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Kultur Symposium würdigt Leibniz als Sprachforscher
Mehr Welt Kultur Symposium würdigt Leibniz als Sprachforscher
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08:50 30.05.2012
Von Simon Benne
Wenchao Li, Inhaber der Leibniz Stiftungsprofessur an der Universität Hannover, stellt Leibniz als Sprachforscher vor. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Leibniz-Experte Prof. Dr. Wenchao Li im Interview mit HAZ-Redakteur Simon Benne:

Die Literatur zu Gottfried Wilhelm Leibniz füllt ganze Bibliotheken. Eine Tagung in Hannover würdigt den größten Gelehrten der Stadt Anfang Juni nun als Sprachforscher – warum eigentlich erst jetzt?

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Leibniz hat sich einfach mit zu vielen Themen beschäftigt, da kommt immer etwas zu kurz. Und jetzt, in der Zeit der Globalisierung, wollen wir eben sein Plädoyer für die Vielfalt der Sprachen in den Blick nehmen. Dabei handelt es sich um einen Schatz, den es zu entdecken gilt. Denn Leibniz war ein großer Sprachforscher. Er zeigte großes Interesse an der chinesischen Sprache und deren Schriftzeichen, ließ sich mit über 60 Jahren Unterricht in russischer Sprache geben, mahnte die Deutschen, ihre Sprache besser anzuwenden und verwies auf die Bedeutung des Arabischen. Sprache war für ihn ein Spiegel des Verstandes.

Zu seiner Zeit bedauerte man meist, dass es so viele Idiome gibt. Die Sprachverwirrung galt gewissermaßen als Strafe für den Turmbau zu Babel.

Leibniz aber galt die Verschiedenheit der Sprachen nicht als Fluch. Er sah darin nicht einen Mangel, er sah die Schönheit der Vielfalt. Zur Forschung ließ er weltweit Sprachproben sammeln und nach Hannover schicken. So wollte er mehr über die Ursprünge und Wanderungen der Völker erfahren. Reisende ersuchte er, Übersetzungen des Vaterunsers in fremden Sprachen mitzubringen. Ein französischer Missionar etwa schickte ihm eine Version auf Mandschurisch. Leibniz bat auch den Bürgermeister von Amsterdam, der gute Kontakte nach Russland hatte, um Hilfe: Karawanen, die durch Sibirien zogen, sollten dort Sprachproben für ihn sammeln. Allerdings stieß er an Grenzen ...

Inwiefern?

In den Sprachen vieler „mongalischer“ Völker, wie Leibniz das Mongolische nannte, scheiterte die Übersetzung des Vaterunsers schon daran, dass es keine Entsprechung für „heilig“ gab.

Leibniz träumte von einer weltweiten Universalsprache. Muss der Philosoph, Diplomat, Jurist und Historiker jetzt auch noch als Erfinder des Esperanto gelten?

In der Tat sehen Esperanto-Anhänger ihn als Vorreiter. Er dachte an ein Zeichensystem, das alle Wissenschaftler benutzen könnten, ohne sprechen zu müssen. Sein Grundgedanke war gar nicht falsch: Er ging davon aus, dass die theologischen Streitigkeiten seiner Zeit daher rührten, dass zwar alle Beteiligten dieselbe Sprache sprechen, aber deren Zeichen teils unterschiedlich verstehen. Sie haben für die Sprecher keine deckungsgleiche Bedeutung. Von einer Universalsprache erhoffte sich Leibniz auch das Finden von neuen gemeinsamen Nennern. So, wie Mathematiker, die bei einer Aufgabe zu verschiedenen Lösungen kommen, den Rechenweg noch einmal gemeinsam durchgehen können, um den Fehler zu finden.

Kurz vor seinem Tod 1716 soll Leibniz gar die Sprache der Engel erforscht haben ...

Die Existenz von Engeln stand für ihn außer Frage, und dass diese als Gottesboten auch sprechen mussten, auch. Sein allerletzter Aufsatz beschäftigte sich womöglich mit der Dechiffrierung der Sprache der Engel. Gott schuf die Welt ja durch Sprechen, die göttliche Sprache drückt die Eigenschaften der Dinge direkt aus – wer ihr auf die Spur kommt, ist dem Wesen der Natur auf die Spur gekommen.

Und welche Erkenntnisse hat der betagte Gelehrte über Engelssprache gewonnen?

Leider wissen wir nicht viel davon. Es gibt da einen legendenhaften Bericht, eher ein Gerücht. Demnach lag Leibniz kurz vor seinem Tod im Bett. Ein Mitarbeiter im Nebenzimmer hörte ein Geräusch, stürzte herein und sah, dass Leibniz im Begriff war, Papiere ins Kerzenlicht zu halten und anzuzünden. Dabei könnte es sich um den Aufsatz zur Engelssprache gehandelt haben. In einer Version der Geschichte ist es Leibniz gelungen, die Papiere zu verbrennen ...

Und in der anderen?

... ist es dem Angestellten gelungen, Leibniz das Manuskript wegzunehmen. Das ist die Version, der ich gerne glauben möchte. Dann können wir Hoffnung haben, dass der heute verschollene Aufsatz sich irgendwann einmal anfindet.

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