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Kultur Suhrkamp-Verlag: Showdown vor Gericht
Mehr Welt Kultur Suhrkamp-Verlag: Showdown vor Gericht
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00:15 14.02.2013
Von Martina Sulner
Im Streit der Suhrkamp-Gesellschafter geht es um die Existenz des Verlags. Quelle: dpa
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Hannover

Die Verhältnisse sind so zerrüttet wie bei Ehepaaren, die mitten in einer schmutzigen Scheidung stehen. Und ähnlich wie bei Ehescheidungen durchblicken Außenstehende im Streit um den Suhrkamp-Verlag auch nicht immer, welche Motive die Kontrahenten umtreiben: Sind es alte Verletzungen? Unterentwickelte Kompromissbereitschaft? Ausgeprägte Geldgier?

Im vergangenen Dezember jedenfalls ist der Streit zwischen Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach, Miteigentümer von Deutschlands wohl bekanntestem Verlagshaus, eskaliert. Und am Mittwoch könnte womöglich das Ende des Traditionshauses verkündet werden: Das Landgericht Frankfurt hat über die Klagen von Unseld-Berkéwicz und Barlach zu entscheiden, die sich gegenseitig als Gesellschafter ausschließen wollen. Schon vor Monaten hat der zuständige Richter nicht ausgeschlossen, dass - sollten sich die Kontrahenten nicht kompromissbereit zeigen - die Verlagsgesellschaft aufgelöst werden könnte. So wie Barlach dies in seiner Klage auch beantragt hat.

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Wie konnte es so weit kommen? Tatsache ist, dass Unseld-Berkéwicz, die über ihre Familienstiftung 61 Prozent der Suhrkamp-Anteile hält, und Barlach, der über seine Medienholding mit 39 Prozent am Verlag beteiligt ist, seit Jahren schwer kompatibel sind. Er, so der - vereinfacht ausgedrückte - Vorwurf von Unseld-Berkéwicz, sei nur am Geld des Hauses interessiert und habe keine Ahnung von Literatur. Sie, so Barlach, sei nicht in der Lage, einen Verlag zu führen.

In diesem Punkt hat der Enkel des berühmten Bildhauers vor Gericht Recht erhalten: Im Dezember hat ein Berliner Gericht entschieden, dass Unseld-Berkéwicz als Suhrkamp-Geschäftsführerin abgesetzt werden solle und sie zur Zahlung eines Schadensersatzes von 282500 Euro verpflichtet. Unseld-Berkéwicz hatte Räume in ihrer Privatvilla in Berlin, wohin der lange in Frankfurt ansässige Verlag vor drei Jahren umgezogen ist, für Veranstaltungen an den eigenen Verlag vermietet. Barlach hatte daraufhin geklagt - weil er als Mitgesellschafter in dieser Angelegenheit nicht befragt worden sei und weil Unseld-Berkéwicz Privates und Geschäftliches unzulässig vermischt habe.

Seit dem Berliner Urteil und in Kenntnis des Termins am Dienstag vor dem Landgericht Frankfurt bringen sich Freunde und Feinde der Verlegerin in Stellung. Zahlreiche Suhrkamp-Autoren haben in Interviews und Petitionen Partei für Ulla Unseld-Berkéwicz ergriffen. So haben etwa 70 Autoren des Hauses, darunter Durs Grünbein, Sybille Lewitscharoff und Tankred Dorst Anfang Januar einen Appell veröffentlicht, in dem es unter anderem heißt: „Wir, die Autoren wie die Erben der Autoren, lassen nicht zu, dass der Frieden dieses Hauses gebrochen wird. Wir gehören zum Suhrkamp Verlag, nicht aber in die Gesellschaft eines, der den Verlag aufs Spiel setzen will.“

Diese einfache Gleichung - Unseld-Berkéwicz als Hüterin der Suhrkamp-Kultur und Barlach als Heuschrecke - entbehrt nicht einer gewissen Komik: Als Unseld-Berkéwicz nach dem Tod ihres Mannes, des Verlegers Siegfried Unseld, das Haus übernahm, protestierten zahlreiche Autoren vehement, weil man ihr den Job nicht zutraute. Renommierte Schriftsteller wie Martin Walser und wichtige Verlagsmitarbeiter wie Lektor Thorsten Ahrend, der jetzt das Belletristik-Programm beim Wallstein Verlag verantwortet, verließen Suhrkamp.

Der Imagewechsel der Verlegerin ist beachtlich. Unverändert ist das Image des Hauses: Der wird von vielen - gerade älteren - Lesern und Kritikern als wichtig angesehen. Doch halten die literarischen Programme der vergangenen Jahre nicht unbedingt mit dem Schritt, was man in der alten Bundesrepublik als Suhrkamp-Kultur schätzte.

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