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Kultur Suzanne Collins’ zweiter „Tribute von Panem“-Roman erscheint
Mehr Welt Kultur Suzanne Collins’ zweiter „Tribute von Panem“-Roman erscheint
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18:10 15.05.2010
Von Martina Sulner
Spannende Geschichte für jedes Alter: „Harry Potter und der Halbblutprinz“ von Joanne K. Rowling. Quelle: Handout
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Vampire und junge Frauen, die den Blutsaugern verfallen, Drachen und Drachenjäger, Zauberlehrlinge und Mädchen, die sich in andere Welten hineinlesen können: Solche Figuren bevölkern die Bestseller der vergangenen Jahre – von Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Büchern und Cornelia Funkes „Tinten“-Trilogie über Stephenie Meyers „Bis(s)“-Romane bis zu der „House of Night“-Reihe von P. C. und Kristin Cast. Mutter und Tochter Cast stehen derzeit mit „Betrogen“, dem zweiten Band ihrer Serie, in den deutschen Bestsellerlisten, genau wie Stephenie Meyer mit ihrem letzten „Biss“-Buch, und die Bände von Rowling und Funke waren sowieso Welterfolge.

All diese Bücher entführen die Leser in phantastische Welten – und sprengen die Grenzen zwischen dem, was man vor ein paar Jahren noch akribisch unterschieden hat: zwischen dem Kinder- und Jugendbuch und dem Roman für Erwachsene. Diese sogenannten All-Age-Romane bescheren Verlegern und Buchhändlern gute Geschäfte. Fast 16 Prozent seines Gesamtumsatzes machte der deutsche Buchhandel im vergangenen Jahr mit Kinder- und Jugendbüchern; die Titel für Leser ab zwölf Jahren (bei denen die All-Age-Titel mitgerechnet werden) legten im Vergleich zum Vorjahr um sagenhafte 44 Prozent zu.

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Diese Zahlen sind gewaltig und eindeutig. Die Gründe dafür, dass 40-Jährige sich für Geschichten mit jugendlichen Helden interessieren, sind hingegen vielschichtiger. Da ist zum einen die Liebe zur Fantasyliteratur: Romane über andere Welten verkaufen sich ähnlich wie Historienromane seit Jahrzehnten (Stichwort: „Herr der Ringe“) bestens. Sie sind meist spannend und bieten eine Lichtgestalt an, die gegen das Böse kämpft – und die zur Identifikation einlädt. Die All-Age-Titel sind, zum anderen, meist so süffig zu lesen, dass das Bedürfnis nach Unterhaltung bestens befriedigt wird. Der Wunsch vieler erwachsener Leser nach einer relativ überschaubaren Handlung und vielleicht auch danach, mal wieder in einem Schmöker zu versinken wie früher, scheint riesengroß zu sein. Möglicherweise ist das alles nur Ausdruck von Eskapismus oder einer Infantilisierung unserer Gesellschaft – in einer immer komplizierter erscheinenden Welt sehnen sich zahlreiche Erwachsene nach den Jahren, als sie behütet aufwuchsen und nicht zu viele Ansprüche an sie gestellt wurden. Tatsache aber bleibt, dass einige dieser Romane (siehe Harry Potter) eben auch besonders gute Geschichten erzählen.

In die Reihe der All-Age-Erfolge sollen jetzt auch die „Tribute von Panem“-­Romane der amerikanischen Autorin ­Suzanne Collins aufsteigen. In diesen ­Tagen erscheint der zweite Band, Untertitel: „Gefährliche Liebe“, in Deutschland. In den USA hat Collins bereits mehr als 1,5 Millionen „Panem“-Bücher verkauft, sie stand lange in den Bestsellerlisten und hat zahlreiche Preise erhalten. „Gefährliche Liebe“ startet in Deutschland mit einer vergleichsweise bescheidenen Erstauflage von 75 000 Bänden, doch Nicole Hartmann vom Oetinger-Verlag glaubt, dass „das Interesse an den Büchern in Deutschland jetzt steigen wird“. Es sieht ganz danach aus: Der erste ­„Panem“-Band steht auf der Auswahl­liste für den Deutschen Jugendbuchpreis, und der Oetinger Verlag hat für den neuen Band schon vor Wochen die PR-­Maschine angeworfen. Es gibt einen ­„Panem“-Zeichenwettbewerb, eine Fanseite beim sozialen Netzwerk Facebook, und man kann regelmäßig Twitter-Kurzmitteilungen über „Panem“ erhalten.

„Panem“ ist eine typische All-Age-Reihe. Die Geschichte spielt in einer nicht näher definierten Zukunft, nach der Zerstörung der USA. Der Kontinent ist aufgeteilt in Distrikte, in denen die Bewohner wie Sklaven einzig für das Wohl der Menschen in der Hauptstadt arbeiten müssen. Einmal im Jahr treffen Abgesandte der zwölf Distrikte zu Kämpfen in einer riesigen Arena aufeinander. Nur einer kommt durch. Heldin der Reihe ist die bildhübsche 16-jährige Katniss, die im ersten Band die modernen Gladiatorenkämpfe überlebt hat und jetzt wieder in der Arena antreten muss.

„Gefährliche Liebe“ lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen lesen: Es ist ­einerseits eine nicht sonderlich elegant, ja, sogar gelegentlich recht holprig geschriebene, aber spannend zu lesende Geschichte einer Jugendlichen, die ums Überleben kämpft und die zwischen zwei Männern steht. Andererseits kann man das Buch aber auch als bittere Medienkritik lesen, was es für ältere Leser besonders interessant macht: Collins zeichnet eine Welt, in der die Kämpfe live im Fernsehen übertragen werden – „Dschungelcamp“ und Superstar-Suche mit tödlichem Ausgang.

Suzanne Collins’ Buch ist, so heißt es beim Verlag, für Leser von zwölf Jahren an gedacht, mit offener Grenze nach oben. Kritiker allerdings warnen auch davor, dass Romane für Kinder wie Eltern gleichermaßen vermarktet werden. Das klassische Kinderbuch, so die Bedenken, gerate zunehmend aus dem Fokus von Buchhändlern. Der Arbeitskreis für Jugendliteratur befürchtet, dass Bücher für Sechs- bis Elfjährige „auf der Strecke bleiben“. Andere Kritiker meinen, dass sich Erwachsene viel zu stark in die Welt von Jugendlichen hineindrängten, ihnen noch nicht einmal „ihre“ Literatur ließen. Simone Ehmig von der Stiftung Lesen sieht es anders: All-Age-­Bücher könnten eine „Brückenfunktion“ wahrnehmen, also zu Gesprächen zwischen den Generationen beitragen und die Lust am Lesen fördern.

Wer den neuen „Panem“-Band liest, egal in welchem Alter, dürfte zumindest die Lust an jeglicher Superstar-Suche im Fernsehen verloren haben.

Suzanne Collins: „Die Tribute von Panem – Gefährliche Liebe“. Aus dem Amerikanischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss. Oetinger-Verlag. 431 Seiten, 17,95 Euro.

15.05.2010
12.05.2010