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Kultur Tanz den Kafka
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12:13 16.06.2009
Von Ronald Meyer-Arlt

Eine Stadttheaterproduktion gehört auch dazu, das war schon immer so bei den Theaterformen. Was aber, wenn sich das Schauspiel der Stadt gerade wegen akuter Intendantenwechselei in Auflösung befindet? Dann muss die große Stadttheaterproduktion eben von anderswo kommen.

So war es klug von Festivalleiterin Anja Dirks, eine Inszenierung der Münchener Kammerspiele einzuladen. Schon im November hat sie sich für Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Franz Kafkas „Der Prozess“ entschieden – deutlich bevor die Kritikerjury die Inszenierung zum
Theatertreffen nach Berlin eingeladen hat.

Am Montag hatte „Der Prozess“ im Schauspielhaus Premiere. Regisseur Andreas Kriegenburg, der wesentliche Anfangserfolge seiner Karriere in Hannover feiern konnte (Ibsens „Volksfeind“ oder „I hired a contract killer“ nach Kaurismäki), war auch dabei. Nach knapp drei Stunden Spieldauer stand er mit seinen Schauspielern auf der Bühne und lächelte glücklich. Die Zuschauer hatten sich da längst von ihren Sitzen erhoben und applaudierten begeistert im Stehen. Das hannoversche Publikum ist freundlich und aufgeschlossen, aber nicht gerade enthusiastisch – dass sich alle Zuschauer zum Applaus erheben kommt nur sehr, sehr selten vor.

Nach dieser Aufführung war solch ein Applaus aber absolut gerechtfertigt. Denn Kriegenburg zeigt hier wieder mal, worin er Meister ist: Er macht kritisches, hochintelligentes Theater, das gleichzeitig sehr sinnlich, oft geradezu betörend ist. Das Kriegenburgsche Kopf und Bauchtheater arbeitet sich hier am passenden Objekt ab: Kafkas dunkle Justizwelt aus „Der Prozess“ gibt erstmal eine schöne Stilvorlage: Leute in schwarzen Anzügen. Der Regisseur liebt solche Men in Black auf der Bühne, hier treten Herren in schwarzen Anzügen auch Damen im großen Schwarzen und mit angeklebtem Bärtchen auf. Mit ihren großen Augen, ihren mechanischen Bewegungen, ihren bisweilen grotesken Gestik – wirken alle Darsteller (darunter auch Walter Hess, Oliver Mallison und Annette Paulmann) wie Kollegen von Buster Keaton. Kafkas Welt und Stummfilmästhetik, das passt sehr gut zusammen. Und Kriegenburg gelingt es tatsächlich, den Roman nicht nur in Gefühlswerten rüberzubringen, sondern ihn über weite Strecken auch gut zu erzählen.

Josef K., der „ohne dass er etwas Böses getan hätte“ eines Morgens verhaftet wurde, wird hier in mehrere, manchmal bis zu acht Figuren aufgesplittet. Das ist nicht nur inhaltlich korrekt, es hat auch den Vorteil, dass man so gut choregraphisches Theater machen kann. Und Kriegenburg will seinen Kafka eben auch tanzen.

Dass das nicht auf einer normalen Tanzfläche geht, ist klar. Dehalb hat der Regisseur, der hier wieder mal sein eigener Bühnenbildner war, eine wundersame Maschine gebaut: vorn ist ein riesiges Oval aufgebaut (ein Auge? Eine Wanne?) hinten rotiert eine Drehbühne, die sich in die Vertikale kippen lässt. Wenn sie fast senkrecht steht, ergibt sich hinten im Auge (oder auf dem Boden der Wanne) ein verrücktes Karussell aus Möbeln und Schauspielern. Dieses Ballett der fortwährend Stürzenden ist schön anzuschauen, aber auch schwindelerregend und beklemmend.

Natürlich knarrt und ächzt die Maschine, anders lässt sich so was nicht zu halbwegs vernünftigen Kosten herstellen. Um das Geknarre zu übertönen, hat der Regisseur das Stück mit einem Soundtrack unterlegt. Zu den Kompositionen des im vergangenen Jahr gestorbenen Theatermusikers Laurent Simonetti sind Geräusche, Lieder, Wortfetzen der Schauspieler zu hören. Das, was sie in ein Mikrofon sprechen wird im Computer zu Klangschleifen geflochten, mehrfach übereinandergelegt, kunstvoll verknotet. Das Geniale dieses Regisseurs kann man hier erkennen: was vielleicht als Hilfsmaßnahme gedacht war, wird zur ganz eigenen Kunstform. Und zu Kafka passt das sowieso.

Theaterformen am Mittwoch:

„More more more… Future“, Szenisches Konzert Studios Kabako, Faustin Linyekula, 20 Uhr Ballhof 1, „L’Effet de Serge“, Performance von Vivarium Studio / Philippe Quesne, 19.30 undUhr, Schauspielhaus Seitenbühne.

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