende Jahr eingestellt gewesen. Ein kommunaler Abgeordneter sei auf das Problem aufmerksam geworden – und konnte das Ministerium erst mithilfe von Ministerpräsident Wulff zum Einlenken bewegen. Nur ein Gerücht, sagt ein Theatermann. Aber es passe zu den aktuellen Vorgängen. Das klingt nicht gut.