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Kultur Tarzan wird 100 Jahre alt
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06:15 26.08.2012
Jeder kennt die Geschichten: „Dschungelstar“ Tarzan wird 100 Jahre alt. Quelle: dpa
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Berlin

Fühlen Sie sich als Mann verunsichert und orientierungslos? Würden Sie nicht lieber zu den guten alten Tugenden zurück? Endlich wieder Bier trinken, Kumpels treffen und hemmungslos am Auto schrauben?“ So heißt es im Ratgeber „Die Tarzan-Strategie“. Befolgt man diese, so verspricht Autor Roman Breindl, „wird sich Ihre Jane schon kurz darauf wieder gerne von Ihnen retten lassen“. Der Urschrei von Tarzan, dem literarischen Kind des US-Schriftstellers Edgar Rice Burroughs, ertönte am 27. August 1912. Der von Affen großgezogene Dschungelheld adligen Geblüts steht bis heute für starre Geschlechterzuweisung: Die Pin-up-Pose des beinahe nackten Urwaldkönigs, der seine ebenfalls leicht bekleidete Braut im Arm trägt, prägt zahlreiche Tarzan-Filmplakate.

Tarzan ist Inbegriff männlicher Potenz, das wird sogar in der Negierung deutlich: Ein „Spargeltarzan“ ist jemand, der nicht über die nötige körperliche Präsenz verfügt. Fiktive Groschenromane wie „Der Tarzan-Effekt“ von Hanna Molden beschreiben, wie die Icherzählerin von einem „wortkargen Naturburschen“ verführt wird. „Du Tarzan, ich Jane“ - eine Variation von Tarzans berühmtem Spruch „Ich Tarzan, du Jane“ - ist der Titel einer gerade im Blumhardt Verlag Hannover erschienenen Studie über „Gender Codes im Design“. Birgit Weller und Katharina Krämer stellen darin vor, wie Duschgel, Lego oder Getränkeflaschen geschlechtsspezifisch vermarktet werden. Tarzan kommt dabei nur im Titel vor - sein Zitat verweist also weitgehend verselbstständigt auf eine Genderspezifik, denn es verweist die Frau auf ihren Platz.

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Bei Tarzan-Schöpfer Edgar Rice Burroughs ist das meist der schützende Arm des Mannes: „Sie hatte sich nie so sicher gefühlt wie in den Armen dieser starken Kreatur“, heißt es im Text. Die auch körperliche Unterwerfung der Frau unter den Alleinherrscher des Dschungels wird in einer anderen Szene noch drastischer formuliert: Jane Porter beobachtet an einen Baum gefesselt, „mit wogendem Busen“ und einer Mischung aus „Horror, Faszination und Bewunderung“, wie Tarzan mit ihrem Entführer um sie kämpft. Das sexuelle Besitzrecht wird im Kampf ausgefochten. Greg Wahl spricht in einem Essay über Burroughs’ Erstling „Tarzan bei den Affen“ von einer „sexistischen, rassistischen, generell kulturell unsensiblen, maskulinen Erzählstrategie“. Sie lässt den männlichen Protagonisten aktiv und heroisch erscheinen, die Frau als Opfer.

Jane ist aber nicht die Einzige, die von Tarzans Dominanz erdrückt wird: Schwarze qualifiziert Burroughs als Menschenfresser ab, deren Aussehen und Intelligenz er wiederholt mit Affen vergleicht. Tarzan erwirbt seinen Lendenschurz erst durch die Ermordung und Ausraubung eines Einheimischen, einmal sperrt er einen Medizinmann in eine Löwenfalle und beobachtet von einem Baum aus lachend, wie das Opfer vom wilden Tier zerfleischt wird. Burroughs beschreibt diese Gräueltaten als Kavaliersdelikte. Einmal heißt es: „Einbildungskraft ist’s, die Brücken im Kopf und aus Städten Weltreiche baut. Die Tiere kennen sie nicht, die Schwarzen nur wenig. Einem von 1000000 der herrschenden Rasse der Welt hingegen ist sie gegeben als Geschenk des Himmels.“

Schon die ersten Sätze von „Tarzan bei den Affen“ lassen keinen Zweifel daran, dass Tarzan selbst qua Abstammung zu dieser Elite, dieser Herrenrasse, gehört: Über seinen Vater Lord Greystoke heißt es, er „stellte jenen Typ des Engländers dar, der gern als Verkörperung siegreichen Heldentums angesehen wird - eine kraftvolle männliche Erscheinung, und dies im geistigen, moralischen und physischen Sinne“. Der König des Dschungels ist in den Augen Burroughs’ von Natur aus unantastbar.

Eigentlich müsste dieser Macho in der heutigen Zeit längst von der Liane gefallen sein. Doch die Nachfrage nach muskelbepackten Superstars ist anscheinend ungebrochen, wie das Hamburger Tarzan-Musical mit dem Castingshow-Gewinner Alexander Klaws in der Titelrolle beweist. Tarzan war schon immer eine Identifikationsfigur. Er schaffte den Sprung von den Bäumen in die Werbung und warb in den USA für Versicherungen, in Frankreich für Biskuits, im Jemen für Frühstücksflocken und in Australien gar für Halstabletten. Die erste Verfilmung des Stoffes, der 1918 in der Regie von Scott Sidney in die Kinos kam, war der erste Film, der mehr als eine Million US-Dollar einspielte. Bis heute gibt es mehr als 100 Tarzanfilme. Neben Christopher Lambert, Gordon Scott und dem späteren Old-Shatterhand-Darsteller Lex Barker ist der Tarzan-Mythos vor allem mit dem Gesicht des Olympiaschwimmers Johnny Weissmüller verbunden. Mehr als zehn Jahre führte er mit Maureen O’Sullivan als Jane vor, wie Familienleben im Urwald funktioniert. Dazu gehörte auch ein Filmaffe, der mit „Ich, Cheeta“ gar eine Autobiografie vorlegte.

Tarzan ist der Held vieler Medien: Die Romane waren nie vergriffen, jährlich werden acht Millionen Tarzan-Comics nachgedruckt. Auf dem Soundtrack zur Disney-Verfilmung von 1999 ist Phil Collins zu hören. In Los Angeles gibt es sogar einen Stadtteil namens „Tarzana“, dort, wo Burroughs einst seine „Tarzana Ranch“ errichtete. Der Autor wurde nach eigener Aussage inspiriert von der Geschichte der Wolfskinder Romulus und Remus und von Rudyard Kiplings „Das Dschungelbuch“.

Selbst hat Burroughs den Dschungel übrigens nie gesehen. Er dient, wie bei Karl May der Wilde Westen, als Kulisse für eine exotische Welt, vor der sich der weiße Mann als Held beweisen kann.

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