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Kultur Staatsballett Berlin begeistert in Hannover
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20:02 04.04.2012
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Ein Feuerwerk der Artistik: Polina Semionova und Waldimir Malakhov mit dem Staatsballett Berlin. Quelle: Nawrath
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Hannover

Kaum hebt sich der Vorhang, geht ein seliges Seufzen durch die Sitzreihen des ausverkauften Opernhauses in Hannover. Vor himmelblauem Hintergrund posieren grazile Wesen in schneeweißen Tutus. Majestätisch schwebt Polina Semionova mit ihren unendlich langen Beinen über die Bühne und lässt sich in Wladimir Malakhovs muskulöse Arme fallen. Ballett in seiner reinsten Form. „Schwanensee“ ist, mehr als hundert Jahre nach der Uraufführung, immer noch der Inbegriff des klassischen Tanzes. Und wenn das Liebespaar Odette und Siegfried dann auch noch von zwei Weltklassesolisten dargestellt wird, gibt es für Ballettomanen kein Halten mehr. So brandete schon nach den ersten paar Minuten der Vorstellung des Berliner Staatsballetts frenetischer Beifall auf. Wie sollte dieser Höhepunkt noch übertroffen werden?

Intendant Malakhov setzte in seiner extra für Hannover zusammengestellten „Festlichen Gala“ im Rahmen der Ostertanztage in der Oper den zweiten Akt aus „Schwanensee“ selbstbewusst an den Anfang. Damit markierte er den immens hohen Anspruch an sein Ensemble.

Was in den nächsten zwei Stunden folgte, war vor allem ein Feuerwerk der Artistik, das im Pas de deux aus Marius Petipas „Don Quixote“ gipfelte: Iana Salenko und Dinu Tamazlacaru liefern sich einen temporeichen Wettstreit um die waghalsigsten Posen. Er glänzt mit Sprunggewalt, sie auf der Spitze. Immer wieder treibt Szenenapplaus das Paar zu neuen Höchstleistungen an. Hier triumphiert die technische Perfektion. Wie so oft an diesem Abend.

Keine Frage, das gesamte Ensemble beeindruckt mit vortrefflicher Brillanz. Jede Geste, jeder Schritt, jede Drehung ist punktgenau. Alles harmoniert. Doch wirkt dieses „Best of“ aus dem Repertoire, das zumeist eine Rückschau auf das romantische Ballett des 19. Jahrhunderts ist, größtenteils seltsam blutleer. Wie beim Aufziehen mechanischer Spieldosen umwölkt den Zuschauer eine bekannte Melodie nach der nächsten, drehen anmutige Frauen Pirouetten, während stolze Männer sie umkreisen. Wirklich emotionale Augenblicke sind selten.

Selbst Semionovas und Malakhovs Schwanenseeduett mutet unterkühlt an. Vielleicht liegt es daran, dass die von Malakhov entdeckte Primaballerina vor ein paar Wochen ohne Angabe von Gründen darum bat, sie vorzeitig aus ihrem bis 2013 geltenden Vertrag zu entlassen. Nach zehn Jahren Berliner Staatsballett will die 27-Jährige offenbar künftig mehr an ihrer internationalen Karriere arbeiten. Den größten Beifall beim Schlussapplaus heimste vor allem Shoko Nakamura als fragile „La Péri“ im zweiten Akt von Malakhovs gleichnamiger Choreografie ein.

Zum Finale wollte Berlins Intendant das Publikum laut Programmheft noch einmal mit dem „romantischen Zeitgeist“ vertraut machen. Die eigentlichen Highlights dieses Abends waren jedoch gerade jene Stücke, die zeitgenössisch geprägt sind. Etwa das wunderbar gefühlvoll von Nadja Saidakova und Malakhov getanzte Duett aus Angelin Preljocajs „Le Parc“ oder der atmosphärisch dichte Pas de deux aus Tim Plegges „Sonett XVIII“ zur Musik von Philip Glass mit Saidakova und Vladislav Marinov.

Ein Soloauftritt des einst von der „New York Times“ als „Jahrhunderttänzer“ bezeichneten Malakhov, der seine Karriere beim Moskauer Bolschoi-Theater begann, fügte dem über weite Strecken doch mit recht viel Zuckerguss überfrachteten Abend schließlich eine wunderbare zartbittere Note hinzu: Der „Sterbende Schwan“ von Mauro de Candia steht für Schönheit und Schmerz. Malakhov gelang es mit seiner elegischen Interpretation, nicht bloß zu faszinieren, sondern auch zu berühren.

Die Ostertanztage werden mit dem Gastspiel von „La, La, La Human Steps“ am Karfreitag, 19.30 Uhr, in der Oper fortgesetzt. Es gibt es nur noch Restkarten unter (0511) 99991111.

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