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Kultur Tänzerin und Choreographin Pina Bausch gestorben
Mehr Welt Kultur Tänzerin und Choreographin Pina Bausch gestorben
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21:39 30.06.2009
Pina Bausch ist tot. Quelle: Isabel Stolte/ddp

In knapp einem Monat, am 27. Juli, wäre sie 69 geworden. Gestern früh starb Pina Bausch völlig unerwartet, fünf Tage nach einer Krebsdiagnose. Am vorletzten Sonntag hatte sie mit ihrer Kompagnie noch auf der Bühne in Wuppertal gestanden.

Aber was bedeutet schon Tod bei dieser Ausnahmekünstlerin? Gäbe es überhaupt ein zeitgenössisches Tanztheater ohne die Kreativität dieser im privaten so zurückhaltenden wie auf der Tanzbühne so revolutionären Tanzerneuerin? Es gehe nicht darum, wie es aussieht, es gehe darum, wie es sich anfühlt. Mit diesen Worten hat sie einmal ihr Verfahren beschrieben, aus biografischem und sinnlichem Material die hohe Kunst der Bewegung sichtbar werden zu lassen.

Pina Bausch, einzige Tochter einer Gastwirtsfamilie in Solingen, ahnte schon früh ihre ungewöhnliche Berufung. Sie besuchte noch die Kinderballettschule, als sie schon über die Bühne huschte: als kleiner Mohr, der im „Rosenkavalier“ ein vergessenes Tüchlein aufzuheben hat. Als 19-Jährige legte sie ihr Examen als Tanzpädagogin an der Folkwang-Hochschule in Essen ab, die Kurt Jooss 1927 mitgegründet und geleitet hatte. Wieder geleitet hatte, muss man sagen: Denn Jooss, der Neuerer des deutschen Ausdruckstanzes, musste die Kriegsjahre im Exil verbringen.

Jooss wusste um den Wert seiner begabtesten Schülerin, und Pina Bausch bekam ein Stipendium in New York. Zwei Jahre blieb sie in Amerika, um an der Julliard School of Music Elevin unter anderem von José Limon zu werden. Sie tanzte beim New American Ballet und an der Metropolitan Opera und zeitweise mit dem zehn Jahre älteren Paul Taylor, einem der ersten amerikanischen Modern-Dance-Choreografen. Zurück in Deutschland lehrte sie an ihrer alten Hochschule und im neu gegründeten Folkwang-Ballett unter Jooss’ Leitung.

„Fragment“ hieß 1967 ihr erstes selbst entwickeltes Tanzstück nach einer Musik von Béla Bartók. Zwei Jahre später gewann sie den ersten Preis des Choreographischen Wettbewerbs in Köln für „Im Wind der Zeit“. Schon 1973 ernannte Intendant Arno Wüstenhöfer sie zur Ballettdirektorin und Chefchoreografin der Städtischen Bühnen in Wuppertal. In dieser Position konnte diese zarte, zierliche, kettenrauchende Frau mit dem schwarzen, streng nach hinten gebürsteten Haar durchstarten. Und längst gehört es zu den belächelten Anekdoten, dass bei Pina Bauschs ersten Premieren mancher Besucher nicht nur verstört war, sondern auch türenknallend die Vorstellung verließ.

Eine ihrer ersten Amtshandlungen war damals, ihre Kompagnie zum „Tanztheater Wuppertal“ umzubenennen. Dort erarbeitete sie mit außergewöhnlichen Tänzern peu à peu das, was heute der Pina-Bausch-Stil ist. Sie begann mit Klassikern wie Strawinskys „Sacre du printemps“ und Glucks „Orpheus und Eurydike“ (beide 1975) noch in einer traditionellen Art von Modern Dance. 1976 entwickelte sie aus Brecht-Weills „Die sieben Todsünden“ eine flirrende, amüsante Revue. Drei Jahre später, in „Komm, tanz mit mir“, arbeitete sie ebenfalls mit Sprache. Allerdings nicht wie auf der Theaterbühne, sondern wie vor dem Theater: Die Tänzer reden über die eher kleinen als großen alltäglichen Dinge.

„Palermo, Palermo“ (1989) oder „Nelken“ (1982) gehören zu ihren Meisterwerken. Es sind Reflexionen über den Zustand der (Um-)Welt, die sich aus traumartigen Motiven, aus improvisierten und pantomimischen Bildern zusammensetzen. Und immer wieder auch aus alltäglichen Gesten, die je banaler desto humorvoller gerieten. In den zurückliegenden Jahren entstanden ihre Stücke oft weit weg von Wuppertal. Nach Rom und Wien, Madrid, Hongkong und Budapest, nach Brasilien flog sie mit ihrem Tanzensemble, um die ewigen Themen von Liebe, Erotik und Partnerschaft für die Bühne neu zu entschlüsseln.

In den späten Jahren geizte sie bei ihren Produktionen immer wieder mit Titeln. Nichts sollte als „fertig“ abgestempelt sein, das Vorläufige, Flüchtige war ihr Anliegen. Statt Titel gab es also Arbeitstitel. Alle ihre Vorstellungen waren ausverkauft.

Weit über 20 abendfüllende Tanzstücke hat diese „Mutter Courage des neuen Tanzes“ entworfen, damit eine neuartige, theatralische und Grenzen überschreitende Tanzsprache entwickelt und reihenweise die höchstdotierten Auszeichnungen für ihre Verdienste in Wissenschaft und Kultur erhalten.

Der Intendant des Hamburg Balletts, John Neumeier, sagte gestern, ihre Arbeit sei ein „Gegengift zum Manierismus des traditionellen Balletts“ gewesen. „Pina Bausch hat mit ihren Choreografien Bomben gesetzt – alle mussten darüber nachdenken.“ Auch der Regisseur Wim Wenders, der einen Film mit ihr plante, nahm die Nachricht vom plötzlichen Tod mit Bestürzung auf: „Ihre Arbeit war und ist und bleibt einmalig. Ihre Kunst hat unsere Zeit bereichert und reflektiert wie kaum eine andere.“
Und eben deshalb lebt sie weiter.

von Alexandra Glanz

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